VonDavid Zaunerschließen
Die Welt muss noch schneller auf die Klimakrise reagieren als ursprünglich angenommen, so eine Studie. Die Pariser Klimaziele sind damit noch schwerer zu erreichen.
Die Menschheit stößt jährlich 40 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre aus – Tendenz immer noch steigend. Doch selbst wenn die Emissionen auf dem momentanen Level konstant blieben, würde die Welt laut einer neuen Untersuchung das globale CO2-Budget, um die Erderwärmung auf 1,5-Grad zu limitieren, bereits in sechs Jahren und ein paar Monaten aufbrauchen.
Die Idee, in dieser Weise ein CO2-Budget relativ zum Klimawandel zu berechnen, ist nicht neu. Dieser Wert meint also die Menge an CO2, die die Menschheit noch ausstoßen darf, ohne einen bestimmten Temperaturanstieg zu überschreiten. Der jüngste UN-Weltklimabericht (IPCC) von 2021 gab das Budget, um das 1,5-Grad-Ziel mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit einzuhalten, mit 494 Milliarden Tonnen CO2 an.
CO2-Budget für 1,5-Grad-Ziel laut Studie nur halb so groß wie gedacht
Im Fachjournal Nature Climate Change ist jüngst aber eine Studie veröffentlicht worden, die das Budget nur noch etwa halb so groß schätzt, auf 247 Milliarden Tonnen. Das Forschungsteam um den Physiker Robin Lamboll vom Imperial College London hat auch für das Zwei-Grad-Ziel ein Emissions-Budget ausgerechnet: Demnach bleiben noch 1220 Milliarden Tonnen, um die Erderwärmung mit einer 50-Prozent-Chance auf zwei Grad zu begrenzen. Will man die Wahrscheinlichkeit auf zwei Drittel steigern, sinkt das CO2-Budget auf 940 Milliarden Tonnen. Im Weltklimabericht waren es bei derselben Wahrscheinlichkeit noch 1150 Milliarden Tonnen.
Obwohl die Ergebnisse der Studie wie eine enorme Abweichung von den Berechnungen der Klimaforscher:innen des IPCC erscheinen mögen, sagt Gabriel Abrahão vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, „das tatsächliche Wissen darüber, wie das Klima auf CO2- oder andere Treibhausgasemissionen reagiert“, habe sich „durch diese Revision des CO2-Budgets nicht wesentlich geändert“, Abrahão war selbst nicht an der Studie beteiligt.
Berechnungen zu CO2-Budget für Klimaziele unterscheiden sich je nach Zeitraum
Tatsächlich ist ein Hauptgrund für die Unterschiede ziemlich profan: Während der Weltklimabericht das Budget für einen Zeitraum ab Anfang 2020 berechnete, beginnt der Zeitraum in der Studie drei Jahre später. Drei Jahre, in denen die Menschheit jährlich rund 40 Milliarden Tonnen CO2 von diesem Budget aufgebraucht hat. Setzt man das in Relation, unterscheiden sich die Budgets beim 1,5-Grad-Ziel noch um etwa ein Drittel.
Diese verbleibende Abweichung ist zu Teilen mit einem neuen Computermodell und verfeinerten methodischen Ansätzen zu erklären. Außerdem benutzte die Forschungsgruppe hinter der aktuellen Studie neuere Emissionsdaten.
Klimakrise: Kühlende Wirkung von Aerosolen nimmt ab
Das machte laut dem Physiker Abrahão besonders bei der Bewertung von Aerosolemissionen einen entscheidenden Unterschied. Aerosole sind Schwebeteilchen in flüssiger oder fester Form. Sie werden vor allem bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen freigesetzt.
Obwohl sie die Luftqualität negativ beeinflussen und deshalb Anstrengungen unternommen werden, um ihren Ausstoß zu reduzieren, haben sie eine kühlende Wirkung auf das Klima. Sie schirmen die Erdoberfläche von Sonnenstrahlung ab und regen als Kondensationskerne die Wolkenbildung an. Die Autor:innen gehen in ihren Berechnungen davon aus, dass bei einem Ausstieg aus den fossilen Energien auch die Aerosolemissionen abnehmen – und damit ihre kühlende Wirkung verschwindet. Sie berücksichtigen so einen negativen Rückkopplungseffekt, den frühere Untersuchungen meist ignorierten.
Fossile Brennstoffe dominieren weiterhin die globale Energieversorgung
Wie schnell dieser Ausstieg aus den Fossilen wirklich gelingen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Bis heute dominieren fossile Brennstoffe mit einem Anteil von 80 Prozent die globale Energieversorgung.
Immerhin gibt der kürzlich erschienene „World Energy Outlook“ der Internationalen Energieagentur IEA ein wenig Hoffnung. So spricht die IEA von einem „phänomenalen Aufstieg“ sauberer Energietechnologien. Ob das aber ausreichen wird, um auf 1,5-Grad-Kurs zu kommen, daran lassen die Ergebnisse von Lamboll und seinem Team zweifeln.
1,5-Grad-Limit könnte schon in diesem Jahrzehnt überschritten werden
„Die aktuelle Studie zeigt vor allem eines: Für das 1,5-Grad-Ziel wird es sehr, sehr knapp“, sagt der Klimaexperte Niklas Höhne, Leiter des New Climate Institute in Köln. Es sei kaum relevant, ob das Budget bei gleichbleibenden Emissionen in sechs Jahren aufgebraucht sei oder in zehn Jahren, wie vor der neuen Studie angenommen. Höhne: „Es ist in jedem Fall extrem eng. Und das ist keine neue Erkenntnis“. Es gilt als durchaus realistisch, dass das 1,5-Grad-Limit bereits in diesem Jahrzehnt überschritten wird. Anders als in vielen Medien immer wieder falsch wiedergegeben wird, ist dieses Temperaturziel des Pariser Klimaabkommens damit aber noch nicht verfehlt.
Eine zeitweise Überschreitung des 1,5-Grad-Limits lässt das Abkommen durchaus zu. Es müssen allerdings Maßnahmen ergriffen werden, damit die Überschreitung nicht dauerhaft wird. Darunter fällt zum Beispiel die Renaturierung von natürlichen CO2-Senkern wie Wälder oder Moore.
1,5-Grad-Ziel braucht weltweit Null CO2-Emissionen bis 2035
Würde die Menschheit ab heute ihre CO2-Emissionen kontinuierlich zurückzufahren, ließe sich aber auch eine kurzfristige Überschreitung noch vermeiden. Um das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen, müsste die Welt jedoch bis 2035 netto null Emissionen erreichen – also zehn Jahre früher, als etwa Deutschland dies laut seinem Klimaschutzgesetz tun will.
Um das Zwei-Grad-Ziel mit einer 90-prozentigen Chance zu erreichen, muss laut der Studie netto null spätestens 2050 erreicht werden, für eine Zwei-Drittel-Chance erst 2070.
Viele an der Studie nicht beteiligte Wissenschaftler:innen halten die Ergebnisse der Untersuchung für verlässlich, so auch Tatiana Ilyina von der Universität Hamburg. Sie frage sich, was für Erkenntnisse die Wissenschaft eigentlich noch liefern müsse, damit die Politik sich endlich wirklich anstrenge, sagte die Klimaforscherin. Ilyina sagt: „Wir müssen dringend mit der Reduzierung der Treibhausgasemissionen beginnen. Trotz der verbleibenden Unsicherheiten wissen wir genug, um zu handeln“. (David Zauner)
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