unklare Datenlage

„Pandemie-Radar“: Lauterbach stellt Corona-Strategie vor - ganz ohne Grenzwerte

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Bundesgesundheitsminister Lauterbach will mit einem „Pandemie-Radar“ bessere Vorhersagen über neue Coronavirus-Wellen ermöglichen. Doch das eigentliche Ziel könnte verfehlt werden.

Berlin - Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) befürchtet im Herbst eine Verschlechterung der Corona-Situation. Die Maßnahmen des geplanten Corona-Infektionsschutzgesetzes sollen helfen, die Lage nicht eskalieren zu lassen. Doch das neue Gesetz zieht viel Kritik auf sich, sowohl aus der Politik als auch aus der Wissenschaft. So kritisiert Klaus Holetschek (CSU) es als „nicht zu Ende gedacht“. Experten werfen Lauterbach vor, er habe sich von der Wissenschaft verabschiedet.

Lauterbach mit „Pandemie-Radar“ gegen das Coronavirus: mithilfe von genaueren Daten die geeigneten Maßnahmen ergreifen

Ein Kritikpunkt am Infektionsschutzgesetz ist, dass es den Bundesländern zwar erlaubt, Corona-Maßnahmen zu verhängen. Es ist allerdings unklar, unter welchen Bedingungen die Bundesländer die Einschränkungen erlassen sollen. Lauterbach begründete den Verzicht auf Grenzwerte damit, dass dies immer wieder gescheitert ist.  

Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit.

Auch, dass Lauterbach ihnen über das sogenannte „Pandemie-Radar“ bessere Daten zur Verfügung stellen will, scheint kein große Hilfe zu sein. Das Ziel des „Pandemie-Radars“ ist, den Bundesländern eine Fülle von Zahlen zur Verfügung zu stellen, damit sie eine genauere Vorhersage über eine anrollende Coronavirus-Welle machen und entsprechende Maßnahmen ergreifen können.

Lauterbach mit „Pandemie-Radar“ gegen das Coronavirus: Bundesländer sollen Eindruck über Entwicklung der Lage erhalten

„Das Pandemie-Radar, das wir momentan ausbauen, wird den Ländern einen guten Eindruck geben, wie sich die Lage entwickelt“, so Lauterbach in einem Interview mit der Welt am Sonntag (28. August). Eine gut begründete Gefahr für das Bundesland im Lichte vieler einzelner Parameter gebe die beste Rechtssicherheit.

Doch welche Daten genau erhoben werden sollen, scheint noch unklar. Dazu sollen die Bettenbelegung in Krankenhäusern und die Erfassung aller PCR-Tests, also der positiven und der negativen, gehören. Auch die Abwasserüberwachung soll ausgebaut werden. Das Abwasser eignet sich für eine Untersuchung des Infektionsgesehens, da sich darin stark verdünnt, winzige Virusbestandteile befinden, die manche Infizierte beim Zähneputzen oder beim Toilettengang ausscheiden. Als Hauptvorteile dieser Variante gelten der zeitliche Vorlauf im Vergleich zu den offiziellen Pandemie-Daten und die Unabhängigkeit von der Zahl durchgeführter Tests. 

Lauterbach mit Pandemie-Radar gegen das Coronavirus: Es wird keine Grenzwerte geben

Zwar will Lauterbach den Bundesländern mit dem „Pandemie-Radar“ Zahlen über das Infektionsgeschehen zur Verfügung stellen, aber keine Richtlinien, wie die diese anzuwenden sind. „Der Wunsch nach einfachen Grenzwerten zur Beurteilung der Corona-Lage ist so verständlich wie irreführend“, so der Gesundheitsminister. Jedem Landesgesundheitsminister mit Pandemie-Erfahrung sollte klar sein, dass das Infektionsgeschehen weitaus komplexer als drei oder vier Zahlen sei. Aber richtig sei, dass man einen besseren Überblick brauche. Denn schaffe man mit dem „Pandemie-Radar“.

