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Virologe Hendrik Streeck über seine Sicht auf Corona, harsche Kritik und verpasste Lehren. Ein Interview von Pamela Dörhöfer.
Herr Streeck, vor vier Jahren trat in Deutschland der erste Corona-Lockdown in Kraft. Wie bewerten Sie diesen und spätere Schritte aus heutiger Sicht?
Es ist mir wichtig, zwischen der ersten Reaktion und dem späteren Verlauf zu unterscheiden. Als wir noch keine Erfahrung mit dem Virus hatten, nicht wussten, wie viele auf einmal krank werden, wie schwer die Verläufe sind und wie stark unser Gesundheitssystem belastet sein wird, da war es in meinen Augen sinnvoll, zunächst vorsichtig zu sein. Daher war der erste Versuch der Eindämmung richtig. Differenzierter beurteile ich die Maßnahmen für den Herbst und Winter 2020/21 und den zweiten Lockdown. Zu dieser Zeit lag der Fokus stark auf Kindern und Jugendlichen und es wurden viele Maßnahmen ergriffen, obwohl sie im Allgemeinen keinen schweren Verlauf einer Infektion erleiden. Dafür wurde zu wenig Augenmerk auf jene Menschen gelegt, für die das Virus wirklich gefährlich ist. Es wurde argumentiert, dass es unmöglich sei, diese besonders gefährdeten Gruppen getrennt zu schützen. Jedoch hat sich gezeigt, dass allein die Kontrolle der allgemeinen Infektionsrate nicht ausreicht, um Alten- und Pflegeheime zu schützen.
Sie schienen damals mit dieser Haltung in der Wissenschaft in der Minderheit zu sein. Warum haben viele Wissenschaftler:innen öffentlich einen härteren Kurs favorisiert?
In meinen Augen sorgte damals eine Modellierung des britischen Epidemiologen Neil Ferguson für eine Weichenstellung. Er hatte vorgerechnet, dass mit vielen Toten zu rechnen sei, würden nicht sofort harte Maßnahmen ergriffen. Solche Modelle hatten wir dann auch in Deutschland. Um nicht falsch verstanden zu werden: Modellierungen sind enorm wichtig. Aber man muss sie einordnen können und wissen, dass sie große Unsicherheiten beinhalten: Wenn nur einzelne Faktoren unterschiedlich bewertet werden oder andere neu einfließen, funktionieren sie nicht mehr. Zusätzlich haben wir einen Tunnelblick entwickelt, indem wir uns nur auf dieses Virus und die Infektionszahlen konzentriert und das menschliche Verhalten, die Bedürfnisse und Sorgen außer Acht gelassen haben.
Diskussion über Corona-Pandemie und die Folgen




Welches Verhalten meinen sie?
Menschen sind soziale Wesen und es fällt den meisten auf Dauer schwer, auf Kontakte zu verzichten. Außerdem hat man verkannt, dass Menschen sich zum Teil gar nicht aus dem Weg gehen können – nämlich wenn sie in beengten Verhältnissen wohnen. Während in der ersten Infektionswelle vor allem besser situierte Menschen betroffen waren, hat es sich während des zweiten Lockdowns in sozioökonomisch schlechtere Gegenden verschoben, wo Menschen gedrängter wohnen. Hier hat man durch die Maßnahmen zum Teil das Gegenteil erreicht.
Als wie gefährlich schätzen Sie heute das Coronavirus ein?
Meine Einschätzung hat sich nicht wesentlich geändert, seit ich die ersten 100 Fälle von Covid-19 gesehen habe. Da sind mir alle Facetten von Verläufen begegnet. Das Komplizierte am Coronavirus ist, dass es häufiger zu deutlich schwereren Erkrankungen führt als die saisonale Grippe, dass es aber trotzdem kein so gefährliches Virus ist, dass wir unbedingt versuchen müssen, es einzudämmen oder auf niedrigem Niveau zu kontrollieren, wenn wir es nicht bei anderen viralen Erkrankungen auch machen. Es ist so ein Mittelding. Was wir noch nicht kennen, ist die Bedeutung, die Long Covid für die Gesellschaft haben wird. Das wird sich erst mit der Zeit beantworten lassen.
Streeck „geschockt von der Heftigkeit mancher Reaktionen“ zu seiner Corona-Position
Ihre Position wurde von einigen teils heftig als zu lax kritisiert. Haben später manche ihrer Kritiker:innen das Gespräch gesucht?
Von den Leuten mit großer Reichweite, die damals Stimmung gegen mich gemacht haben, hat sich nie jemand bemüht, mit mir darüber zu sprechen. In der Wissenschaft war No-Covid der Gegenpol zu meiner Position. Dahinter stand die Idee, jeden Einzelnen vor einer Infektion zu schützen. Das ist ein schöner Gedanke, war aber immer unrealistisch. Doch es hat im Sommer und Herbst 2020 dazu geführt, dass sich viele unberechtigte Hoffnungen gemacht haben. Und es hat auch noch unnötigerweise die Stimmung aufgeheizt.
Wie sind Sie mit der zum Teil sehr harschen öffentlichen Kritik umgegangen?
