SPD gegen FDP

Nach Wieler: Nächster Ampel-Streit um Mediziner – Petition fordert Rücktritt von Lauterbach-Gegner Gassen

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Außen vor? Kassenärtzechef Andreas Gassen (l), hier mit SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach und RKI-Präsident Lothar Wieler.
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„Ich möchte nicht von Andreas Gassen vertreten werden“, heißt es in einer Petition gegen den Kassenärztechef. Die Personalie spaltet auch die Ampel.

Berlin - Ein Interview in der Neuen Osnabrücker Zeitung spaltet derzeit die Ampelkoalition. Es geht um den richtigen Kurs in der Pandemiepolitik und um Aussagen des Kassenärztechefs Andreas Gassen, nach denen es nun sogar eine Petition für den Rücktritt gibt. Nach RKI-Präsident Lothar Wieler streitet die Ampel um den nächsten Mediziner.

Corona: Petition fordert Gassen-Rücktritt: „Wiederholte Fehltritte“

Was war passiert? Kassenärztechef Andreas Gassen sagte am Freitag (22. Juli), es gebe „derzeit keine Anzeichen“ für eine Corona-Welle im Herbst. Sorgen bereiteten ihm vielmehr die „Rufe nach erneuten überzogenen Schutzmaßnahmen bis hin zu einem neuen Lockdown“. Zudem kritisierte der Orthopäde, Unfallchirurg und Rheumatologe die Impfstrategie und Qurantänepflichten.

Die Aussagen sind auch einige Tage nach Veröffentlichung aktuell. Der Arzt Christian Kröner, ein auf Social Media als Maßnahmenbefürworter auftretender Hausarzt, Notarzt und Internist, startete sogar eine Petition: „Ich möchte als Kassenarzt nicht weiter in der öffentlichen Wahrnehmung von Dr. Andreas Gassen vertreten werden, der sich wiederholt mit seinen Aussagen diskreditiert hat“, heißt es. Zudem ist von „persönlicher Lobbyarbeit“ und „wiederholten kommunikativen Fehltritten“ wie der Forderung nach einem Freedom Day die Rede. Gassens Position stehe nicht für „die Meinung der Kassenärzte“. Die Petition hatten am Montagnachmittag rund 800 Menschen unterzeichnet.

Andreas Gassen: FDP positioniert sich pro Kassenärztechef

Längst positionierte sich in dem Streit um die neuen Corona-Regeln auch die Bundesregierung. Die Ampel droht dabei in zwei Lager zu verfallen: Regelverschärfer und Maßnahmenkritiker. SPD-geführtes Gesundheitsministerium gegen FDP-geführtes Justizministerium. Und als dritten Partner im Bund, die derzeit eher unentschlossenen Grünen. Aktuell positionieren sich neben Lauterbach vor allem Politiker der FDP. Jene Partei, die noch vor wenigen Wochen den Rücktritt von RKI-Präsident Lothar Wieler gefordert hatte, solidarisiert sich nun gewissermaßen mit einem anderen in der Kritik stehenden Mediziner.

Laut FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus stoße Gassen eine wichtige Debatte an, wenn er Quarantänezeiten verkürzen will, wie sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte. Infizierte würden ohne Symptome zur Isolation verpflichtet, was wiederum zu Personalengpässen führe, argumentiert der Kassenärztechef.

Ähnlich äußerte sich FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai. „Wir werden in systemrelevanten Bereichen vor enormen Herausforderungen stehen, wenn wir massenhaft positiv Getestete ohne Symptome in die Isolation schicken“, sagte er der Rheinischen Post. Eine Diskussion darüber sei richtig, kommentierte Parteivize Wolfgang Kubicki in den Funke-Zeitungen – und „sowohl epidemiologisch als auch aus Gründen der Eigenverantwortung überfällig“. In diese Kerbe hatte auch Parteichef Christian Lindner geschlagen, als er am Wochenende „möglichst viel Eigenverantwortung“ im Corona-Kurs forderte.

Corona-Politik: Lauterbach watscht Gassen-Kritik als „nicht hilfreich“ ab

Gesundheitsminister Karl Lauterbach sieht das mitunter anders. Er tritt aktuell quasi als Gassens Gegenspieler auf. Der SPD-Politiker sprach öffentlich von einer Corona-„Katastrophe“ im Herbst und bezeichnete Gassens Kritik als „nicht hilfreich“. Gassens Isolationsidee konterte er am Wochenende auf Twitter: „Infizierte müssen zu Hause bleiben. Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen noch mehr, sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko.“ In einem weiteren Tweet mit dem Beginn „Nur zur Info, lieber Herr Gassen“, verteidigte Lauterbach zudem seine Imfpstrategie.

In der Pandemie treten regierunsgferne Mediziner als wichtige Akteure für die Corona-Politik auf. Ihre Meinungen weichen bisweilen vom Gusto einzelner Parteien ab. Sie sehen sich mit Kritik konfrontiert, die sie womöglich früher gar nicht gewohnt waren, wie Virologe Christian Drosten jüngst im Spiegel-Interview erzählte. Das bekam neben Wieler zuvor auch Stiko-Chef Thomas Mertens oder die Virologen Klaus Stöhr und Hendrik Streek zu spüren. Mit Andreas Gassen droht der nächste Mediziner zum Spielball der Politik zu werden. (as)

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