Diese Viren und Bakterien machen uns krank

Eine mit Coronaviren befallene Zelle
Ende 2019 wurde zum ersten Mal über das Coronavirus Sars-CoV-2 berichtet. Zuerst nur in China diagnostiziert, breitete sich die durch Coronaviren ausgelöste Krankheit Covid-19 weltweit aus. Die Pandemie hat im Jahr 2020 weltweit etwa 1.900.000 Todesopfer gefordert. Auf der Darstellung oben ist eine menschliche Zelle (grün) zu sehen, die mit Coronaviren (gelb) infiziert ist.  © Niaid/dpa
HIV-Virus: Das Virus löst die Immunschwäche Aids aus. Rund 20 Jahre nach seiner Entdeckung ist Aids die verheerendste Infektionskrankheit, die die Menschheit seit der Pest im 14. Jahrhundert herausgefordert hat.
HIV-Virus: Das Virus löst die Immunschwäche Aids aus. Rund 20 Jahre nach seiner Entdeckung ist Aids die verheerendste Infektionskrankheit, die die Menschheit seit der Pest im 14. Jahrhundert herausgefordert hat. © dpa
Pest Erreger Yersinia pestis: Die Infektionserkrankung wird erstmals im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum nachgewiesen. 1894 wird das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch.
Pest Erreger Yersinia pestis: Die Infektionserkrankung wird erstmals im 6. Jahrhundert im Mittelmeerraum nachgewiesen. 1894 wird das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch. © dpa
Ebola Virus: Das Virus verursacht mit inneren Blutungen einhergehendes Fieber. In bis zu 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff.
Ebola Virus: Das Virus verursacht mit inneren Blutungen einhergehendes Fieber. In bis zu 90 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff. © dpa
Grippe Virus
Grippe Virus: Antigene (gelbe und blaue Antennen) sitzen auf einer doppelten Fettschicht, die sich um die Erbsubstanz im Inneren schließt. Mit der Vermischung verschiedener Virentypen entstehen neue Erbsubstanzen und damit auch Antigene. © dpa
Herpes Virus: Herpes simplex-Viren sind weltweit verbreitet. Nach einer Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand lebenslang im Organismus.
Herpes Virus: Herpes simplex-Viren sind weltweit verbreitet. Nach einer Erstinfektion verbleibt das Virus in einem Ruhezustand lebenslang im Organismus. © dpa
Rhinovirus Human rhinovirus 16 (HRV16)
Rhinovirus Human rhinovirus 16 (HRV16): Schnupfen verbreitet sich weltweit durch Rhinoviren. © dpa
Schweinegrippe Virus 1976: Die klassische Schweinegrippe ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, der 1930 erstmals isoliert wurde. Daneben sind auch die drei Subtypen H1N2, H3N2 und H3N1 von Bedeutung.
Schweinegrippe Virus 1976: Die klassische Schweinegrippe ist ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, der 1930 erstmals isoliert wurde. Daneben sind auch die drei Subtypen H1N2, H3N2 und H3N1 von Bedeutung. © dpa
Schweinegrippe Virus unter einem Transmissionselektronenmikroskop: 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus. Dabei handelt es sich um ein mutiertes Schweinegrippevirus vom Subtyp H1N1, das anders als gewöhnlich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Schweinegrippe Virus unter einem Transmissionselektronenmikroskop: 2009 brach die Schweinegrippe in Mexiko aus. Dabei handelt es sich um ein mutiertes Schweinegrippevirus vom Subtyp H1N1, das anders als gewöhnlich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. © dpa
Spanische Grippe Virus: Die Spanische Grippe (1918) gilt als die schlimmste Grippe-Pandemie aller Zeiten. Bei der Spanischen Grippe handelt es sich um den Virenstrang H1N1, der besonders junge Menschen dahin raffte. Experten schätzen die Zahl der Opfer auf 40 bis 50 Millionen.
Spanische Grippe Virus: Die Spanische Grippe (1918) gilt als die schlimmste Grippe-Pandemie aller Zeiten. Bei der Spanischen Grippe handelt es sich um den Virenstrang H1N1, der besonders junge Menschen dahin raffte. Experten schätzen die Zahl der Opfer auf 40 bis 50 Millionen. © dpa
Auslöser der Tuberkulose sind Bakterien (Mycobacterium tuberculosis)
Tuberkulosebakterium Mycobacterium tuberculosis: Die auch als Schwindsucht bekannte Krankheit ist, obwohl sie heutzutage als heilbar gilt, eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt. © dpa
Vogelgrippe Influenza-A: Schema des Influenza-A-Virus (Computer-Darstellung von Januar 2006). Der aggressive Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N1 gehört zur Gruppe der Influenza-A-Viren, ebenso wie die zahlreichen menschlichen Grippeviren. Das Virus ist kugelrund, sein Durchmesser beträgt nur 0,1 tausendstel Millimeter. In seinem Inneren ist lediglich Platz für ein paar Proteine und die Erbsubstanz.
Vogelgrippe Influenza-A: Schema des Influenza-A-Virus (Computer-Darstellung von Januar 2006). Der aggressive Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N1 gehört zur Gruppe der Influenza-A-Viren, ebenso wie die zahlreichen menschlichen Grippeviren. Das Virus ist kugelrund, sein Durchmesser beträgt nur 0,1 tausendstel Millimeter. In seinem Inneren ist lediglich Platz für ein paar Proteine und die Erbsubstanz. © dpa

Dadurch, dass Lauterbach die Entscheidungsgewalt, wann welche Corona-Maßnahmen eingeführt werden, in die Hände der Bundesländer legt, ist die Gefahr eines erneuten sogenannten „Flickenteppichs“ groß. Das heißt, dass Corona-Regelungen sich innerhalb Deutschlands stark unterscheiden, dass es für Bürger nur schwer nachvollziehbar wird, welche Regelungen an ihrem aktuellen Aufenthaltsort gelten. Um dies zu verhindern, fordern Experten wie Virologe Hendrik Streeck deswegen mit Blick auf Maßnahmen klare Vorgaben.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa/Archivbild

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