VonJoachim Willeschließen
Der Süden Europas, der Nahe Osten, Indien und Pakistan leiden immer öfter unter Hitzewellen.
Dieser Juli hat begonnen, wie man den deutschen Sommer von früher kennt. Wechselhaft, die Sonne macht sich rar, gerne mal ein Regenschauer, insgesamt kühler als erwartet. Es ist der Sommer, der viele in den vergangenen Jahrzehnten die alljährliche Flucht per Auto oder Flugzeug in den Süden einüben ließ, nach Mallorca, Italien, Griechenland oder noch weiter entfernte sichere „Sonnenbanken“. Und der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach hat zumindest kurzfristig auch keine besseren Aussichten zu bieten. Vorerst, so DWD-Meteorologe Andreas Walter, ändere sich an der Wetterlage nichts. „Eine ausgeprägte Hitzewelle wie zuletzt 2022 ist derzeit nicht in Sicht“, sagte er der FR. Der Sommer 2022 war in Europa der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
Doch das ist eben nur die deutsche Sicht. Viele andere Teile der Welt waren in diesem Jahr bereits ungewöhnlich starken Hitzewellen ausgesetzt, darunter südeuropäische Länder wie Griechenland und Italien, aber auch der Nahe Osten, Indien und Pakistan sowie Nord- und Mittelamerika. Durch aktuelle wissenschaftliche Studien dazu verdichtet sich die Erkenntnis, dass bedingt durch den Klimawandel diese Ereignisse häufiger, heftiger und tödlicher werden.
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Klima-Fachleute dringen darauf, sich auf die zunehmende Häufigkeit von Hitzewellen einzustellen und Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit zu treffen. Zumal die Zuspitzung jetzt bereits bei einer globalen Erwärmung um rund 1,5 Grad eintritt, während die Welt sich ohne zusätzliche CO2-Einsparmaßnahmen der Staaten auf einem Pfad von plus 2,5 bis 2,9 Grad befindet, wie ein Report des UN-Umweltprogramms Unep von Ende 2023 zeigt.
Extreme Hitze-Spitzenwerte wurden im Juni in Saudi-Arabien ausgerechnet während der muslimischen Pilgerfahrt Hadsch erreicht, rund um Mekka und Medina waren es bis zu 51,8 Grad. Dabei starben rund 1300 Menschen. Ein Grund für die hohe Zahl der Opfer: Viele der nicht offiziell registrierten Pilger:innen hatten keinen Zutritt zu klimatisierten Räumen, die von den Behörden für die angemeldeten 1,8 Millionen Pilger:innen eingerichtet worden waren, damit diese sich dort von den stundenlangen Fußmärschen und Gebeten unter freiem Himmel erholen konnten.
In der Wüstenregion waren sehr hohe Temperaturen zu dieser Jahreszeit auch bisher üblich. Laut einer aktuellen Analyse zur „Klima-Attribution“, erschienen auf dem Portal des Forschungskonsortiums „ClimaMeter“, hat die globale Erwärmung das Temperaturniveau diesmal allerdings um rund 2,5 Grad erhöht, was den Aufenthalt in solcher Extremhitze noch gefährlicher werden ließ. Für die Studie hatte ein internationales Forschungsteam Wettermuster in der Region von 1980 bis heute anhand von Satellitendaten verglichen. Ergebnis: Das Ausmaß der Hitzewelle diesmal sei ohne den Einfluss des Klimawandel nicht erklärbar. Der französische Wissenschaftler und Mitautor der Analyse, Davide Faranda, kommentierte: „Die tödliche Hitze während des diesjährigen Hadsch steht in direktem Zusammenhang mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe und hat die am stärksten gefährdeten Pilger betroffen.“
Ungewöhnliche Hitze in Nord-und Mittelamerika
Ein ähnliches Muster zeigte sich auch in einer Attributionsanalyse zu der ungewöhnlichen Hitze, die in diesem Jahr ab März Nord- und Mittelamerika heimsuchte und Anfang Juni kulminierte. So früh war es im Südwesten der USA noch nie so heiß gewesen; im „Death Valley“ in der Mojave Wüste wurden bis zu 50 Grad gemessen. Insgesamt litten rund 34 Millionen Menschen darunter. In Mexiko wurden 125 Hitzetote und 2300 Fälle von Hitzschlag gemeldet. Es kam zu Waldbränden und Stromausfällen. Die Studie der renommierten internationalen Forschungsgruppe „World Weather Attribution“ (WWA) ergab, dass die Hitzewelle durch den menschengemachten Klimawandel 35-mal wahrscheinlicher wurde als sie in einer Welt ohne zusätzliche Treibhausgase in der Atmosphäre gewesen wäre.
Laut der Studie werden solche Hitzeextreme häufiger auftreten, wenn die CO2-Emissionen nicht deutlich reduziert werden. „Es ist keine Überraschung, dass die Hitzewellen tödlicher werden“, sagt die Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College in London, eine Mitbegründerin der Attributionsforschung. Aufgrund der Überwärmung steigt das Risiko für Dehydrierung, Hitzschlag oder Herz-Kreislauf-Kollaps.
Doch auch die ökonomischen Folgen sollten, so die WWA-Gruppe, nicht unterschätzt werden. Extreme Hitze verursacht laut der aktuellen Studie derzeit bereits Kosten von 100 Milliarden US-Dollar jährlich. Dieser Wert könne bis 2050 auf 500 Milliarden ansteigen, so die Voraussage.
Als wahrhaftige „Hotspots“ dieser Entwicklung weltweit, also Regionen mit zunehmenden Hitzewellen, hat ein Forschungsteam der ETH Zürich den Mittleren Osten, Südostasien, die Golf- und Atlantikküste der USA sowie die Pazifikküste Lateinamerikas ermittelt. Wahrscheinlich zählen auch Regionen in Afrika und Indien dazu.
Doch auch für Europa, und hier besonders den Süden, geben sie keine Entwarnung. „Die Übersterblichkeit eines Hitzesommers wie 2003, der früher als extremes Ereignis galt, das alle 100 Jahre vorkommt, erwarten wir heute alle zehn bis 20 Jahre“, sagte der Zürcher Forscher Samuel Lüthi, Leitautor der Untersuchung, die 2023 erschien. „Und in einer um zwei Grad wärmeren Welt an vielen Orten sogar alle zwei bis drei Jahre.“
Im Jahr 2003 hatten sich die Folgen der Erwärmung auf dem europäischen Kontinent erstmals derart deutlich gezeigt. Damals stiegen die Temperaturen hier bis auf 47,5 Grad, es gab zwischen 45.000 und 70.000 vorzeitige Todesfälle, Wälder standen in Flammen, Felder verdorrten, zahlreiche Flüsse waren ausgetrocknet. Forscher Samuel Lüthis Schlussfolgerung: „Wir sollten uns nun schnellstmöglich auf das Unabwendbare vorbereiten und Situationen, die nicht mehr kontrollierbar sind, um jeden Preis verhindern.“ Der wichtigste Schritt sei, so schnell wie möglich aus den fossilen Energien auszusteigen.
