Syrien

Der Mann, der Assad vertrieb

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Von Abu Mohammed al-Dscholani (2.v.r.) gibt es nur wenige Fotos. Dieses zeigt ihn im Sommer 2016.

Mit dem „Islamischen Staat“ hat er angeblich gebrochen: Abu Mohammed al-Dscholani steht an der Spitze der Rebellenoffensive. Ein Porträt.

Auf dem Weg zum Sturz des Regimes von Syriens Machthaber Baschar al-Assad verzeichnet die Rebellenallianz in Syrien im rasanten Tempo täglich neue Gebietsgewinne. An ihrer Spitze steht der Anführer der Islamistengruppe Hajat Tahrir al-Scham (HTS), Abu Mohammed al-Dscholani.

Die USA haben schon vor Jahren ein Kopfgeld von zehn Millionen US-Dollar für den einstigen Extremisten ausgeschrieben. Doch in den vergangenen Jahren hat der 42-jährige Islamistenführer an einem persönlichen Imagewechsel gearbeitet.

Heute präsentiert er sich als moderater Anführer. Beobachterinnen und Beobachter sehen in ihm einen vermeintlichen „Sicherheitsgaranten“. Trotz voriger Rufe nach einem Sturz von al-Dscholani wächst der Zuspruch innerhalb der Bevölkerung mit jedem weiteren Vorstoß gegen die Regierungstruppen von Assad.

2003 schloss sich der Syrer Al-Dscholani, der mit bürgerlichen Namen Ahmed Hussein al-Scharaa heißt, extremistischen Gruppen im Irak an, um gegen US-Truppen zu kämpfen. Aus den Ursprüngen des Terrornetzwerks Al-Kaida formte sich dort die Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

Mit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 bekam auch al-Dscholani mehr Verantwortung. IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi schickte ihn zurück in sein Heimatland, um dort die „Al-Nusra-Front“ – einen einstigen Ableger Al-Kaidas in Syrien – zu führen. Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte sie zunächst unter anderem gegen Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad und kurdische Milizen.

Später kam es zum Bruch sowohl mit dem „Islamischen Staat“ als auch mit Al-Kaida, die 2014 selbst zu gegenseitigen Rivalen wurden. Al-Dscholani wollte sich von den transnationalen Ambitionen seiner einstigen Verbündeten lossagen und sich stattdessen auf den Kampf in Syrien konzentrieren. Mit dem Bruch gingen Al-Dscholanis Kämpfer hart gegen jegliche extremistische Gruppen im Nordwesten Syriens vor.

Die „Al-Nusra-Front“ hat seitdem mehrere Wandlungen vollzogen und ihre Ideologien immer wieder angepasst. Heute ist sie bekannt als HTS, der Organisation zur Befreiung (Groß-)Syriens.

„Der Mann ist sehr daran interessiert, zu herrschen“, sagt Analyst Orwa Ajjoub über Al-Dscholani. Ajjoub forscht seit Jahren zum syrischen Konflikt und zum Dschihadismus. HTS habe unter Führung Al-Dscholanis relativ erfolgreich eine Art Alternativregierung der syrischen Opposition im Nordwesten des Bürgerkriegslands aufgebaut.

Das Land ist heute gespalten. Assad kontrollierte zuletzt mit Hilfe seiner Verbündeten Russland und Iran etwa zwei Drittel des Landes. Oppositionskräfte wie HTS dominieren Teile des Nordwestens und Nordostens.

Sowohl die USA als auch die Europäische Union stufen Al-Dscholanis Gruppe HTS weiter als Terrororganisationen ein. HTS ist eine autoritäre, bewaffnete Gruppe. Ihr wurde in den vergangenen Jahren unter anderem Folter, andere Formen der Gewalt und Vertreibung von Minderheiten vorgeworfen.

Die internationale Gemeinschaft betrachtet ihn Ajjoubs Einschätzungen zufolge dennoch auch als ein „Garant für Sicherheit“. Für den Westen stelle er gegenwärtig kein Risiko dar. Über die Jahre sei es dem HTS-Anführer gelungen, gute Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft aufzubauen. „Natürlich nicht öffentlich“, so Ajjoub. Der „Islamische Staat“ und Al-Kaida seien Geschichte für al-Dscholani.

Das bringe vor allem für die Türkei Vorteile. Ein großes Anliegen des Nachbarlands sei es, die zahlreichen syrischen Flüchtlinge im eigenen Land zurück in ihr Heimatland schicken zu können. Aus Sicht der Türkei biete al-Dscholanis relativ stabile Regierungsführung Sicherheit für die Bewohnerinnen und Bewohner. Auch al-Dscholanis gezielte Bekämpfung von IS- und Al-Kaida-Zellen sei dabei hilfreich.

Nach eigenen Aussagen plant al-Dscholani in Syrien ein auf Institutionen basierendes Regierungssystem zu errichten. Nicht eines, in dem ein einzelner Herrscher willkürlich Entscheidungen treffe, sagte er dem US-Sender CNN. „Wir sprechen nicht über die Herrschaft von Einzelpersonen oder persönliche Launen“, so al-Dscholani.

Riad Kahwadschi, Gründer des Militärinstituts Inegma in Dubai, sieht in al-Dscholanis Transformation vor allem Opportunismus. Er inszeniere sich heute als „nationalistische Figur“, die keine extremistischen Ansichten mehr vertrete und zur Einheit und Koexistenz mit anderen Minderheiten aufrufe. Er sehe sich als Politiker, der eine Miliz anführt.

Zur Transformation mag auch ein aktueller Namenswechsel beitragen. Zuletzt ließ er sich zum ersten Mal öffentlich auf dem HTS-Telegramkanal mit seinem Klarnamen statt mit seinem Kampfnamen zitieren.

Den vollen Rückhalt der Bevölkerung hatte al-Dscholani bis zur Offensive der Rebellen nicht. „Er hat viele politische Aktivisten und seine Gegner festgenommen und in Gefängnisse gesteckt“, sagte Experte Ajjoub. Seit etwa einem Jahr habe es immer wieder Proteste gegen ihn gegeben. „Als die Offensive begann, ist es ihm jedoch gelungen, all diese Menschen um ihn herum zu mobilisieren“, so Ajjoub.

Die meisten Kämpfenden der Rebellenallianz seien aus Homs, Hama und anderen Gebieten zuvor vertrieben worden. Sie kämpften nun um ihr eigenes Land. „Vom ersten Tag an habe ich von Menschen in Idlib gehört, jetzt ist nicht die Zeit für Demonstrationen, jetzt ist die Zeit zum Kämpfen.“ Al-Dscholani habe sich in einen „lokalen Helden“ verwandelt und womöglich auch in eine tragende Figur über die Grenzen von Syrien hinaus, weil viele Menschen gerne sehen würden, dass das syrische Regime gestürzt wird.

Der Konflikt begann 2011 mit Protesten gegen die Regierung Assads. Sicherheitskräfte schlugen sie mit Gewalt nieder. Hunderttausende kamen bisher ums Leben. Amira Rajab, dpa

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