- VonMatthias Kochschließen
Peking stimmt freundlichere Töne an im Streit mit Washington. Das sollte US-Außenminister Antony Blinken bei seinem China-Besuch nutzen, um die Beziehungen weiter zu entspannen.
China erschien aus westlicher Sicht in letzter Zeit kälter und zugeknöpfter denn je. Doch als Microsoft-Gründer Bill Gates in Peking Chinas Staatschef traf, war plötzlich alles etwas anders. „Ich freue mich sehr, den alten Freund aus Amerika wieder zu treffen“, strahlte ein verblüffend charmanter Xi Jinping – dem es neuerdings gefällt, die Stimmung zwischen China und den USA wieder wärmer werden zu lassen. Schon Tesla-Eigentümer Elon Musk wurde dieser Tage bei einem China-Trip wie auf Händen getragen.
US-Außenminister Antony Blinken ist weniger beliebt in China. Ihm gehören dort keine Fabriken, er gebietet nicht über Investitionen und Technologie. Doch weil China nicht mit der US-Wirtschaft kooperieren kann, ohne sich auch auf ein Mindestmaß an Zusammenarbeit mit der amerikanischen Regierung einzulassen, wird Peking an diesem Wochenende wieder einen US-Außenminister empfangen – erstmals seit fünf Jahren
Der Besuch war überfällig. Die Sprachlosigkeit zwischen beiden Mächten wurde zuletzt regelrecht gefährlich. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin bekam, als er hinter den Kulissen mal schnell Missverständnisse ausschließen wollte, in Peking niemanden ans Telefon. Dies ist angesichts gelegentlicher Drohgebärden bei Manövern im Südchinesischen Meer ein haarsträubender Missstand.
Tatsächlich sind die Beziehungen derzeit so schlecht, dass schon die systematische Vermeidung weiterer negativer Eskalationen allen Ernstes als diplomatischer Erfolg gefeiert werden kann. Ideal wäre es, wenn bald ein Treffen Xi Jinpings mit US-Präsident Joe Biden folgen würde. Dies hätte einen dämpfenden Effekt auf Wladimir Putin, den Kriegsherrn im Kreml.
Es ist Zeit, dass sich grundlegend was dreht im amerikanisch-chinesischen Verhältnis. Doch wer immer da etwas drehen will, muss es schnell tun: Im US-Wahljahr 2024 ist es zu spät. Erfahrungsgemäß wollen weder Demokraten noch Republikaner in den Verdacht geraten, sie seien „too soft on China“: zu weich gegenüber der von US-Wählerinnen und -Wählern als zunehmend trickreich und aggressiv empfundenen Regierung in Peking.
China blickt jetzt auf eigene Fehler. Das Regime hat sich keinen Gefallen getan, als es zu Jahresbeginn Spionageballons über Atomraketensilos im amerikanischen Nordwesten gleiten ließ. Es war auch keine gute Idee, jetzt die chinesischen Spionageeinrichtungen in Kuba mit hohem Aufwand ausbauen zu wollen.
Bevor Blinken aus Washington abflog, wurde er von seinem Amtskollegen Qin Gang noch einmal telefonisch zu mehr Respekt gegenüber China ermahnt – stilistisch ist das eigentlich ein Unding. Blinken wird in Peking erläutern, dass Respekt auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Auch die freie Welt hat Anspruch auf Respekt.
China würde respektlos handeln, wenn es einem außer Rand und Band geratenen Russland, das in Europa den schlimmsten Krieg seit 1945 angezettelt hat, Waffen liefern würde. Respektlos wäre es auch, wenn Peking die Ukrainekrise nutzte, um in einem eigenen blutigen Gewaltakt die Demokratie in Taiwan zu zerstören.
Je besser in Peking westliche Botschaften dieser Art verstanden werden, umso besser kann man sich auch wieder den gemeinsamen Geschäften widmen. Zum Glück scheint Xi auf diesem Ohr inzwischen nicht mehr taub zu sein. Er braucht die freie Welt als Handelspartner.
Demografische Daten deuten darauf hin, dass China, bevor es reich wird, alt wird. Aktuell ringt das Land mit einem enttäuschenden Wachstum, einem kriselnden Immobiliensektor und einer Rekordarbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Die Macht des Drachen ist groß, sie darf aber auch nicht überschätzt werden.