VonTom Offingerschließen
Die deutsche Energiepolitik erinnert derzeit an einen Ameisenhaufen. Das bleibt auch bei unseren Nachbarn in Frankreich nicht unbemerkt.
New York - Die deutsche Energiepolitik bleibt weiter auf dem Prüfstand. Spätestens in Folge des Ukraine-Kriegs wurden die Versäumnisse der vergangenen Jahre, insbesondere hinsichtlich einer Energieabhängigkeit von Russland, deutlich. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz sind um eine schnelle Lösung bemüht und bringen nun gar eine Wiederaufnahme der Energiegewinnung mittels Kohlekraftwerke ins Spiel. Eine Strategie, die auch im Ausland für Kopfschütteln sorgt.
Deutsche Energiepolitik: UN-Politiker schimpft lautstark
„Die deutsche Energiepolitik hat mittlerweile einen Gipfel der Absurdität erreicht“, schimpft Frankreichs UN-Abgesandter Gérard Araud deutlich auf Twitter und bezieht sich dabei auf die jüngsten Überlegungen der Bundesregierung. „Ganz Europa wird dank diesem Anti-nuklearen Dogmatismus verschmutzt werden.“
German energy policy is reaching an apex of absurdity. It is going to reopen coal power plants while closing nuclear ones. All Europe is going to be polluted because of an antinuclear dogmatism.
— Gérard Araud (@GerardAraud) June 19, 2022
Eine Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke als Lösung des Versorgungsproblems hatte Bundeskanzler Scholz in den vergangenen Tagen ausgeschlossen und dafür einigen Gegenwind kassiert. „Das ist eine rein ideologische Debatte. Die Grünen und die SPD verweigern sich einer notwendigen Diskussion“, hatte beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zum Ausdruck gebracht. Scholz hatte gegenüber dem Merkur erklärt, dass eine Laufzeitverlängerung nicht ohne Weiteres umsetzbar sei: „Der Atomausstieg ist lange beschlossen, die Brennelemente und nötigen Wartungsintervalle der Anlagen sind genau auf den Ausstieg abgestimmt worden. Die Brennstäbe reichen bis Jahresende.“
Deutsche Energiepolitik: Gasvorrat wird zunehmend knapp
Während eine Reaktivierung der Atomkraftwerke damit zumindest vorerst vom Tisch scheint, bemühen sich vereinzelte Stimmen um den Einsatz von Kohlekraftwerken. „Im Stromsektor sollten so schnell wie möglich zusätzlich aktivierbare Kohlekraftwerke statt Gaskraftwerken laufen“, argumentierte RWE-Chef Markus Krebber am Montag in der Süddeutschen Zeitung (20. Juni). Generell gelten es nun, den Gasverbrauch zu reduzieren, so Krebber weiter, sowohl in der Industrie aber auch im privaten Verbrauch: „Überall, wo man auf andere Energieträger umstellen kann, sollte das erfolgen.“
Wie lange diese aus französischer Sicht „absurde“ Diskussion um die deutsche Energiezukunft noch geführt wird, lässt schwer abschätzen. Früher oder später wird die Bundesregierung eine Entscheidung fällen müssen. Spätestens wenn die Temperaturen wieder sinken - und der Heizbedarf nach oben gehen wird. (to)
Rubriklistenbild: © Armin Weigel
