VonJoachim Willeschließen
Eine Allianz aus Umweltverbänden und Industrie unterstützt die umstrittene CCS-Technologie. Andere Klimagruppen bleiben kritisch.
Eine ungewöhnliche Allianz hat sich für den Klimaschutz gebildet. Und zwar in Form eines Thesenpapiers mit dem Titel: „Industrietransformation aus einem Guss“. Es ist deswegen spannend, weil sich dafür der Industrieverband BDI, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sowie die Umweltverbände Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und WWF zusammengeschlossen haben. Doch es sorgt auch für Ärger in der Öko-Szene. Grund ist, dass die Umweltverbände in der Allianz für die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid plädieren, das sogenannte CCS-Verfahren. Unter anderem der BUND, Greenpeace und Öko-Forscher:innen halten dagegen.
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Umweltverbände, Bürgerinitiativen und auch die Grünen wehrten sich lange gegen CCS, weil sie darin den Versuch sahen, die fortgesetzte Nutzung der fossilen Energien zu ermöglichen. CO2 sollte etwa aus dem Rauchgas von Kohlekraftwerken abgetrennt werden, um dann in tiefe Erdschichten verpresst zu werden. Pläne des Energiekonzerns RWE für ein solches Projekt in Schleswig-Holstein führten Ende der 2000er Jahren zu heftigen Protesten und letzten Endes auch dazu, dass die damalige schwarz-gelbe Koalition im Bund die Nutzung CCS praktisch verbot. Die Gegner der CCS-Projekte befürchteten Leckagen, künstliche Erdbeben und Risiken für das Grundwasser.
CO2-Vermeidung vor Abscheidung
Nun allerdings argumentiert die Allianz von Industrie, Gewerkschaft und Umweltverbänden, CCS und die verwandte CCU-Technologie seien ein relevanter Baustein, um die Klimaziele zu erreichen. CCS steht für „Carbon Capture and Storage“, also Kohlenstoff-Abtrennung und -Speicherung, CCU für „Carbon Capture and Utilization“, also Abtrennung und Nutzung des Kohlenstoffs – etwa zur Herstellung von Produkten. In dem Thesenpapier heißt es, die Technologien sollten „prioritär“ in Bereichen zum Einsatz kommen, in den CO2-Emissionen nach dem aktuellen technischen Stand nicht vermieden werden können. Dabei handelt es sich beispielsweise um die Zementindustrie, die Glasherstellung und die Müllverbrennung.
Die Allianz betont allerdings auch, dass die Minderung des Treibhausgas-Ausstoßes an vorderster Stelle stehen müsse. In dem Papier heißt es: „Wir stehen hinter dem Prinzip CO2-Vermeidung und Reduktion vor Abscheidung.“ Dafür müssten vor allem die erneuerbaren Energien ausgebaut und die Aufnahme von CO2 durch die Natur („CO2-Senken“ wie Wälder und Moore) gestärkt werden. Die von der Ampel-Bundesregierung geplante „Carbon-Management-Strategie“ müsse sicherstellen, dass diese Maßnahmen Vorrang haben. Zudem sollten bei einer Nutzung von CCS und CCU hohe ökologische und soziale Standards eingehalten werden.
Kritik unter anderem von Greenpeace
Initiator des Papiers war der Industrieverband BDI. Dessen Vize-Hauptgeschäftsführer, Holger Lösch, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Carbon-Management-Strategie müsse zügig veröffentlicht werden. „Ohne sie gibt es keine Klarheit über die Rolle von CCS und CCU.“ Gebe es nicht bald Anreize, diese Technologien anzuwenden, würden sie hierzulande nicht rechtzeitig eingesetzt werden können, um die Klimaziele zu erreichen. Beim Nabu hieß es dazu, man müsse zur Begrenzung der Erderwärmung „alle Hebel in Bewegung setzen“. Derzeit gebe es „keine andere Option für die Dekarbonisierung einzelner Industrien“, sagte dessen Klimaexperte, Daniel Rieger. Auch mit hundert Prozent erneuerbaren Energien blieben in bestimmten Sektoren noch Emissionen übrig.
Andere Umweltverbände wie BUND, Greenpeace und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sehen die CO2-„Endlagerung“ deutlich kritischer. Sie hatten bereits im vorigen Herbst an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) appelliert, er dürfe mit der Carbon Management Strategie „nicht dem Druck der fossilen Energie- und Schwerindustrie nachgeben und mit staatlichen Mitteln eine großindustrielle Entsorgungsinfrastruktur für die CO2-Verpressung im tiefen Untergrund hochziehen“. Damit drohe eine „unverantwortbare Verlängerung fossiler Geschäftsmodelle“. Zu dem aktuellen Papier sagte Greenpeace-Chef Martin Kaiser der FR, es befördere die große Gefahr, dass Habeck „hier in die Falle tappt“ und der falsche Ansatz per Gesetz fixiert werde, zum Schaden der Natur und künftiger Generationen.
Noch viele ungelöste Fragen
Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt sagte dem epd: „CCS ist vor allem eins: ein Kind der Öl- und Gasindustrie. Die Gefahr ist, dass jetzt über Jahrzehnte neue Abhängigkeiten von Erdöl und Gas geschaffen werden.“ Am Dienstag will ein breites Bündnis von Verbänden seine kritische Position zu dem Papier in einer gemeinsamen Presseerklärung untermauern.
Auch eine weitere Analyse unterstreicht, dass es noch viele ungelöste Fragen bei CCS gebe – unter anderem was die Langzeitsicherheit der unterirdischen CO2-Lager betrifft. Wer wirklich wolle, dass die CO2-Einsparung weiterhin die entscheidende Rolle spielt und CCS respektive CCU nur für „Restemissionen“ relevant sein sollen, müsse für die zulässigen Mengen quantifizierte Ziele – für die Jahre 2030, 2040, 2050 – festgelegen, heißt es in dem Text, den Wissenschaftler:innen Professor Rudi Kurz, Joachim Spangenberg und Angelika Zahrnt, die auch BUND-Vorsitzende war, vorgelegt haben. Sie kritisieren das Papier von BDI und Co: Es liefere, „was der Industrie bislang gefehlt hat: Glaubwürdigkeit durch das Siegel von zwei Umweltverbänden. Nun kleben also Pandabär und Storch auch auf CCS und CCU.“ Dieses Signal sei gerade in Zeiten fatal, in denen in der EU darum gerungen werde, ob diese als Ersatz für eine CO2-Reduktion eingestuft werden sollen.
Im Bundeswirtschaftsministerium hieß es zu der geplanten Carbon-Strategie, die eigentlich schon 2023 veröffentlicht werden sollte, es werde „mit Hochdruck“ daran gearbeitet. Ein neuer Zeitpunkt für die Veröffentlichung wurde bisher nicht angegeben.
