Nahost

Die Hoffnung stirbt in Gaza: Israel stoppt nach Waffenruhe-Ende Hilfslieferungen

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Israel und die Hamas können sich nicht auf eine Fortsetzung der Waffenruhe einigen. Netanjahus Regierung riskiert aus purem Machterhaltungstrieb die Fortsetzung des Krieges.

Letzte fromme Hoffnungen, dass die Waffenruhe in Gaza doch in einen andauernden Waffenstillstand münden könnte, wurden an diesem Wochenende endgültig begraben. Israel hat am Sonntag die Abwicklung sämtlicher Hilfslieferungen in den Gazastreifen gestoppt. Die Hamas warf Israel vor, das Waffenruhe-Abkommen zu verletzen. Das israelische Militär wurde beauftragt, sich auf die Wiederaufnahme der Kämpfe um die Enklave vorzubereiten.

Am Samstag war die erste Phase des Geisel-Deals ausgelaufen, in der wie vereinbart 33 Geiseln an Israel übergeben und im Gegenzug fast 2000 palästinensische Häftlinge aus Israels Gefängnissen entlassen wurden.

Darüber hinaus lief aber einiges nicht so wie geplant. Bereits vor Wochen hätten die Verhandlungen über die konkrete Ausgestaltung der zweiten Phase beginnen sollen – doch Israel boykottierte die Gespräche. Man wolle vielmehr die erste Phase des Deals über die ursprünglich geplanten sechs Wochen hinaus verlängern, hieß es. Das Kalkül der Regierung unter Benjamin Netanjahu ist offensichtlich: Die zweite Phase sieht vor, dass Israel seine Truppen aus dem Gazastreifen abzieht, zudem soll die Waffenruhe in einen dauerhaften Waffenstillstand münden. Das wollten Netanjahu & Co. unbedingt vermeiden.

Ein bloßes Ausdehnen der ersten Phase würde zwar mehr Geiseln die Freiheit bringen, zugleich müsste sich Israel aber nicht zum Truppenabzug verpflichten. Den Rückzug aus Gaza befürwortet zwar eine Mehrheit der Menschen in Israel, wenn er die Freilassung der Geiseln garantiert – das geht aus allen Umfragen hervor. Anders sieht dies aber Netanjahus Koalitionspartner Bezalel Smotritsch: Er drohte mit dem Platzen der Regierung, sollte Israel tatsächlich in die zweite Phase des Geisel-Deals einsteigen.

Um Druck auf die Hamas auszuüben, erklärte Israel am Donnerstag, man werde sich – anders als im Deal vereinbart – nicht vom Philadelphi-Korridor im Süden des Gazastreifens zurückziehen.

U m ein Platzen des Deals zu verhindern, kam am Wochenende ein Vorschlag aus den USA: Nahost-Beauftragter Steve Witkoff meinte, man könne noch bis Mitte April so weitermachen wie bisher – keine Kämpfe, aber auch kein vollständiger Rückzug der Armee. Zudem sollte die Hälfte der verbleibenden Geiseln – tote wie lebendige – an Israel übergeben werden. Die Hamas lehnte diesen Vorschlag jedoch ab. Als Reaktion darauf stoppte Israel die Hilfslieferungen.

S omit fehlt nicht mehr viel, um die Kämpfe in Gaza wieder ausbrechen zu lassen. Den Verhandlern in Kairo, allen voran Ägypten und Katar, ist das klar. Sie versuchen, in letzter Minute zu retten, was noch zu retten ist. In einem Kraftakt, der den Verhandlungen neuen Wind geben sollte, legte Ägypten laut katarischen Medienberichten einen neuen Vorschlag auf den Tisch. Demnach würde die aktuelle Phase des Deals um weitere zwei Wochen verlängert. In diesen zwei Wochen sollen sechs Geiseln an Israel übergeben werden, drei davon lebend. Israel würde sich im Gegenzug verpflichten, sich von der Saladdin-Straße zurückzuziehen, einer Nord-Süd-Verbindung im Gazastreifen. Die heikle Frage des Philadelphi-Korridors möchte Ägypten über einen Umweg lösen: Israels Armee würde den Korridor zwar aufgeben, ihn aber nicht sich selbst überlassen – die Kontrolle würde vielmehr in die Hände der USA übergeben. Ob dieser Vorschlag Zustimmung findet, ist ungewiss.

Indes rüttelte ein ausführliches Interview mit der kürzlich befreiten ehemaligen Geisel Eli Sharabi im israelischen Fernsehen die Öffentlichkeit auf. Sharabi schilderte mit drastischen Worten die grausamen Bedingungen, unter denen er in Gaza festgehalten wurde.

Das Video, in dem Sharabi von anhaltendem Hunger, körperlicher Gewalt und konstanter Erniedrigung berichtet, soll auch US-Präsident Donald Trump gezeigt worden sein. Trump soll den Israeli daraufhin nach Washington eingeladen haben. Das Treffen, das noch im Laufe dieser Woche stattfinden könnte, ist nun die letzte Faser Hoffnung der Geisel-Familien: Sie setzen darauf, dass die USA schließlich doch noch Druck auf Israel und Katar ausüben könnten, um die Freilassung weiterer Geiseln zu garantieren. Trumps Nahostbeauftragter Steve Witkoff wird nächste Woche in der Region erwartet.

Zerstörung so weit das Auge reicht – der Gazastreifen.

Rubriklistenbild: © AFP

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