Treffen in Südkorea

Gegen China und Nordkorea: Tokio und Seoul gehen wieder aufeinander zu

+
Mitte März besuchte Yoon Suk-yeol (rechts) seinen japanischen Amtskollegen Fumio Kishida in Tokio.
  • schließen

Neue Allianzen in Asien: Japan und Südkorea wollen verstärkt zusammenarbeiten, die Nato wird wohl ein Büro in Tokio eröffnen. Dennoch knirscht es zwischen Seoul und Tokio bisweilen auch gewaltig.

München/Seoul – Selbst eine gut bezahlte Werbeagentur hätte sich kaum schönere Bilder ausdenken können. Am Mittwoch vergangener Woche lud US-Präsident Joe Biden seinen südkoreanischen Kollegen Yoon Suk-yeol zu einem pompösen Staatsbankett ins Weiße Haus. Der Abend war ein Schaulaufen amerikanischer Polit- und Hollywood-Prominenz, bei dem schließlich ein bestens gelaunter Yoon höchstselbst zur Gitarre griff und den Folksong „American Pie“ anstimmte. Zuvor hatten beide Staatsoberhäupter ein Abkommen geschlossen, das Seouls Botschafter in Washington später ein „neues Kapitel“ in den Beziehungen der beiden Staaten nennen sollte.

Wenn an diesem Sonntag Japans Premierminister Fumio Kishida nach Seoul reist, dürfte er also auf einen zu Recht selbstbewussten Gastgeber treffen. Wobei: Da waren noch diese anderen Bilder, aufgenommen am Dienstag auf einem unwirtlichen Felsen mitten in jenem Meer, das man in Tokio „Japanisches Meer“ und in Seoul „Ostmeer“ nennt.

Jeon Yong-gi von Südkoreas oppositioneller Demokratischer Partei war zusammen mit seinen Mitarbeitern auf den Liancourt-Felsen gereist, ein winziges Felsenarchipel, das seit Jahrzehnten zwischen Japan und Südkorea umstritten ist. „Willkommen auf Dokdo in Korea“, steht auf einem Transparent, das Jeon und seine Mitstreiter in die Kamera halten. Dokdo ist Südkoreas Name für den Felsen, in Japan spricht man von den Takeshima-Inseln. De facto werden die Inseln von Seoul aus verwaltet, zum Unmut der Regierung in Tokio. Deren Außenministerium legte denn auch gleich Protest gegen den Besuch ein und erklärte, die Inselchen seien ein „unveräußerlicher Bestandteil“ des japanischen Hoheitsgebiets.

Japans Kolonialherrschaft sorgt noch immer für Unmut in Südkorea

Für Südkoreas Präsidenten kommt die Insel-Posse zur Unzeit, denn eigentlich steht es um die Beziehungen zum Nachbarstaat Japan so gut wie seit Langem nicht mehr. So unternahm Seoul erst Anfang März einen Vorstoß, um eines der größten Hindernisse im Umgang mit Tokio aus dem Weg zu räumen: Südkoreanerinnen und Südkoreaner, die während der Zeit der japanischen Besatzung Opfer von Zwangsarbeit oder als Sexsklavinnen missbraucht wurden, müssen demnach nicht länger von Japan entschädigt werden, sondern von Südkorea selbst. Dazu soll Geld aus privaten Spenden in einen Fonds fließen, was Tokio und auch Washington ausdrücklich begrüßten – viele Menschen in Südkorea jedoch empört ablehnen. Die japanische Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 lässt sich in ihren Augen so billig nicht wiedergutmachen.

Noch 2018 hatte Südkoreas oberstes Gericht Japan zu Entschädigungszahlungen verurteilt – eine Entscheidung, die Tokio ignorierte und einen Handelskonflikt zwischen beiden Staaten nach sich zog. Seit 2018 hat deshalb auch kein japanischer Premierminister mehr Südkorea besucht.

