VonJoachim Willeschließen
Ein Plus von 1,6 Grad für 2024 und düstere Aussichten: Der Copernicus-Bericht der EU macht wenig Hoffnung. Immerhin könnte es bald eine Trendwende hin zu weniger Emissionen geben.
Die Anzeichen hatten sich bereits im Sommer verdichtet, als die Monatswerte der globalen Temperatur immer wieder neue Rekorde aufstellten. Doch nun ist es amtlich: Das Jahr 2024 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und das erste Jahr, in dem die Welt- Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau lag – das zeigen neue Daten des Copernicus-Klimawandel-Dienstes der EU.
Es wurde sogar ein Plus von 1,6 Grad erreicht. Zumindest vorübergehend schießt die Erderwärmung damit über das 1,5-Grad-Ziel hinaus, wie es im Pariser Weltklimavertrag definiert wurde. 1992 hatte die Weltgemeinschaft auf dem UN-Erdgipfel in Rio in der Klimakonvention als gemeinsames Ziel festgelegt, es müsse „eine gefährliche Störung des Klimasystems“ verhindert werden. Im Paris-Vertrag von 2015 wurde das noch einmal konkretisiert. Darin heißt es, die globale Erwärmung müsse möglichst bei 1,5 Grad gestoppt werden.
Das 1,6-Grad-Plus binnen rund anderthalb Jahrhunderten (gegenüber dem Zeitraum 1850 bis 1900) ist dabei nicht das einzige Warnsignal. Die Daten zeigen, dass sich die Erwärmung zuletzt auch stark beschleunigt hat. Allein gegenüber dem Mittelwert aus dem Klima-Zeitraum 1991 bis 2020 wurde ein Anstieg um 0,72 Grad ermittelt, in Europa sogar einer von 1,47 Grad. Jedes der zurückliegenden zehn Jahre seit 2015 zählt somit global nun zu den zehn wärmsten Jahren seit Aufzeichnungsbeginn.
Im Jahr 2024 waren zehn von elf Monaten wärmer als oder (im Fall des Augusts) gleich warm wie die entsprechenden Monate vorangegangener Jahre, nur der Juli fiel hier heraus. Hohe Oberflächentemperaturen der Meere, vor allem im Nordatlantik, im Indischen Ozean und im Westpazifik, trugen wesentlich zu den hohen Durchschnittstemperaturen bei. Als Hauptursache identifiziert der Bericht eindeutig den menschengemachten Klimawandel, verstärkt unter anderem durch das El Niño-Klimaereignis im Pazifik, das im Jahr 2023 einsetzte.
An dem Bericht „Copernicus Global Climate Highlights 2024“ waren unter anderem auch die Weltraumorganisation NASA und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) beteiligt. Extremwetter, so die Autorinnen und Autoren, traten im vergangenen Jahr in allen Regionen der Welt auf, die Ausdehnung und Menge des Meereises in der Arktis und der Antarktis lag deutlich unter dem Durchschnitt. Die Menge Wasserdampf in der Atmosphäre liegt mittlerweile um fünf Prozent über der in der Periode 1991/2020. Zudem erreichte die Fläche der Erde, die von mindestens „schwerem Hitzestress“ betroffen war, am 10. Juli einen neuen Jahresrekord. An diesem Tag gab es auf 44 Prozent der Fläche „schweren“ bis „extremen Hitzestress“; fünf Prozent mehr als beim bisherigen Höchststand.
Die Co-Autorin des Reports, Samantha Burgess vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage, warnt: „Wir stehen nun kurz davor, die im Pariser Abkommen festgelegte Grenze von 1,5 Grad Celsius zu überschreiten.“ Der Durchschnitt der letzten beiden Jahre liege bereits über diesem Wert. Sie mahnte, die hohen globalen Temperaturen hätten zusammen mit den Rekordwerten des atmosphärischen Wasserdampfs 2024 „zu noch nie dagewesenen Hitzewellen und starken Regenfällen geführt, die Millionen von Menschen in Not brachten“.
