Erstmals seit dem Besuch von Nancy Pelosi in Taiwan spricht Indien von einer „Militarisierung“ der Region. Hintergrund ist ein Streit mit China über ein angebliches Spionageschiff.
München/Colombo – Indien hat seine Zurückhaltung in der Taiwan-Krise aufgegeben. In einer Stellungnahme, die am Wochenende veröffentlicht wurde, sprach der indische Vertreter in Sri Lanka von einer „Militarisierung der Taiwanstraße“. Die Taiwanstraße ist eine Meeresenge, die das demokratisch regierte Taiwan und die Volksrepublik China trennt.
Wie die Hindu Times berichtet, war es das erste Mal, dass sich Indien in der aktuellen Krise derart deutlich zu Wort meldete. Bislang hatte das indische Außenministerium lediglich erklärt, die Regierung in Neu-Delhi sei „besorgt über die jüngsten Entwicklungen“ und fordere „zur Zurückhaltung, zur Vermeidung einseitiger Aktionen zur Änderung des Status quo, zur Deeskalation der Spannungen und zu Bemühungen um die Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in der Region auf“.
Der indische Vertreter zog in seiner Stellungnahme eine Parallele zwischen der „Militarisierung der Taiwanstraße“ und jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka. Dort hatte vor wenigen Wochen das chinesische Überwachungsschiff „Yuan Wang 5“ trotz Protesten aus Neu-Delhi am Hafen der Stadt Hambantota angelegt. Das Schiff der chinesischen Volksbefreiungsarmee dient Berichten zufolge unter anderem der Verfolgung von Satelliten- und Interkontinentalraketen. Indien hatte im Vorfeld Bedenken geäußert, die „Yuan Wang 5“ könnte militärische Einrichtungen auf dem nahe gelegenen indischen Festland ausspionieren. China hingegen erklärte, das Schiff führe lediglich maritime Forschungsarbeiten durch. Staatsmedien verwiesen zudem darauf, dass bereits 2014 ein Schiff vom selben Bautyp Sri Lanka besucht habe.
Nach dem Pelosi-Besuch erhält die Taiwan-Frage neue Brisanz
Nachdem die „Yuan Wang 5“ vor wenigen Tagen Hambantota verlassen hatte, erklärte die chinesische Botschaft in Sri Lanka, Indien habe die vorgebrachten Sicherheitsbedenken als Vorwand genutzt, um sich in die „Souveränität und Unabhängigkeit“ Sri Lankas einzumischen. Daraufhin sagte der indische Vertreter in dem Inselstaat, das von einer schweren Wirtschaftskrise gebeutelte Sri Lanka brauche „Unterstützung und keinen unerwünschten Druck oder unnötige Kontroversen, um die Agenda eines anderen Landes zu bedienen“. In der Mitteilung wurde auch darauf Bezug genommen, dass der Hafen von Hambantota unter chinesischer Kontrolle steht: Weil Sri Lanka die Schulden für den Bau des Hafens durch China nicht bedienen konnte, wurde Hambantota für 99 Jahren unter Kontrolle der Volksrepublik gestellt.
Zur Verschärfung der Taiwan-Rhetorik sagte Wen-ti Sung von der Australian National University dem britischen Guardian: „Indien weiß, dass China keine Eskalation an mehreren Fronten will, und wagt es, ein neues Druckmittel zu schaffen, wo vorher keines war, indem es China auf Taiwan anspricht.“ Der seit Jahrzehnten ungelöste Taiwan-Konflikt erhielt Anfang August neue Brisanz, nachdem die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi den Inselstaat besucht hatte. China betrachtete Taiwan als „abtrünnige Provinz“ und droht mit der militärischen Eroberung des 23-Millionen-Einwohner-Staats.
Beziehungen zwischen Indien und China sind angespannt – auch wegen eines Grenzkonflikts
Die Beziehungen zwischen China und Indien sind seit Jahren angespannt. Streitpunkt ist vor allem die Frage, wo genau die rund 3.500 Kilometer lange Grenze zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt verläuft. Im Frühjahr 2020 war es deshalb in einer abgelegenen Himalaya-Region zu Handgreiflichkeiten zwischen chinesischen und indischen Soldaten gekommen, bei denen Berichten zufolge bis zu 60 Menschen starben. Auch im Indischen Ozean gehen die beiden Atommächte auf Konfrontationskurs. Indien betrachtete die Region, in der einige der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt verlaufen, als seinen Hinterhof. Gleichzeitig baut Peking in der Region seinen Einfluss aus und hat neben Sri Lanka auch in Pakistan und Myanmar Häfen gebaut, die Indien als Bedrohung ansieht. (sh)