Deutschland-Ticket

Wer bezahlt die Mehrkosten beim Deutschland-Ticket?

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400 Millionen Euro groß ist die Finanzlücke beim Deutschland-Ticket. Wenn sich Bund und Länder nicht einigen, droht eine Preiserhöhung - oder das Aus.

Berlin - Für 49 Euro unbegrenzt mit der Bahn durch Deutschland reisen - das Angebot nutzen seit einem halben Jahr rund elf Millionen Menschen. Dabei ist die Finanzierung des Deutschland-Tickets noch immer nicht geklärt. Bund und Länder treffen sich am Montag, 6. November, bei der Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), um über die Zukunft des Angebots zu diskutieren. Neben einer Erhöhung des Ticketpreises steht auch das völlige Aus im Raum.

Die Sozialverbände und Gewerkschaften sprechen sich klar für ein Beibehalten aus: „Das Deutschlandticket muss bleiben und die Menschen brauchen endlich auch Planungssicherheit“, sagte die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland, Michaela Engelmeier der Berliner Morgenpost. Etwa acht Prozent der Nutzerinnen und Nutzer hätten zuvor gar keinen öffentlichen Nahverkehr genutzt und die Hälfte der Kunden habe erstmalig ein Abo abgeschlossen, erklärte Engelmeier.

Eine Preiserhöhung des Deutschland-Tickets sei für die Vorsitzende „der völlig falsche Ansatz“. Stattdessen befürwortet sie vergünstigte Angebote „für Personengruppen, die sich Mobilität sonst nicht leisten können“. Dann würden auch die Verkaufszahlen weiter steigen. Zudem müsse in den Ausbau des Verkehrsangebots investiert werden.

Verdi fordert eine Kostenübernahme des Deutschland-Tickets von Bund und Ländern

Bislang im Regen stehen gelassen: Nach wochenlanger Uneinigkeit über die Finanzierung des Deutschlandtickets dürfen Nutzende sich erneut Hoffnung machen. Die Diskussion zwischen Bund und Länder geht am Montag (6. November) in die nächste Runde.

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn positionierte sich für eine Weiterführung des Deutschland-Tickets. Der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann sagte der Funke-Mediengruppe: „Man wird sich einigen müssen. Man kann das nicht zurücknehmen.“ Die Erwartungshaltung der Nutzer sei groß, insbesondere in den Ballungsräumen. Notwendig sei aber eigentlich ein Gesamtkonzept. Mit einem bundesweit gültigen Ticket allein ließen sich die Probleme im Nahverkehr nicht lösen. Ein billiges, hoch subventioniertes Angebot nütze wenig, wenn es weiterhin an Investitionen ins System mangele.

„Bund und Länder müssen am Montag endgültig klarstellen, dass sie das Defizit vollständig übernehmen“, forderte auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Frank Werneke. „Jeder Tag der Unsicherheit schwächt den ÖPNV und damit die Verkehrswende.“ Notwendig sei aber neben dem bereits vom Bund angekündigten Ausbau- und Modernisierungspakt für öffentliche Verkehrsmittel auch „ein gemeinsamer Personalpakt“.

Deutschland-Ticket: Errechnetes Defizit verdoppelt sich fast

Laut einer Finanzierungsprognose der Verkehrsunternehmen dürften die Verluste in diesem Jahr wegen der Einführung des Tickets erst im Mai bei 2,3 Milliarden Euro liegen, für das ganze Jahr 2024 bei 4,1 Milliarden Euro. Bei insgesamt sechs Milliarden Euro öffentlicher Zuschüsse für 2023 und 2024 ergäbe sich demnach unter dem Strich eine Lücke von 400 Millionen Euro.

Noch bis Ende des Jahres wollen Bund und Länder die Mehrkosten zu gleichen Anteilen bezahlen. Für die Zeit ab 2024 gibt es dazu aber noch keine Absprache. Bereits seit mehreren Monaten diskutieren Bund und Länder darüber, wie die Finanzierungslücken beim Deutschland-Ticket geschlossen werden können. Die Länder fordern weiterhin eine Finanzierung, die zu 50 Prozent vom Bund und zu 50 Prozent von den Ländern übernommen wird, wie die AFP berichtet.

Streit um Bezahlung: Bund will sich nicht an Deutschland-Ticket beteiligen

Deutschland-Ticket im Überlick

Mit dem Deutschlandticket können Verbraucher seit Anfang Mai für 49 Euro im Monat bundesweit den gesamten Nah- und Regionalverkehr nutzen. Das Ticket wird als monatlich kündbares Abo vertrieben. Bund und Länder stellen dafür bis 2025 jeweils 1,5 Milliarden pro Jahr Euro zur Verfügung, um Einnahmeausfälle der Verkehrsunternehmen auszugleichen.

Bislang erklärte sich der Bund jedoch nicht bereit, einen Anteil an künftigen Mehrkosten zu übernehmen. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) verweist darauf, dass eigentlich die Länder für den öffentlichen Nahverkehr zuständig seien. Zudem forderte er die Länder auf, den Nahverkehr durch eine Zusammenlegung von Verkehrsverbünden besser zu organisieren.

Wenn sich Bund und Länder nicht über die Finanzierung einigen können, steht das Deutschland-Ticket womöglich schon wieder vor seinem Aus. Im Gespräch ist auch eine Preiserhöhung, die jedoch das Risiko birgt, dass einige Nutzer ihr Abonnement kündigen oder gar nicht erst abschließen.

Umfrage zeigt: Nutzer springen bei Preiserhöhung des Deutschland-Tickets ab

Das zeigte auch eine Umfrage des Yougov-Instituts. YouGov ist ein Markt- und Meinungsforschungsinstitut in Großbritannien, das international tätig ist. Laut dieser Umfrage ist für mehr als ein Drittel der Deutschlandticket-Inhaber und -Interessenten (37 Prozent) der derzeitige Preis von 49 Euro pro Monat das höchste, was sie bezahlen würden. Sie würden das Abonnement kündigen beziehungsweise nicht weiter in Erwägung ziehen, sollte es teurer werden. 23 Prozent würden bei einer Erhöhung um zehn auf 59 Euro noch mitgehen, ab dann aber ebenfalls aussteigen. Immerhin fast jeder dritte Abonnent oder Interessent würde auch ein noch teureres Ticket behalten oder kaufen. (Lisa Mariella Löw)

Rubriklistenbild: © Arnulf Hettrich/Imago

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