VonJoachim Willeschließen
Der Handel mit CO2-Zertifikaten hilft nur, wenn die Beteiligten nicht schummeln.
Das gab es noch nie, solch einen diplomatischen Coup gleich zum Start eines UN-Klimagipfels. Der Gastgeber Aserbaidschan meldete am Montag: Die Staatengemeinschaft hat sich auf Regeln für den internationalen Handel mit Zertifikaten für Kohlendioxid (CO2) geeinigt. Um was es dabei geht?
Entwicklungsländer können künftig Gutschriften bekommen, wenn sie beispielsweise Solarenergie und Windkraft ausbauen oder Wälder aufforsten, um Treibhausgase einzusparen. Die Industriestaaten können diese Zertifikate wiederum kaufen, um damit einen Teil ihrer nationalen Klimaverpflichtungen abzudecken.
Funktioniert das Ganze, ist es ein Win-win-Geschäft: Der Ausbau der erneuerbaren Energien zum Beispiel, bei dem gerade die ärmeren Länder Nachholbedarf haben, wird in Schwung gebracht. Gleichzeitig sparen die reichen Staaten Geld, weil die Tonne CO2-Einsparung durch Maßnahmen in Entwicklungsländern meist viel billiger zu realisieren ist als zu Hause.
Die Idee, das zu ermöglichen, ist nicht neu. Schon im Kyoto-Klimaprotokoll von 1997 war so etwas vorgesehen, damals „Joint Implementation“ genannt, gemeinsame Umsetzung. Im Nachfolgevertrag, dem Paris-Abkommen von 2015, wird ein internationaler Kohlenstoff-Markt („Carbon Market“) im Artikel 6.4 erlaubt. Doch es brauchte volle neun Jahre, um die konkreten Regeln und Standards dazu auszuhandeln. Nun kann es damit losgehen.
Klar ist allerdings: Beim Kohlenstoff-Markt handelt es sich nicht um ein Allheilmittel, mit dem die Industrieländer sich billig von ihren Pflichten zur CO2-Einsparung freikaufen können. Der Hauptteil der Minderung soll weiterhin zu Hause erfolgen, vor allem durch mehr Energieeffizienz, Umstellung auf Erneuerbare und die Renaturierung geschädigter Naturflächen, Moore zum Beispiel. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Es muss sichergestellt werden, dass die vom Norden finanzierten Klimaprojekte im Süden auch tatsächlich wirksam sind.
Eine Warnung liefert hier der von vielen Unternehmen weltweit genutzte freiwillige Markt von Klima-Zertifikaten zur „CO2-Kompensation“. Die Firmen nutzen ihn, um sich zum Beispiel „klimaneutral“ nennen zu können, obwohl im eigenen Geschäftsbetrieb tatsächlich noch CO2 ausgestoßen wird. Seitdem in mehreren Fällen nachgewiesen wurde, dass die CO2-Gutschriften etwa für Waldschutzprojekte nichts taugten, steht dieses Geschäft unter verschärfter Beobachtung.
Und das zu Recht. Denn eine am Freitag veröffentlichte und groß angelegte Studie unter Mitwirkung des Öko-Instituts belegt nun, es handelt sich dabei nicht nur um Ausreißer. Das Forschungsteam wertete 65 Untersuchungen zu Klimaprojekten weltweit aus, die für immerhin ein Fünftel aller bislang ausgegebenen CO2-Bescheinigungen stehen. Ergebnis: Durch die CO2-Zertifikate wurde im Schnitt nur ein Sechstel der angegebenen Treibhausgas-Mengen eingespart.
Das Urteil ist niederschmetternd. Sämtliche Projekttypen wiesen „systematische Qualitätsprobleme“ auf, ob es etwa um die Vermeidung von Entwaldung, die Nutzung sparsamerer Kochherde oder die Unschädlichmachung klimagefährlicher Kältemittel wie Trifluormethan ging. Teils war die Wirkung sogar gleich null.
Sollt man die Idee in die Tonne treten? Das nicht, sagt übrigens auch das Öko-Institut. Aber bei der Berechnung der Emissionsminderungen müssen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse als Grundlage dienen, und der Erfolg der Projekte muss viel strikter überprüft werden als bisher. Das gilt nun natürlich auch für den neuen Handel mit CO2-Zertifikaten unter UN-Regie. Einen neuen „Ablasshandel“ bei Klima kann die Welt nicht brauchen.
