VonJoachim Willeschließen
Fachleute schätzen, dass die dicke Luft pro Jahr EU-weit für 300 000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist. Die EU tut nicht genug dagegen. Die Kolumne.
Mal Luft holen. Das tut gut. Wir tun es locker 20 000-mal am Tag, Kinder noch häufiger. Wir machen uns keine Gedanken dabei, meistens jedenfalls. Mit jedem Atemzug gelangt etwa ein halber Liter Luft in die Lungen. Das heißt, pro Tag nehmen wir rund 10 000 Liter von diesem Lebenselixier auf und atmen die gleiche Menge wieder aus.
Da ist es gut, wenn die Luft sauber ist. Also ohne so unschöne Beimischungen wie Stickoxide, Feinstaub oder Ammoniak, die die moderne Welt mit sich bringt. Will sagen, ohne Diesel- und Kraftwerksabgase, ohne Reifen-Abrieb und Rußpartikel aus Holzheizungen oder die einschlägigen Ausdünstungen der Massentierhaltung. Die EU bekommt hier nun schärfere Grenzwerte, in dieser Woche haben sich des EU-Parlament und der Ministerrat auf einen Kompromiss dazu geeinigt. Immerhin, es geht voran. Aber, leider, zu langsam
Es ist nun wirklich keine Petitesse. Fachleute schätzen, dass die dicke Luft pro Jahr EU-weit für 300 000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist und in Deutschland alleine für 40 000. Man sollte doch erwarten, dass die Politik alles Erdenkliche tut, um diese zu verhindern. Und auch die unzähligen Fälle von nicht gleich tödlichen Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes, Lungenleiden bis hin zum Lungenkrebs, die die dicke Luft auch hervorruft. Doch leider hat sich die „Realpolitik“ mal wieder durchgesetzt. Das EU-Parlament hatte gefordert, die von der WHO empfohlenen Richtwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid zu übernehmen, durch die das Atmen eine durchweg gesunde Tätigkeit würde. Doch der Kompromiss bleibt deutlich dahinter zurück. Die Jahresmittel-Grenzwerte, die 2030 erreichet werden sollen, liegen doppelt so hoch.
Es ist perfide, wenn, wie hier wieder einmal geschehen, das Todesfall-Risiko durch dicke Luft mit den ökonomischen Folgen einer stringenten Luftreinhaltepolitik verrechnet wird. Denn woran liegt es wohl, dass „unzumutbare Eingriffe in Wirtschaft, Mobilität, Landwirtschaft und Wohnen“ drohten, wie der Industrieverband BDI selbst für den jetzt gefundenen Kompromiss an die Wand malt? Es liegt daran, dass die Energie-, Verkehrs- und Agrarwende von den Wirtschaftslobbys seit Jahrzehnten mit aller Macht gebremst worden sind. Ihre schnelle Umsetzung hätte nicht nur den Klimaschutz, sondern auch die Luft verbessert. Und dass soll nun so weitergehen? Da bleibt einem die Luft weg.
