„Freiheit“

Die Kanzlerin bereut nichts: Seehofer rechnet mit Merkel-Memoiren ab – „steht nichts Neues drin“

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    Christian Deutschländer
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An der Migrationsfrage wären CDU und CSU fast zerbrochen – in ihren Memoiren beschreibt Angela Merkel nun unter anderem ihre Sicht auf 2015. Erkenntnisgewinn: gering. Dafür muss ihr alter Rivale Horst Seehofer nun doch kein Buch schreiben.


München – Nicht, dass es zwischen diesen beiden Männern noch einen Wettstreit gäbe, aber wollte man ihn suchen, dann läge Horst Seehofer weit in Führung. Nur wenige kommen in den gerade erschienenen Memoiren Angela Merkels so oft vor wie der frühere CSU-Chef (an zwölf Stellen), viele müssen sich mit einer Erwähnung begnügen oder, wie Markus Söder, mit drei. Wurmt ihn das? Vielleicht. Muss es? Eher nicht. Denn man kann es auch so lesen: Söder mag Randfigur sein – Seehofer ist Reizfigur.

Merkel-Memoiren: Altkanzlerin schreibt auch über Spannungen mit Seehofer

Es ist ja kein Geheimnis, dass es zwischen Merkel und der CSU oft nicht harmonisch zuging. Besonders in Erinnerung bleibt die Zeit ab Herbst 2015. Seehofer, damals bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef, stemmte sich mit Gewalt gegen Merkels Migrationskurs, sprach von einer „Herrschaft des Unrechts“, manche orakelten die Spaltung der Union herbei. So kam es nicht. Trotzdem arbeitet sich die Altkanzlerin in „Freiheit“ auch an der CSU ab, etwas zumindest.

Es ist keine harte Abrechnung, eher eine zwischen den Zeilen. Merkel beschreibt die Ereignisse von 2015 ohne inhaltliche Überraschungen, aber detailreich. Da ist zum Beispiel jener Abend Anfang September, als sie mit Seehofer klären will, ob man die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge ins Land lassen solle, ihn aber nicht erreicht. Erst am nächsten Tag, die Entscheidung ist getroffen, telefonieren sie. Der CSU-Chef habe ihr gesagt, das sei ein Fehler, der nicht rückgängig zu machen sei, schreibt Merkel. „Ich hatte geantwortet, dass ich das anders sähe. Das Telefonat war so deprimierend verlaufen, wie ich es bereits geahnt hatte.“

Typisch Merkel: kein direkter Vorwurf, null Sprengkraft, aber ein Fingerzeig, dass sie nichts zu bereuen habe. So geht das weiter. Im Ton kühl, im Stil oft langatmig, beschreibt sie protokollartig, wie das damals aus ihrer Sicht war. Für Emotionen ist da kaum Platz, nur hier und da ahnt man, woran Merkel zu knabbern hatte. An jenen berühmten CSU-Parteitag, bei dem Seehofer ihr quasi auf offener Bühne eine Standpauke hielt, erinnert sie sich so: „Ich dachte: Hier stehst du jetzt als Parteivorsitzende, das ficht dich nicht an, das bekommst du hin. Aber du bist auch Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Was wird das in Brüssel, was wird das in der Türkei für einen Eindruck machen, wenn die dich hier sehen?“ Das sei der „Tiefpunkt“ in ihrem Verhältnis zu Seehofer gewesen.

Seehofer rechnet mit Merkel-Buch ab: „Ich fühle mich bestätigt“

Es ist nicht allein das Migrations-Thema, das die akribische, sicher bemühte Memoiren-Schreiberin Merkel mit der CSU hadern lässt. Sie wirft der Schwesterpartei auch vor, ihr Entscheidungen anzulasten, die die CSU selbst vorangetrieben hat: den Atomausstieg, die Abschaffung der Wehrpflicht. Und doch ist Asyl, um mit Seehofer zu sprechen, die Mutter aller damaligen Probleme zwischen Merkel-CDU und CSU.