Im Paris-Vertrag ist das 1,5-Grad-Limit als mehrjähriger Mittelwert definiert. Es ist zwar möglich, dass mit dem Abklingen des El Niño die globale Temperatur wieder etwas absinkt, sie dürfte dann jedoch schnell wieder ansteigen, da die Treibhaus-Emissionen weltweit immer noch viel zu hoch sind. Das natürliche Klimaphänomen im Pazifik, das im Schnitt alle vier Jahre auftritt, bringt einen Temperaturschub von 0,1 bis 0,2 Grad. Möglich also, dass die Temperatur zumindest zeitweise wieder etwas zurückgeht.
Der deutsche Klimaprofessor Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg macht trotzdem wenig Hoffnung. „Das 1,5-Grad-Ziel ist praktisch bereits heute Geschichte“, sagt er. „Wer noch immer propagiert, die Welt könne unter 1,5 Grad Erwärmung bleiben, gibt sich Illusionen hin.“ Die Weltgemeinschaft müsse „der Wirklichkeit ins Auge blicken“ und sich auf diese steigende Erwärmung einstellen.
Der renommierte Forscher sieht kaum noch Chancen, die Erwärmung durch eine Kombination von drastischer Emissionsminderung und CO2-Entnahme aus der Atmosphäre später wieder unter 1,5 Grad Celsius zu drücken. „Diese Kombination ist im notwendigen Umfang nicht realistisch zu erwarten“, heißt es in seiner Stellungnahme gegenüber dem Science Media Center.
Pessimistisch zu den Perspektiven der CO2-Entnahme – etwa durch natürliche Maßnahmen wie Aufforstung und Renaturierung von Mooren sowie der Entnahme aus der Atmosphäre plus unterirdischer Endlagerung – äußert sich Professor Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Es werde in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht möglich sein, der Atmosphäre „die wirklich nötigen, großen Mengen CO2“ zu entziehen. „Es bleibt daher die unbedingte Notwendigkeit, die Emissionen der Treibhausgase sehr rasch zu reduzieren, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen.“ Im Paris-Vertrag ist das Zwei-Grad-Limit als zweite Haltelinie vorgesehen. Allerdings könnten bei ihrem Erreichen bereits wichtige Kippelemente des Klimasystems ausgelöst werden, darunter das Abschmelzen der Eisschilde an Nord- und Südpol sowie das Austrocknen des Amazons-Regenwaldes.
Fink sagte, es müsse immer wieder betont werden, dass die Kosten eines eskalierenden Klimawandels deutlich höher seien als die Transformation zu einer CO2-freien Wirtschaft, darunter auch die potenzielle Massenmigration aus tropische Regionen, die „durch die Erderwärmung aus der sogenannten Klimanische geraten“.Dort werde das Leben aufgrund des feuchtheißen Klimas dann „einfach unerträglich“.
Der Weltklimarat IPCC hatte in einem Gutachten zum 1,5-Grad-Ziel von 2018 postuliert, dieses sei noch zu halten, wenn der globale CO2-Ausstoß bis 2030 in etwa halbiert wird. Inzwischen sind die Emissionen nach einem zeitweisen Rückgang wegen der Corona-Lockdowns sogar weiter angestiegen. Einige Klima-Fachleute sehen zwar Anzeichen, dass es 2025 immerhin zu einer Trendwende kommen könnte, unter anderem, da China als CO2-Obereinheizer den Ausbau von Solar- und Windenergie stark pusht und beim Übergang zur Elektro-Mobilität weltweit führend ist.
Jüngste Nachrichten über einen Rekord beim Verbrauch der besonders CO2-trächtigen Kohle ließen allerdings wieder Zweifel daran aufkommen. 2024 wurde hier laut der Internationalen Energieagentur ein weiterer Anstieg verzeichnet, weil die Nachfrage in Schwellenländern stärker als erwartet anstieg und sich der Kohleausstieg in Industriestaaten verlangsamte. Die IEA rechnet mit einer Trendwende in diesem wichtigen Sektor, die sie eigentlich schon für 2024 erwartet hatte, nun erst für 2027.