Dass Japan und Südkorea wieder aufeinander zugehen – Yoon war erst im März in Japan –, hat viel damit zu tun, dass man sich als Staat seine Nachbarn eben nicht aussuchen kann. Da ist zum einen China, das in der Region immer selbstbewusster auftritt. Staats- und Parteichef Xi Jinping macht keinen Hehl daraus, dass er das demokratische Taiwan mit dem Festland „wiedervereinigen“ will, notfalls auch mit Gewalt.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

In Südkorea macht man sich Sorgen wegen Kim Jong-uns Raketendrohungen

Sollte der Konflikt militärisch eskalieren, wären wohl auch Japan und Südkorea direkt betroffen: In beiden Ländern sind Zehntausende US-Soldaten stationiert, die Washington möglicherweise, etwa von Okinawa aus, in den Krieg schicken würde. Für Tokio sind Pekings Drohgebärden jedenfalls „die größte strategische Herausforderung“ aller Zeiten, wie man in der neuen japanischen Sicherheitsstrategie nachlesen kann. Und auch mit Peking gibt es Streitigkeiten wegen einiger Eilande – den Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln, die zwischen Japan und Taiwan liegen.

In Seoul blickt man ebenfalls besorgt in Richtung Taiwan – noch sorgenvoller aber nach Norden, ins abgeschottete Reich von Kim Jong-un. Nordkoreas Diktator könnte jederzeit einen weiteren Atomtest anordnen, seit Monaten lässt er eine Rakete nach der anderen zu Testzwecken ins Meer abfeuern. „Nordkoreas Provokationen werden weitergehen“, urteilte die ehemalige CIA-Analystin Sue Mi Terry unlängst bei einer Veranstaltung der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. Sie erwartet weitere Tests und eine zunehmende Modernisierung des nordkoreanischen Waffenarsenals. China, das wohl als einziges Land weltweit einen gewissen Einfluss auf Kim ausüben könnte, lässt den Diktator gewähren. „China war wenig hilfreich in der Nordkorea-Frage“, so Terry.

Die Regierung Washington nimmt die Sorgen der Südkoreaner hingegen ernst. Anlässlich von Yoons Staatsbesuch vergangene Woche unterzeichneten beide Seiten eine Erklärung, die Seouls Abschreckungsfähigkeiten stärken soll – unter anderem wird demnächst ein US-Atom-U-Boot in Südkorea Station machen. In Tokio weckt das Begehrlichkeiten, schließlich landen immer wieder nordkoreanische Raketen in gefährlicher Nähe zu den japanischen Inseln.

Japan will enger mit der Nato zusammenarbeiten

Die Versuche der Japaner und der Südkoreaner, das Kim-Regime und die Regierung in Peking auf Abstand zu halten, wollen beide Staaten in einen größeren Kontext einbetten. Im Mai wird Yoon Suk-yeol als Gast beim G7-Treffen im japanischen Hiroshima erwartet. Deren Außenminister hatten Nordkorea im April mit einer „schnellen, geeinten und robusten internationalen Reaktion“ gedroht, sollte das Kim-Regime weitere Raketen testen. Insgeheim erhofft man sich in Seoul, irgendwann das achte Mitglied der Staatengruppe werden zu können. Zunächst aber will man enger mit der Quad-Gruppe zusammenarbeiten, einem Sicherheitsdialog der Regierungen Japans, Indiens, Australiens und der USA. Japan wiederum will einem Medienbericht zufolge enger mit der Nato kooperieren, die zu diesem Zweck ein Verbindungsbüro in dem Land eröffnen wird.

Pjöngjang und Peking sehen diese neuen Allianzen natürlich gar nicht gerne. In Nordkorea organisierte das Kim-Regime unlängst Proteste, bei denen Bilder des „senilen Kriegs-Monsters“ Joe Biden und „seines Marionettenverräters der Sonderklasse“ Yoon Suk-yeol verbrannt wurden, wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA polterte. In Peking gab man sich in der Wortwahl diplomatischer, aber nicht weniger bestimmt. „Die USA haben durch die Ausnutzung der Probleme auf der koreanischen Halbinsel Spannungen verursacht“, erklärte eine Sprecherin des Außenministeriums. „Das Verhalten der USA ist das Ergebnis ihrer Mentalität des Kalten Krieges.“ Gänzlich unerwähnt ließ die Sprecherin indes, dass es Nordkorea ist, das seit Monaten mit Raketen auf seine Nachbarn zielt.

Kommentare