Heute ist die Wunde wenn nicht verheilt, dann doch gut bandagiert und Seehofer selbst sieht in Merkels Buch keinen Grund, sie nochmals zu öffnen. „Da steht in der Tat nichts Neues drin“, sagte der 75-Jährige unserer Zeitung. „Ich sehe das deshalb gelassen, weil niemand ernsthaft bestreiten kann, dass die Entwicklung mir Recht gegeben hat.“

Er selbst blickte vor Wochen noch etwas bang auf die Veröffentlichung, sagte, am liebsten wäre ihm, er käme gar nicht in Merkels Buch vor. Nun ja, es blieb bei dem Wunsch. Den Gedanken, eventuell selbst noch ein Buch zu schreiben, eine Entgegnung quasi, hat Seehofer trotzdem verworfen. „Das wäre eine Überreaktion“, sagte er. „Mir reicht, dass mir viele Leute sagen: ‚Sie haben damals recht gehabt‘.“ Es gehe ihm dabei nicht um Rechthaberei. „Wenn ich auf die heutigen Auswirkungen der damaligen Politik blicke, fühle ich mich einfach bestätigt.“

Merkel veröffentlicht Memoiren: Bilder ihrer wichtigsten Momente als Politikerin

Bundestagspräsident Norbert Lammert (GER/CDU) vereidigt Dr. Angela Merkel (GER/CDU) zur Bundeskanzlerin im Deutschen Bu
Die erste Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik: Merkel leistet 2005 zum ersten Mal ihren Amtseid.  © imago stock&people, via www.imago-images.de
News Bilder des Tages Angela Merkel, Bundeskanzlerin, aufgenommen im Rahmen der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Deu
Eine Geste, die bis heute mit der Altkanzlerin verbunden wird: Die Merkel-Raute. Wofür sie steht? Dazu äußerte sich Merkel bereits 2013 im Wahlkampf. „Es war immer die Frage, wohin mit den Armen und daraus ist das entstanden“ und fügte hinzu: „Vielleicht eine gewisse Liebe zur Symmetrie“. © Florian Gaertner/photothek.de via www.imago-images.de
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht ein Selfie mit einem Migranten
Angela Merkel (CDU) besucht eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und macht ein Selfie mit einem Geflüchteten. Ihr Satz von 2015 bleibt eng mit Merkels Kanzlerschaft verbunden: „Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das!“ © Bernd von Jutrczenka/dpa
Shinzo Abe, Angela Merkel (CDU), Wladimir Putin, David Cameron und Barack Obama beim G8 Gipfeltreffen
G8 Gipfeltreffen im Jahr 2013: Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe (l-r), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der russische Präsident Wladimir Putin, der britische Ministerpräsident David Cameron und US-Präsident Barack Obama. © Tim Brakemeier/dpa
Angela Merkel (CDU) und Joachim Gauck (parteilos) mit der deutschen Nationalmannschaft beim Gewinn des Weltmeistertitels
Fußball-Weltmeisterschaft 2014: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck jubeln nach dem Gewinn des Weltmeister-Titels in der Kabine des Maracana-Stadions mit den deutschen Nationalspielern. © Guido Bergmann/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU stellt sich am Sonntag 21 01 07 nach Ankunft in Sotschi Russ
„Putins Mimik interpretierte ich so, dass er Gefallen an der Situation fand“, schreibt Angela Merkel in ihren Memoiren über den Besuch bei Russlands Präsident Putin. Merkel traf Putin 2007 in Sotschi – auch Putins Hund Koni war bei dem Kurzstatement zugegen. Es ist bekannt, dass Merkel Angst vor großen Hunden hat. Den Kreml-Chef habe sie nicht konfrontiert, sondern habe sich „wie oft in meinem Leben an die englische Adelsregel ‚never explain, never complain‘, ‚niemals erklären, niemals klagen‘“ gehalten. © imago stock&people
Angela Merkel (CDU) legt im Bundestag in Berlin den Amtseid ab.
Angela Merkel legt 2013 im Bundestag in Berlin beim Parlamentspräsidenten Norbert Lammert (CDU) zum dritten Mal den Amtseid ab. © Michael Hanschke/dpa
March 17 2017 Washington District of Columbia United States of America German Chancellor Ange
