VonFelicitas Breschendorfschließen
Sie haben keine Krallen oder Beißzähne. Und doch ist der Schaden, den diese Art Eltern ihren Kindern zufügen, enorm. Eine Expertin warnt vor langwierigen Folgen.
Hinweis: Dieser Artikel thematisiert psychische Gewalt, sowie Krankheiten.
Furchteinflößend wie ein Tiger, der durch die Steppe geht, klingt ihr Erziehungsstil wirklich. Die Erziehungsberaterin und Pädagogin Inke Hummel bezeichnet ihn als „herrisch und autoritär“. Tiger-Eltern sind unfassbar streng und zwingen ihre Kinder, ständig zu lernen oder mit größtmöglichem Ehrgeiz ein Instrument zu spielen – ob sie wollen oder nicht
Die Expertin berät solche Eltern manchmal in ihrer Praxis, erzählt sie BuzzFeed News Deutschland. Statt wie Helikopter-Eltern mit Aufmerksamkeit zu überschütten, würden sich Tiger-Eltern sehr distanziert verhalten. „Sie fühlen nicht, was ihr Kind emotional braucht. Stattdessen legen sie großen Wert auf Leistungen.“
Tiger-Eltern bestrafen ihre Kinder teilweise mit emotionaler Gewalt
Schulleistungen hätten dementsprechend harte Konsequenzen. „Manche Tiger-Eltern bestrafen ihre Kinder, wenn sie mit einer 3 oder 4 nach Hause kommen.“ Solche Maßnahmen könnten laut Hummel von Süßigkeitenentzug, Fernsehverbot und Ausflügen bis hin zu emotionaler Gewalt reichen. So würden betroffene Eltern nicht mehr mit ihrem Kind sprechen und es nicht mehr liebevoll behandeln.
Nicht für alle Kinder habe die Tiger-Eltern-Erziehung einen negativen Effekt. Manche müsse man zum Klavierspielen oder schulischen Arbeiten gar nicht erst zwingen. Im Gegenteil: „Die sind selber fast ehrgeiziger als die Eltern.“
Was findet ihr schlimmer: Übermotivierte Tiger-Eltern oder U-Boot-Eltern, die bei Problemen eher abtauchen?
Kinder können im schlimmsten Fall psychische Störungen entwickeln
Für viele Kinder kann die Erziehung von Tiger-Eltern jedoch erhebliche Folgen haben. Sie könnten sich ihren Eltern stark anpassen, indem sie „extrem brav“ sind. „Die Kinder holen sich oberflächlich Zuneigung, indem sie Leistung zeigen, so gut sie können“, sagt die Erziehungsberaterin BuzzFeed News Deutschland.
Lange gehe das nicht gut. „Wenn sie zu stark belastet sind, bauen sie selbst eine Distanz zu ihren Eltern auf“, erklärt die Expertin. Im schlimmsten Fall könne das Kind deshalb Depressionen entwickeln. Auch Essstörungen und andere psychische Störungen können ihr zufolge auftreten.
Wer Tiger-Eltern hatte, kann im späteren Leben oft „nicht gut um Hilfe fragen“
„Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Selbstbestimmung“, sagt Hummel. Die werde Kindern durch ihre Tiger-Eltern genommen, wenn genau kontrolliert wird, was das Kind tut und wie viel Zeit es damit verbringt. Die Erziehungsberaterin beobachtet oft, dass betroffene Kinder in jungen Jahren noch gut funktionieren, aber in der Pubertät ausbrechen und gegen den Erziehungsstil ankämpfen.
Die Erziehung von Tiger-Eltern kann die Kinder auch dann noch belasten, wenn sie längst erwachsen sind, sagt Hummel. Ihr eigener Selbstwert sei auch noch im hohen Alter stark mit Leistung verknüpft. „Es kann sein, dass sie nicht gut um Hilfe fragen können, weil sie nie welche bekommen haben.“ Auch Bindungsängste können Hummel zufolge häufig auftreten.
Die Eltern übertragen ihre „eigenen Ängste“ auf ihr Kind
Man wird nicht einfach so zu einer Tiger-Mutter oder einem Tiger-Vater, erklärt die Erziehungsberaterin. Stattdessen könne ihr Tiger-Verhalten „mit den eigenen Ängsten zu tun haben“. Mit ihrem Erziehungsstil wollen solche Eltern demnach verhindern, dass ihnen die Kinder später Versagen vorwerfen. „Warum hast du mich früher nicht mehr zum Klavierspielen gezwungen? Dann könnte ich heute viel besser sein“, könnte ein solcher Satz lauten. Oder sie übertragen den eigenen Ehrgeiz auf ihr Kind. „Ihnen ist es oft wichtig, dass die Kinder so lernen, wie sie das selber tun würden“, weiß die Pädagogin.
Manche Tiger-Eltern, die einfach „nicht loslassen können“, kommen in Hummels‘ Praxis, um sich Rat zu holen. Sollen sie ihre Kinder etwa ganz ohne Schimpfen erziehen, wie beim Gentle Parenting? Hummels‘ Lösung lautet folgendermaßen: „Nicht zu streng, nicht zu eng“. So hat sie auch eines ihrer Bücher genannt. Eltern sollten sich fragen: „Wo steht mein Kind? Welche Bedürfnisse und Fähigkeiten hat es in seinem Alter?“ Dann erst werden sie den Tiger los oder lassen ihn gar nicht erst hinein.
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