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Noch ist Jewgenij Prigoschins Tod nicht amtlich. Viele machen den Kreml für den Absturz des Privatjets des Söldner-Chefs verantwortlich. Eine Analyse von Stefan Scholl.
Prigoschin steht allein auf einer leeren, steinigen Ebene, in der Ferne sind vereinzelte Bewaffnete zu sehen. Er trägt eine Feldmütze und ein Kalaschnikow-Sturmgewehr, ist mit Patronentaschen behängt. Die Szene ist trist bis zur Verdammnis. Aber der unrasierte Söldnerführer gibt sich unverdrossen. „Wir arbeiten. Die Temperatur liegt bei 50 Grad plus“, knurrt er. „Alles ist, wie wir es lieben.“
Jewgenij Prigoschin veröffentlichte sein wohl letztes Video am Montag aus der afrikanischen Steppe, zwei Tage später kam er beim Absturz eines Privatjets auf dem Flug von Moskau nach Sankt Petersburg ums Leben. Offenbar, denn noch gibt es keine amtliche Bestätigung, dass der 62-Jährige wirklich einer der zehn Toten ist, die am Absturzort in der Region Twer gefunden wurden. Aber der Wagner-nahe Telegramkanal „Grey Zone“ hat sich schon verabschiedet: „Held Russlands und echter Patriot seines Vaterlands – Jewgenij Prigoschin starb durch die Hände der Verräter Russlands. Aber selbst in der Hölle wird er der Beste sein.“
Prigoschin: Seine Kämpfer eroberten Bachmut - in einem nutzlosen Sieg
Für die einen war der kriegerische Multimillionär der Mann des Jahres, für die anderen die Unperson Russlands. Im Sommer 2022 startete er persönlich die Massenanwerbung von Strafgefangenen für seine Sturmtruppen in der Ukraine. Nach monatelangen Straßenschlachten eroberten seine Kämpfer dort im Mai die Kleinstadt Bachmut, ein nutzloser Sieg, der Zehntausende das Leben kostete. Nebenher ließ Prigoschin, von rechten Portalen und Propagandisten als „herausragender Feldherr“ gefeiert, Videos veröffentlichen, auf denen Deserteure mit dem Vorschlaghammer getötet wurden.
Prigoschin kritisierte die russische Armeeführung, vor allem Verteidigungsminister Sergei Schoigu immer dreister, Ende Mai zog er seine Krieger von der Front ab, startete am 23. Juni einen Putsch, mit dem Ziel Schoigu gefangenzunehmen.
Am nächsten Tag marschierten Wagner-Söldner auf Moskau, schossen sechs Hubschrauber und ein Flugzeug der russischen Luftwaffe ab, bevor Prigoschin die Rebellion am Abend abbrach – angeblich auf Vermittlung des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko.
Prigoschin: Der Kreml schweigt zum Absturz des Privatjets
Jetzt ist Prigoschin selbst vom Himmel geholt worden. Angesichts der vertikalen Absturzspirale seines Jets vermuten Expert:innen, der Pilot hätte die Kontrolle über die Maschine völlig verloren, vermutlich nach einer Explosion an Bord.
Der Kreml schweigt. Regimetreue Blogger aber machen die Ukrainer für den Absturz verantwortlich. „Ein Terroranschlag zur Feier des (gestrigen) Unabhängigkeitstages der Ukraine“, versichert der Politologe Sergej Markow auf Telegram. Der Anschlag sei dem feindlichen Geheimdienst gelungen, weil der Staat Prigoschin nach dessen Putschversuch die Leibwache entzogen habe.
Allerdings hatte Prigoschin seinen eigenen Sicherheitsdienst. Laut Passagierliste saßen auch mehrere Wagnersöldner in der Unglücksmaschine, offenbar auch Prigoschins Leibwächter. Tatsächlich ist es dem ukrainischen Geheimdienst gelungen, zwei russische Kriegspatriot:innen zu ermorden, die Politologin Darja Dugina im August 2022 und den Blogger Wladlen Tatarskij in diesem April. Aber es dürfte auch für die gerissensten Kiewer Agent:innen viel schwieriger sein, die Flugroute von Prigoschins Privatjet auszukundschaften und dort eine Bombe zu platzieren als für ihre russischen Kolleg:innen.
Prigoschin: Putins Feinde sterben oft eines unnatürlichen Todes
Viele Beobachter:innen vermuten, Wladimir Putin stehe hinter Prigoschins Tod. „Ein ganz klares Signal an alle Eliten“, kommentierte die gemäßigt liberale TV-Moderatorin Xenia Sobtschak. „An alle, die irgendwelche aufrührerischen Gedanken hegen, zur Kriegsspezialoperation oder überhaupt.“ Ein anonymer Kremlbeamter sagte dem Portal „Meduza“, Prigoschins Absturz überrasche ihn nicht. „Man hatte das Gefühl, dass er nach seiner Rebellion schlecht endet, so etwas wird nicht verziehen.“ „Noch eine rechtswidrige Abrechnung“ schimpft der Exilpolitiker Michail Chodorkowskij auf Youtube. „In einem normalen Staat hätte man die Putschisten vor Gericht gestellt oder begnadigt.“
Putins Staatsorgane folgen ihrer eigenen Logik. Seitdem der frühere KGB-Beamte an der Macht ist, sterben persönliche Feind:innen und potenzielle Konkurrent:innen oft eines unnatürlichen Todes. Alexander Lebed, Ex-General und Gouverneur von Krasnojarsk, der unter Boris Jelzin zeitweise als künftiger Staatschef gehandelt worden war, kam 2002 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. 2006 wurde der FSB-Überläufer und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit radioaktivem Polonium vergiftet, der Oligarch Boris Beresowskij lag 2013 in seinem Exil in Ascot tot im Badezimmer, Oppositionsführer Boris Nemzow erschoss man 2015 in Moskau auf offener Straße, 2018 scheiterte ein Nowitschok-Kampfstoffanschlag auf den ausgetauschten Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter knapp, ebenso wie 2020 auf Alexej Nawalny.
Prigoschin: Putin beschimpfte ihn öffentlich
Putin hatte Skripal als „Verräter und Dreckskerl“ beschimpft. Auch Prigoschin und seine Rebellen bezeichnete er in einer Fernsehansprache am Putschtag als Verräter, die ihrer Strafe nicht entgehen würden.
Kremlinsider:innen wie Regimekritiker:innen staunen, dass Prigoschin, dessen Firmen durch Staatsaufträge angeblich zehn Milliarden Euro eingenommen hatten, weiter demonstrativ sorglos zwischen Minsk, Moskau und St. Petersburg jettete. „Irgendwann hat er das Gefühl für die Realität verloren“, vermutet der Exilpolitologe Fjodor Krascheninnikow.
Aber nicht alle glauben, dass Prigoschin tot ist. „Er ist ein Troll und ein Trickser“, sagt ein Kremlbeamter dem Kanal „Meduza“. Am Absturztag war auch ein anderer Jet, den Prigoschin oft nutzte, zwischen Moskau und Petersburg unterwegs. Laut BBC besaß Prigoschin fest angestellte Doppelgänger, mit deren Hilfe er Reiserouten verschleierte. Ein verbranntes Flugzeug sei ein guter Anlass, um für immer mit einem Reservepass unterzutauchen, spekuliert die Politologin Jekaterina Schulman. Auch wenn Prigoschins Leiche demnächst durch eine DNA-Analyse identifiziert wird, dürften viele Russen seinen Tod weiter anzweifeln.
