Der Unternehmer und Aktivist Sebastian Klein spricht im Interview darüber, wie extremer Reichtum die Demokratie unterminiert.
Sebastian Klein lebte den Start-up-Traum und kassierte für seine Firma Blinkist Millionen Euro. Er entschied aber, einen Großteil seines Vermögens aufzugeben und gemeinnützig zu widmen. 2023 erregte er damit viel Aufmerksamkeit – in diesem Jahr legt er mit einem Buch nach.
Herr Klein, Sie sind Mitgründer der erfolgreichen App Blinkist, die Kernaussagen von Büchern zusammenfasst. 2023 haben Sie Ihre Anteile verkauft und beschlossen, 90 Prozent Ihres Privatvermögens in eine gemeinnützige GmbH zu übertragen. Warum haben Sie das getan?
Ich konnte es nicht ertragen, auf der sogenannten Gewinnerseite zu stehen, während ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland von Armut bedroht ist und fast die Hälfte der Menschen kein Vermögen hat. Ich wollte dazu beitragen, dass die Allgemeinheit von meinem Geld profitiert. In kaum einem anderen Industrieland sind Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland: Es gibt 2900 Superreiche, die ein Fünftel des gesamten Finanzvermögens besitzen. Diese soziale Ungleichheit zerreißt unsere Gesellschaft. Viele Menschen fühlen sich völlig zurecht ungerecht behandelt. Ihnen wird eingehämmert, dass sich Leistung lohnt, aber das stimmt offensichtlich nicht. Wir sind keine Leistungs-, sondern eine Erbengesellschaft. Und das spielt letztlich der extremen Rechten in die Hände, die sich die Unzufriedenheit der Menschen zu Nutzen macht. Deshalb brauchen wir endlich eine Steuerpolitik, die die extreme Ungleichheit reduziert.
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Autor und Unternehmer über die Ungerechtigkeit beim Erben – „Das ist ein leistungsloses Einkommen“
Wie würde eine solche Umverteilung aussehen?
Fast nirgendwo wird das Einkommen stärker und das Vermögen schwächer besteuert als in Deutschland. Mit anderen Worten: Jemand, der nicht für sein Geld arbeitet, zahlt niedrigere Steuern als jemand, der dafür arbeitet. Jedes Jahr werden in Deutschland 400 Milliarden Euro vererbt, aber nur ein paar Milliarden Euro landen als Erbschaftsteuer in den öffentlichen Kassen. Vor allem die ganz Reichen geben ihr Erbe meist unversteuert an die nächste Generation weiter. Das ist ein leistungsloses Einkommen. Wir brauchen dringend eine Steuerreform, durch die große Vermögen viel stärker an der Finanzierung des Gemeinwohls und der Staatsaufgaben beteiligt werden, sodass Menschen mit mittleren Einkommen entlastet werden. Leider wollen einige Parteien diese Ungleichheiten mit massiven Steuergeschenken für Besserverdienende noch weiter vergrößern. Dasselbe gilt für riesige Tech-Unternehmen, die bei uns oft keine oder sehr wenige Steuern zahlen. Es ist wahnsinnig schwierig für ein kleines Unternehmen, mit diesen Firmen zu konkurrieren, die bereits eine totale Marktmacht haben und darüber hinaus kaum Steuern zahlen. Das ist ein Marktversagen, das korrigiert werden muss.
Und exzessiver Reichtum gefährdet diesen Zusammenhalt und damit die Demokratie?
Gesellschaften sind auf Dauer äußerst instabil, wenn die Ungleichheit so groß ist wie bei uns. Das lässt sich historisch belegen. Thomas Piketty beleuchtet das in seinem Buch ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert‘. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Vermögensungleichheit in Europa und den USA auch sehr groß. Es waren die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise, die diese Ungleichheiten verringerten. Ich würde jedoch eine friedliche Lösung vorziehen und nicht eine, die wieder in einem großen Knall endet. Wir haben die Wahl: Entweder wir schaffen den extremen Reichtum ab, oder wir werden irgendwann keine Demokratie mehr haben.
Das beste Beispiel dafür sind die USA mit Donald Trump und Elon Musk. Das einzig positive dieser Entwicklung ist, dass sie zeigt, wohin toxischer Reichtum führen und wie gefährlich extremer Reichtum für eine Demokratie sein kann.
Die USA zeigen, wohin die Polarisierung bei Einkommen und Vermögen führen kann, wenn immer mehr Menschen abgehängt werden. Sie haben sich zu einer Oligarchie entwickelt, in der eine kleine Gruppe steinreicher Menschen die Macht innehat. Es ist mit einer Demokratie nicht vereinbar, dass eine einzelne Person wie Elon Musk so mächtig ist, dass sie in die Politik anderer Staaten einmischen kann. Der Tech-Milliardär hat fast unbegrenzten Zugang zu Kapital und überall großen Einfluss. In Deutschland hat er zuletzt Wahlwerbung für die AfD gemacht.
Auffällig ist nicht nur, dass Musk die AfD unterstützt. Die Partei hat auch Großspenden in Millionenhöhe erhalten.
Diese Frage hängt auch mit Ungleichheit zusammen. Einige Reiche können große Summen an Parteien spenden, viele hingegen gar nichts. Reiche wirken zudem durch Medienkampagnen oder Lobbyarbeit auf die Gesetzgebung ein. Weil sie so reich und so mächtig sind, haben sie unverhältnismäßig großen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs. Das erklärt auch, warum Ungleichheit seit vielen Jahren öffentlich kaum thematisiert wird. Die Lobby der Reichen verbreitet Narrative, die Emotionen schüren und die Idee, dass verletzliche Gruppen für wirtschaftliche Probleme verantwortlich sind. Sie sind eine kleine Minderheit, die es aber schafft, die Mehrheit der Bevölkerung zu spalten und gegeneinander auszuspielen. In öffentlichen Debatten wird oft auf die Armen eingeschlagen und mit der Angst gespielt, dass bei einer höheren Besteuerung Arbeitsplätze verloren gehen oder Unternehmen abwandern könnten.
Sebastian Klein über sein Buch „Toxisch reich“ – Wie Lobbyorganisationen das Steuerrecht beeinflussen
Sie schreiben in Ihrem Buch „Toxisch reich“, dass es ohne Lobbyarbeit der Reichen längst eine Vermögenssteuer gäbe. Wer betreibt denn in Deutschland Lobbyarbeit für die Reichen?
Zum Beispiel die Stiftung Familienunternehmen oder der Verband die Familienunternehmer. Anders als die Namen vermuten lassen, sind das keine Wohltätigkeitsorganisationen für kleine Handwerksbetriebe oder Landgasthöfe, sondern Lobbyorganisationen, die für die Interessen von Superreichen und deren Unternehmen kämpfen. Diesen Lobbyorganisationen ist zu verdanken, dass das deutsche Steuerrecht so massiv zu Gunsten der Reichsten verändert wurde, dass heute vor allem die Menschen zum Gemeinwohl beitragen, die von Arbeitseinkommen leben. Es gibt dokumentierte Fälle, wo diese Organisationen ganz gezielt auf politische Prozesse und letztlich Gesetzgebung eingewirkt haben. Diese Geschichten klingen nach Verschwörungstheorie, sind aber Realität.