Ich hätte nie damit gerechnet und war geschockt von der Heftigkeit mancher Reaktionen, insbesondere auf meine Heinsberg-Studie, mit der ich nur hilfreiche Ergebnisse liefern wollte. Ich habe mir danach oft überlegt, ob ich mich zurückziehen soll. Freunde und Bekannte, aber auch viele Mitbürgerinnen und Mitbürger haben mich jedoch ermuntert, weiterzumachen und standhaft zu bleiben. Der Umgang mit Anfeindungen war ein Learning by doing. Hass und Hetze gegen mich spielten sich vor allem in sozialen Medien ab, wurden aber zum Teil von Journalisten und Politikern angefeuert. Von den sozialen Medien wiederum schwappte es dann rüber in die Zeitungen. Im echten Leben hingegen habe ich nie Anfeindungen erfahren, sondern nur Positives gehört. Erstaunlich finde ich – und darüber wird meiner Ansicht nach zu wenig geredet -, dass Personen aus der Öffentlichkeit die Diskussion eher angeheizt haben, anstatt zu versuchen, die Wogen zu glätten.
Sie wurden durch die Pandemie prominent, waren viel im Fernsehen, haben den Zwischenbericht Ihrer Heinsberg-Studie mit dem damaligen Ministerpräsidenten Armin Laschet vorgestellt. Das hat Ihnen den Vorwurf von zu viel Nähe eingebracht. Würden Sie heute etwas anders machen?
Ich habe sicherlich Fehler gemacht. Aber ich kann ruhig schlafen und meine Entscheidungen von damals verstehen, auch wenn ich sie heute anders treffen würde.
In der Wissenschaft haben sich Gräben gezeigt. Gab es die schon?
Ich bin im Wissenschaftssystem der USA groß geworden und bin auch heute immer noch überrascht, dass der Umgangston in der Virologie und Wissenschaft allgemein in Deutschland sehr viel rauer ist. Am Ende geht es doch um Erkenntnisse und nicht darum, um jeden Preis recht zu behalten.
Virologe Streeck sieht Mangel an „begleitender Forschung“ bei Pandemie-Maßnahmen
Wie bewerten sie insgesamt die Arbeit der Wissenschaft in Deutschland und deren Einschätzungen in der Corona-Pandemie aus heutiger Sicht?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Es gab einige Punkte, wo Fehler gemacht wurden. So wurde das Vorgehen nicht koordiniert. Stattdessen ist jeder selbst losgelaufen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Es gab keine begleitende Forschung, um zu verstehen, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht.
Mit welcher Art von Forschung hätte man das klären können?
Das wäre sehr leicht möglich gewesen, etwa indem in einem Ort die Schulen geschlossen bleiben, in einem ähnlichen Ort dagegen geöffnet. Ich hatte das damals in der Talkshow von Sandra Maischberger vorgeschlagen. Daraus entstand der Hashtag „Sterben mit Streeck“ und es wurden Vergleiche mit Mengele gezogen, weil es angeblich ein Experimentieren mit Menschen wäre, die Schulen offen zu lassen. Retrospektiv muss man sagen, es war genauso ein Experimentieren, die Schulen einfach zu schließen, mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Der dritte Fehler war, dass die Wissenschaft sich politisieren ließ. Die Politik hat sie vorgeschoben für ihre Entscheidungen, und das war der Wissenschaft auch bewusst. Zum anderen haben einige Wissenschaftler Politik gespielt, und das war ebenso falsch. Auch waren Einzelne der Ansicht, sie wären die einzig richtige Person, die die gesamte Pandemie erklären kann. Es wurde generell verkannt, dass die Virologie nur einen kleinen Bestandteil für den Umgang mit einer Pandemie ausmacht. Viel größere Themenkomplexe sind Soziologie, Psychologie, Pädiatrie, Intensivmedizin bis hin zur Philosophie.
Viel Kritik, die Sie da üben. Wurden Pandemie und Fehler ausreichend aufgearbeitet?
Nein! Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass das passiert wäre, damit wir als Gesellschaft wissen, was gut und was schlecht gelaufen ist. Denn mir geht es vor allem darum, Lehren zu ziehen. So haben wir zum Beispiel verpasst, gute Daten während der Pandemie zu sammeln. Wir brauchen die Aufarbeitung aber auch, weil sich an der Pandemie eine Spaltung der Gesellschaft entfacht hat, die bis heute wirkt. Es wird unserem Anspruch als Gesellschaft nicht gerecht, wie wir mit einzelnen Gruppen, etwa Ungeimpften, umgegangen sind. Auch die verloren gegangene Debattenkultur rührt zum Teil aus dieser Zeit her. Eine Aufarbeitung könnte helfen, wieder Brücken zu bauen. Ich habe ein Jahr lang sehr stark dafür geworben, das zu machen. Das ist leider nicht erfolgt.
Sind wir ausreichend auf eine neue Pandemie vorbereitet?
Es ist essenziell, dass wir aus den gemachten Fehlern lernen. Das wäre hilfreich auch für andere Krisen, nicht nur eine Pandemie.

