VonJens Kiffmeierschließen
Flucht vor Teilmobilmachung: Putin ruft 300.000 Reservisten zum Militärdienst – doch viele wollen sich freiwillig ergeben. Das behauptet die Ukraine.
Kiew/Moskau – Bloß weg: Die Teilmobilmachung im Ukraine-Krieg bereitet Russland weiter große Probleme. Nachdem der Kreml die Flucht ins Ausland für viele Kriegsdienstverweigerer erschwert hat, planen viele Reservisten nun offenbar auf anderem Wege den Militärdienst zu umgehen. So verzeichnet eine ukrainische Hotline, bei der sich russische Deserteure melden können, offenbar stark gestiegene Anrufe. Das teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Die meisten würden wissen wollen, wie sie direkt nach ihrer Ankunft in der Ukraine desertieren könnten, sagte ein Sprecher.
Ukraine-Krieg: Nach Teilmobilmachung sollen sich russische Deserteure angeblich bei ukrainischer Hotline melden
Unabhängig überprüfen lassen sich die Informationen nicht. Gut möglich, dass dahinter auch ein strategischer Propagandaschritt von Wolodymyr Selenskyj steckt. Der ukrainische Präsident hatte direkt nach der Ankündigung von Wladimir Putin zur Teilmobilmachung die betroffenen russischen Soldaten zur Aufgabe aufgefordert und die Freischaltung der Hotline in Aussicht gestellt.
Teilmobilmachung in Russland: Putin schlägt viele Russen in die Flucht – trotz Androhung einer harten Strafe
Angesichts vieler Rückschläge bei der Eroberung der Ostukraine will der Kreml in den nächsten Wochen bis zu 300.000 Reservisten für den Militärdienst im Ukraine-Krieg einziehen. Zuletzt hatten die russischen Truppen herbe Verluste erlitten. Während die ukrainische Armee mithilfe westlicher Waffenlieferungen große Geländegewinne einfuhr, kämpften Putins Truppen mit alten Panzern und rostigen Gewehren. Berichte, wonach ganze Bataillone gegen Putin meuterten und die Flucht ergriffen, nahmen zu. Als Reaktion darauf erhöhte der Kreml die Strafen für Fahnenflucht drastisch. Deserteuren blühen nun zehn bis 15 Jahre Haft.
Ukraine-Krieg: Proteste gegen die Teilmobilmachung nehmen zu – betreibt Putin seinen Sturz?
Doch die hohen Strafen schrecken immer mehr Wehrpflichtige nicht ab. Erstmals seit Beginn des Ukraine-Krieges bröckelt die Unterstützung für Putins Kurs. Plötzlich nehmen Proteste zu – und junge Männer verlassen scharenweise das Land. Flüge ins Ausland waren wenige Stunden nach der Teilmobilmachung ausgebucht. Vor den Grenzen bildeten sich lange Staus.
Allein nach Kasachstan sollen nach dem 21. September 2022 rund 98.000 russische Staatsbürger eingereist sein. Das teilte die Migrationsbehörde im dortigen Innenministerium laut der Nachrichtenagentur dpa mit. Ähnliche Entwicklungen werden auch aus Georgien oder Nordossetien gemeldet. Jedoch ist die Flucht dahin nur ein kurzer Befreiungsschlag. Denn die Republiken erklärten sich grundsätzlich zur Aufnahme russischer Staatsbürger bereit. Jedoch werden diese auch an Moskau ausgeliefert, sollte nach ihnen gefahndet werden.
Asyl für Russen: Deutschland diskutiert die Aufnahme von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern
In Deutschland wäre man da restriktiver. So gibt es hierzulande zahlreiche Forderungen, wonach russischen Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern unkompliziert Zuflucht geboten werden soll. Unter anderem sprach sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) für eine entsprechende Asylregelung aus. Jedoch stößt der Wunsch an praktische Grenzen. Denn viele Russen kommen nicht mehr über die Grenzen in Richtung Europa. Eine EU-Regelung zu der Problematik lässt derzeit trotz aller Willensbekundungen noch auf sich warten.
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Auch vor diesem Hintergrund rief Selenskyj die russischen Soldaten zum Desertieren in der Ukraine auf. In einer Videoansprache versprach er den Soldaten in der freiwilligen Kriegsgefangenschaft einen „zivilisierten Umgang“. Niemand werde erfahren, unter welchen Umständen die Soldaten aufgegeben hätten, zitierte ihn das Schweizer Nachrichtenportal nau.ch. „Wenn Ihr Angst habt zurückzukehren und keinen Gefangenenaustausch wollt, dann werden wir einen Weg finden, auch das sicherzustellen.“ Zu desertieren, so Selenskyj, sei besser als zu sterben.
Rubriklistenbild: © Vladimir Gerdo/imago

