Ex-Oligarch Michail Chodorkowski ruft die russische Bevölkerung zum Widerstand gegen Kremlchef Wladimir Putin auf – und gibt konkrete Anregungen.
London - Eine Mehrheit der Russen stützt den Kurs von Kremlchef Wladimir Putin - so behaupten es jedenfalls verschiedene Umfragen aus Russland. Unsicher ist, wie aussagekräftig diese sind - offene Kritik am Ukraine-Krieg bestraft der russische Machtapparat streng. Der Kremlkritiker Michail Chodorkowski indes sieht ungeachtet dessen nun Potenzial für einen „bewaffneten Widerstand“ der Bevölkerung.
Chodorkowski rief die russische Bevölkerung in einem Gespräch mit dem Guardian dazu auf, eine „Welle der Sabotage“ gegen die staatlichen Strukturen loszutreten. Als Beispiele für solchen „bewaffneten Widerstand“ nannte er gegenüber der britischen Tageszeitung:
Anti-Kriegs-Graffiti sprühen
Bahntransporte blockieren, die im Zusammenhang mit der russischen Invasion stehen
Büros für die Einberufung zum Wehrdienst „niederbrennen“
„Wir müssen den Menschen erklären, was in ihrer Hand liegt, sie überzeugen, es auch zu tun, und ihnen wiederum helfen, falls sie als Konsequenz in eine gefährliche Situation geraten“, sagte Chordowski. Mit Blick auf den Mord-Anschlag auf die Propagandistin Darja Dugina betonte er aber: „Natürlich sind wir entschieden gegen terroristische Methoden, die unbewaffnete Menschen schädigen.“
Putin-Kritiker Chodorkowski hofft auf „demokratisches Russland“
Chodorkowski bewarb in dem Guardian-Gespräch auch sein neues Buch „The Russia Conundrum“, das kommende Woche auf Englisch erscheint. Wohl die Spekulationen um Putins Gesundheit im Hinterkopf, sagte der 59-Jährige: „Falls Putin noch zehn oder 15 Jahre lebt, wird das die Zahl der Russen, die sich an Europa orientieren, senken.“
Die aktuelle Situation nannte er einen „Albtraum“, der aber nicht bedeute, dass sich Russland und Europa „für immer“ trennten. Man dürfe die Vorstellung und den Glauben an ein „demokratisches, europäisches Russland“ nicht aufgeben.
Video: Ex-Oligarch Chodorkowski - Kritik an Putin und Merkel
Putin selbst habe aber „niemals liberale Ansichten“ vertreten, erklärte Chodorkowski. „Damals hat er sich nicht in einer stabilen Position gesehen und wollte sich keine Feinde machen, die sich gegen ihn verbünden könnten“, erinnerte sich der einstige Oligarch an eine frühere Begegnung mit Putin. „Seine Technik ist es, dich anzusehen und dir das zu spiegeln, was du selbst sagst. Er ist ein Chamäleon, das alle glauben macht, er sei auf ihrer Seite.“
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Visa-Stopp für Russen? Ex-Oligarch Chodorkowski klar dagegen
Chodorkowski hatte Putin im Frühjahr als „paranoid“ und „nicht in Sicherheit“ bezeichnet. Kurze Zeit später warnte er vor einem Angriff Putins auf die Nato. Seiner Ansicht nach hat sich Putin schlicht verkalkuliert. „Er kann es sich nicht erlauben, diesen Krieg zu beenden, weil er weiß, dass das sein Ende wäre“, sagt Chodorkowski im Juli dem Magazin Stern. In der Debatte um EU-Visa für russische Bürger positionierte sich sich vor wenigen Tagen klar: Ein genereller Stopp verschlösse auch Russen, die den Krieg in der Ukraine nicht unterstützen, die Tür zur EU, sagte er der Agentur BNS zufolge auf einer Konferenz in Vilnius.
Chodorkowski, ehemaliger Chef des russischen Öl-Konzerns Yukos, war rund zwei Jahrzehnte der reichste Mann Russlands. Im Jahr 2003 wurden ihm unter anderem Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen, und er verbrachte rund ein Jahrzehnt im Gefängnis, bevor er 2013 von Putin begnadigt wurde. Chodorkowski, der sich selbst als politischen Gefangenen bezeichnete, kündigte damals an, sich fortan aus Politik und Wirtschaft fernzuhalten. (frs)