Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt muss helfen, wo sonst keiner es mehr tut. Ein Gastbeitrag des britischen Ex-Außenministers David Miliband.
„Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts geschieht, und dann Wochen, in denen Jahrzehnte geschehen.“ Dieser oft Lenin zugeschriebene Aphorismus trifft heute besonders zu. Wie sich die Welt mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 um die eigene Achse drehte, so tut sie es heute wieder: Die USA nehmen unter Trump ihren Platz in der Welt neu ein und verändern die Weltordnung.
Wie 1989 ist Deutschland auch heute Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Die Zukunft der Ukraine, Europas und des multilateralen Systems hängt maßgeblich von den Entscheidungen in Berlin ab. Offenheit, Multilateralismus und Rechtsstaatlichkeit als Eckpfeiler der internationalen Ordnung der Nachkriegszeit waren die Voraussetzungen für das Aufblühen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit – vom Marshallplan bis zu Bretton Woods. Aus der Geschichte wächst eine besondere Verantwortung Deutschlands. Heute ist die Aufgabe nicht, diese Architektur zu wahren, sondern sie für eine Ära zu erneuern, die von Fragilität, Interdependenz und schnellem Wandel geprägt ist.
Ob es will oder nicht, Deutschland ist gefordert, neue Normen zu setzen, neue Koalitionen zu schmieden und neue Prioritäten für die internationale Zusammenarbeit festzulegen. Hilfe in Krisengebieten ist ein solcher Bereich.
Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist auf dem Weg, der größte bilaterale Geber von Auslandshilfen zu werden. Neben Handel, Schuldenerlass und multilateralen Reformen sind Auslandshilfen zwar nur ein Werkzeug im Instrumentenkasten der Diplomatie. Aber wenn sie richtig eingesetzt wird, wirkt sie lebensentscheidend für Menschen und transformativ für Gesellschaften: Auslandshilfen sichern Leben und Lebensgrundlagen, fördern Widerstandsfähigkeit und stärken globale öffentliche Güter und damit globale Stabilität.
125 Millionen Geflüchtete, 300 Millionen Menschen in humanitärer Not und 700 Millionen Menschen, die mit weniger als 1,90 Euro pro Tag leben – in Anbetracht der enormen globalen Herausforderungen stellt sich die Frage, worauf Deutschland den Fokus legen sollte. Ich schlage vier Arbeitsaufträge vor:
1. Dort unterstützen, wo Not und Vernachlässigung am größten sind
Extreme Armut konzentriert sich in fragilen und konfliktbetroffenen Staaten, in denen nach OECD-Schätzungen bis 2030 über 80 Prozent der weltweit extrem armen Menschen leben werden. Bereits heute leben in den 44 einkommensschwächsten Ländern über die Hälfte der weltweit extrem armen Menschen. Dennoch fließt dort nur ein Bruchteil – ein Viertel der weltweiten Hilfe – hin. Deutschland kann eine Vorreiterrolle einnehmen, indem es mindestens 50 Prozent der Auslandshilfen für fragile, konfliktbetroffene Staaten bereitstellt. 2023 lag der Anteil bei 21 Prozent, da ist also noch Luft nach oben. Aktuell fließen Hilfsgelder in zu viele Regionen und die Wirkung wird so verwässert. Eine Fokussierung würde zu stärkeren Ergebnissen führen.
2. Bewährte, kooperative Lösungen stärken
Die Impfallianz Gavi hat mehr als 1,1 Milliarden Kinder geimpft und fast 19 Millionen Todesfälle verhindert. Gavi steht für Multilateralismus in der effektivsten Form. Deutschland ist bereits ein wichtiger Geber und Vorstandsmitglied. Im Rahmen einer Partnerschaft zwischen Gavi und International Rescue Committee (IRC) wurden über 13 Millionen Impfdosen für Kinder in Konfliktgebieten bereitgestellt – zu einem Preis von weniger als vier Euro pro Impfung. Das ist nicht nur kosteneffizient, sondern rettet dort Leben, wo die Gesundheitsversorgung besonders geschwächt ist. Deutschland sollte sich dafür einsetzen, dass diese Erfolge in fragilen und Krisenregionen skaliert werden.
3. Vorausschauend handeln, statt nur auf Krisen zu reagieren
Deutschland hat bereits fünf Prozent der humanitären Hilfe für vorausschauende Maßnahmen bereitgestellt. Die Unterstützung des Auswärtigen Amts für das sogenannte Anticipatory-Action-Programme von IRC in Somalia und Afghanistan – zwei der fragilsten Regionen der Welt – zeigen, wie gezielte Geldtransfers im Vorfeld vorhersehbarer Klimaschocks Lebensgrundlagen schützen und Leben retten. Dieser erfolgreiche Ansatz sollte nicht die Ausnahme bleiben. Deutschland kann vorausschauende Finanzierung ausweiten, indem gezielt Gelder in den einkommensschwächsten Ländern umgesetzt werden – und andere Geber so ermutigt werden, diesem Beispiel zu folgen.
4. Auf Evidenz und Ergebnisse fokussieren
Mit wachsendem Bedarf und sinkenden Mitteln muss jeder Euro effizient eingesetzt sein. Das bedeutet: Priorität hat, was funktioniert. Wo es belegbare Erfolge gibt, sollte man sie ausweiten. Wo sie fehlen, muss man sie nachweisen. Deutschland kann bei Kosten-Nutzen-Analysen und Wirkungsmessung eine Vorreiterrolle einnehmen, um Auslandshilfen evidenzbasierter und ergebnisorientierter zu machen.
Die alte Ordnung kehrt nicht zurück. Die Frage ist, was an ihre Stelle tritt und wem sie dient. Auslandshilfe ist keine Wohltätigkeit, es ist eine Strategie. Eine stabile, menschliche und gerechte Welt ist die einzige Welt, in der Deutschland – und Europa – wachsen. Deutschland hat wie kaum ein anderes Land die Gestaltungsmacht, diese Aufgabe zu bewältigen.