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Marcus Giebelschließen
Karl Lauterbach bekommt im dritten Corona-Sommer Gegenwind wegen seiner Impfanregungen. Leichten aus der Bundesregierung, heftigeren von Wolfgang Kubicki.
München - Wenn es nach Karl Lauterbach ginge, wäre es Zeit für eine vierte Impfung gegen Covid-19. Und das entgegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) unter Umständen auch für Personen, die nicht den vulnerablen Gruppen zuzuordnen sind. Das erklärte der Bundesgesundheitsminister im Spiegel unter Verweis auf die Hoffnung auf einen sorgenfreien Sommer.
Damit setzt der SPD-Politiker und Epidemiologe aber keinesfalls den Ton in der Bundesregierung. Denn diese antwortete in Person von Sabine Dittmar, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, auf eine entsprechende und unserer Online-Redaktion vorliegende Anfrage von Wolfgang Kubicki, „die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut (seien) maßgeblich“. Schließlich würden diese auf „der vorhandenen wissenschaftlichen Datenlage“ beruhen.
Dittmar verweist jedoch wie Lauterbach auch auf die Möglichkeit, darüber hinaus die persönliche Situation mit dem Arzt oder der Ärztin zu erörtern. Hier sei eine angemessene Beratung gegeben.
Video: Was sagen Experten zu einer vierten Corona-Impfung?
Impfung in Corona-Pandemie: Kubicki hat „keinen Zweifel an politischer Unabhängigkeit“ von STIKO
Dennoch wirkt es durchaus so, als wäre Lauterbach, dessen Impfanregungen nicht zum ersten Mal von den STIKO-Empfehlungen abweichen, zu weit vorgeprescht. Unterstützung bekommen die Impf-Experten derweil von Kubicki, der unserer Online-Redaktion gegenüber betonte: „Die STIKO ist natürlich nicht unfehlbar, hat aber in den vergangenen zwei Jahren bei mir keinen Zweifel an ihrer politischen Unabhängigkeit aufkommen lassen, auch weil den jeweiligen Gesundheitsministern bei unbotmäßiger Einmischung immer die Stirn geboten wurde.“
Dass die Mitglieder des Gremiums „ausschließlich ihrem Gewissen unterworfen sind und darum eben nicht politischen Erwägungen“, schaffe Vertrauen. Gerade in pandemischen Situationen sieht er „diese Unabhängigkeit“ als „enormes Kapital“.
Lauterbach und die STIKO: Laut Kubicki hat Bundesregierung Attacke des Gesundheitsministers eingefangen
Und weiter: „Es ist daher auch gut, wenn durch die Bundesregierung die Attacke Lauterbachs gegen die STIKO wieder eingefangen wird.“ Denn diese sei im Gegensatz zum Robert Koch-Institut (RKI) keine Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministers. Beim RKI tut sich Lauterbach mit Kritik bekanntlich auch deutlich schwerer, einzig den über Nacht von sechs auf drei Monate verkürzten Genesenenstatus monierte er umgehend öffentlich.
So nutzt FDP-Bundestagsvizepräsident Kubicki die Gelegenheit, das Dilemma zu skizzieren: „Mehr Unabhängigkeit wünsche ich im Übrigen auch dem RKI und weiß dabei den Koalitionsvertrag auf meiner Seite, aber wahrscheinlich keinen Gesundheitsminister, der sich selbst Experte genug ist, als dass er auf andere von ihm unabhängige Gremien vertrauen könnte. Das ist sein Problem.“
So kann es auch gehen: Bei seiner Vereidigung als Minister des Kabinetts von Olaf Scholz wurde die Expertise von Lauterbach im Gesundheitswesen noch lobend hervorgehoben. Mittlerweile mutiert sie beinahe zum Malus, weil er andere Meinungen vermeintlich nur zulässt, wenn sie mit der eigenen konform gehen. (frs, mg)


