VonMaria Sterklschließen
Die Attacken der Hamas versetzen Israel für einen schrecklich langen Moment in Schock – dann schlägt die Nation zurück. Und in der ersten Kampfpause wird harte Selbstkritik geübt.
Bis zum Wochenende war Kfar Aza ein Kibbutz für 800 Menschen im Süden Israels, eine Idylle durchaus – wenn man vom regelmäßigen Raketenalarm absah. An diesem Sonntag wurde die Siedlung zum Schlachtfeld. Israelische Truppen lieferten sich heftige Gefechte mit Terroristen aus dem Gazastreifen, die tags zuvor durch die Grenzbarriere eingedrungen und Massaker in Dörfern und Städten nahe dem Grenzzaun angerichtet hatten. Mindestens 350 Israelis kamen bisher zu Tode, darunter auch viele Kinder.
Ein großer Teil der Bewohner:innen von Siedlungen nahe der Gazagrenze sind schon in den Norden Israels geflüchtet, aber längst nicht alle. Fast jede Familie im Land kennt jemanden, der vermisst wird. Alle kennen das Zittern und den Horror, wenn jemand längere Zeit nicht auf Nachrichten antwortet oder auf Anrufe reagiert: Wurde er nach Gaza verschleppt, so wie Dutzende andere, darunter auch Kinder und Alte? Wurde sie gefoltert, ermordet? Oder sitzen sie ohne Handyempfang in einem Luftschutzraum, wo sie das Schießen im Kibbutz hören und nur hoffen können, dass die Terroristen an ihrem Haus vorbeiziehen?
Vorwürfe statt Erleichterung
Kfar Aza war am Sonntag „eine von sieben akuten „Kampfzonen“, wie Armeesprecher Richard Hecht das bezeichnet. „Wir kämpfen mit voller Kraft, um die Gebiete zurückzugewinnen“, sagt er. Den Terroristen war es gelungen, einen Armeestützpunkt und eine Polizeistation unter ihre Kontrolle zu bringen. Nach und nach arbeitet die Armee sich vor, um alle Orte von den Eindringlingen zu befreien.
Neben den Gegnern erwarten sie dabei auch schwere Vorwürfe: Aus mehreren Kibbutzim kommen Horrorgeschichten von dort Wohnenden, die alleine mit der Waffe in der Hand versuchten, eindringende Terroristen abzuwehren. Jeder Kibbutz in nächster Nähe zu Gaza hat speziell trainierte Sicherheitsteams, deren Aufgabe es ist, eine erste Abwehrlinie zu bilden, bis die Armee eintrifft. Nun müssten diese Teams die ganze Arbeit der Armee verrichten, weil das Militär mit der Vielzahl an betroffenen Orten überfordert zu sein scheint, erzählt ein Kibbutzbewohner.
Zum Vorwurf, die Armee habe versagt, äußert sich Sprecher Hecht nicht. Diese Diskussionen werde man führen, wenn der Krieg vorüber ist, sagt er. „Jetzt konzentrieren wir uns darauf, Kontrolle zurückzugewinnen.
Zum Teil ist das schon gelungen. Die massive Grenzbarriere, die von den Terroristen mit Bulldozern durchbrochen worden war, sei an 29 Punkten wieder abgedichtet worden, versichert Hecht. Die Hamas-Trupps waren von der Grenze aus bis zu 24 Kilometer weit ins Landesinnere eingedrungen. Sderot mit seinen 30 000 Menschen war Sonntagvormittag noch nicht aus der Hand der Terroristen befreit.
Die Armee hat das Gebiet nahe der Grenze zu Gaza zum militärischen Sperrgebiet erklärt, niemand außer den Streitkräften darf sich dort aufhalten. Wer noch nicht fliehen konnte, soll nun vom Militär weggebracht werden. Konkrete Angaben, wie viele Menschen derzeit in den Kibbutzim nahe Gaza feststecken, macht die Armee nicht. Es seien aber jedenfalls „Tausende“, sagt Hecht. Dass das Gebiet weiter unter dichtem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen steht, macht die Aufgabe nicht leichter.
Am Sonntag beschossen pro-iranische Milizen aus dem Libanon den Norden Israels. Sie wollen die Angst schüren, dass sich der Krieg auf mehrere Fronten ausweiten könnte und den Israelis das klaustrophobische Gefühl vermitteln, es gäbe nirgends eine sichere Stelle in ihrer Heimat (siehe Bericht auf Seite 4).
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu deklarierte am Samstag das Ziel der Vergeltungsschläge: „Alle Orte, in denen sich die Hamas versteckt und von denen aus sie operiert, werden wir in Schutt und Asche legen“, sagte er. „Kommt sofort da raus“, rief er die Hamas-Angehörigen auf. Der Gazastreifen ist dicht besiedelt, die dort lebenden 2,3 Millionen Menschen haben keine Möglichkeit, das Gebiet zu verlassen. Fachleute gehen davon aus, dass diese militärische Auseinandersetzung nicht schon nach wenigen Tagen vorbei sein wird. Es ist das offensichtliche Ziel der Armee, die Offensivkraft der Hamas auf Null zu reduzieren. „Wir werden diesmal jede Zurückhaltung ablegen“, sagt der frühere Nationale Sicherheitsberater Yaakov Amidror. „Wir werden alles tun, um die militärische Infrastruktur der Hamas zu zerstören.“ Bis dieses Ziel erreicht sei, könnten sogar „mindestens einige Monate“ vergehen, schätzt Amidror. „Sehr viele Menschen werden getötet werden.“
Reaktion auf die Proteste
Das sind düstere Aussichten, und sie treffen Israel in einer politisch sensiblen Zeit. Die rechts-religiöse Regierung Netanjahu hat das Land tief gespalten. Die Massenproteste der vergangenen Monate hatten auch die Armeekreise erfasst, Hunderte Reservist:innen erklärten ihre Dienstbereitschaft für beendet – darunter auch Kampfpilot:innen und Fachleute des Militärgeheimdienstes.
Teile der Opposition haben Netanjahu nun angeboten, mit ihm eine gemäßigte „Notfall-Koalition“ einzugehen, um das Land aus den Fängen der Rechtsextremen zu befreien und den so den Widerstandsgeist der Nation wiederherzustellen. Oppositionsführer Jair Lapid von der Partei Jesh Atid rief Netanjahu auf, den Wechsel zu einer „professionellen Regierung“ zu wagen. Es sei „mit dieser extremen, dysfunktionalen Regierungskoalition“ unmöglich, einen Krieg zu führen, so Lapid.
Viele in Israel stellen sich die Frage, warum die Hamas ausgerechnet jetzt angegriffen hat – und mit welchem Ziel. Bei früheren Schlagabtäuschen hatte die Hamas dem „Palästinensischen Islamischen Dschihad“ (PIJ) den Vortritt gelassen, wenn es um wahllose Raketenattacken auf israelische Orte ging. Das war teils so häufig, dass manche in Israels Militärapparat sogar begannen, die Hamas als vergleichsweise moderate Kraft in Gaza zu sehen. „Auch ich habe diesen Fehler gemacht“, sagt Amidror. „Wir haben mit der Illusion gelebt, dass die Hamas sich gewandelt hat und nun verantwortlicher agiert. Wir haben uns getäuscht.“