„Er wollte durch sein Verhalten Gesprächsstoff kreieren, während ich so getan hatte, als hätte ich es mit einem sich normal verhaltenden Gesprächspartner zu tun.“ Das schreibt Merkel über ein Treffen mit dem damaligen und nun wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump. Merkel traf Trump erstmals im Jahr 2017. Vor der Presse verweigerte ihr der Republikaner einen Handschlag. © imago stock&people
Angela Merkel (CDU) bei einer Privataudienz mit Papst Franziskus
Angela Merkel (CDU) schüttelt die Hand von Papst Franziskus bei einer Privataudienz im Vatikan. (2017) © dpa
Angela Merkel (CDU) verneigt sich am Sarg von Helmut Kohl (CDU) beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament in Straßburg
Angela Merkel (CDU) verneigt sich am Sarg von Helmut Kohl (CDU) beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament in Straßburg. (2017) © dpa
Angela Merkel (CDU) steckt eine Kerze an der Berliner Mauer in den Sand.
Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 steckt Angela Merkel eine Kerze an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße in den Sand. In ihren Memoiren stellt Merkel auch ihre ostdeutsche Identität in den Vordergrund. Das Leben in der DDR beschreibt Merkel als „ein ständiges Leben auf der Kante“. © Michael Kappeler/dpa
Angela Merkel (CDU) mit Maske bei einer Bundespressekonferenz über den Lockdown und die Corona-Maßnahmen
Angela Merkel mit einem Mund-Nasenschutz bei einer Bundespressekonferenz über den Lockdown und die weiteren Corona-Maßnahmen. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, war ein weiterer prägender Satz der Amtszeit Merkel. Am 18. März 2020 wendete sich die Kanzlerin zum einzigen Mal in ihrer Amtszeit in einer außerordentlichen TV-Ansprache an die deutsche Bevölkerung. © Kay Nietfeld/dpa
Angela Merkel (CDU) und Armin Laschet (CDU) besuchen Flutgebiete
Angela Merkel (CDU) und Armin Laschet (CDU) besuchen im Jahr 2021 Flutgebiete und reden mit den Anwohnern eines betroffenen Dorfs. „Wir werden Sie nicht nach Kurzem vergessen, sondern wir werden uns immer wieder ein Bild darüber machen, wie es mit dem Wiederaufbau steht“, hatte Merkel damals den kommunalen Spitzen gesagt. 2023 löste sie ihr Versprechen ein und kehrte an einen der am schwersten von der Flut-Katastrophe getroffenen Ort zurück.  © Oliver Berg/dpa
Angela Merkel (CDU) spricht bei einem Wahlkampfauftritt in Siegen
Merkel spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung für die Bundestagswahl in Siegen. Der Name ist Programm: „Mutti“ wird 2017 zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt. © Oliver Berg/dpa
Angela Merkel (CDU) stimmt bei der Abstimmung zum Energiegesetz für den Atomausstieg
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 hat Angela Merkel in Deutschland den Atomausstieg eingeläutet. Die damalige Kanzlerin hat bei der Abstimmung zum Energiegesetz im Juni 2011 für den Ausstieg gestimmt. © Michael Kappeler/dpa
Angela Merkel (CDU) und US-Präsident Barack Obama mit der Freiheitsmedaille in Washington
Freiheitsmedaille für Angela Merkel: Die Kanzlerin erhält die höchste zivile Auszeichnung der USA, von US-Präsident Barack Obama in Washington. (2011) © Rainer Jensen/dpa
Angela Merkel (CDU) und Queen Elizabeth II. unterhalten sich bei einem Klimagipfel in London
Klimagipfel 2009: Angela Merkel und Queen Elizabeth II. unterhalten sich in London. © dpa
Angela Merkel (CDU) trifft europäische Staatsmänner beim Euro-Gipfel zur Finanzkrise in Paris
Euro-Gipfel zur Finanzkrise in Paris: Angela Merkel (CDU) spricht mit dem niederländischen Minister Jan Peter Balkenende und dem belgischen Prime-Minister Yves Leterme. (2008) © Dolega/dpa
Gerhard Schröder und Angela Merkel geben sich die Hand
Beginn der Merkel-Ära: Der bisherige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) übergibt 2005 das Bundeskanzleramt an die neue Kanzlerin Angela Merkel (CDU). © Peer Grimm/dpa
Angela Merkel (CDU) füttert australische Loris im Vogelpark Marlow und wird dabei gebissen.
„Ich wollte nochmal Arrivederci sagen“, erklärte Merkel wenige Tage vor der Bundestagswahl 2021 auf dem Wochenmarkt in Greifswald einer Blumenverkäuferin. 30 Jahre lang war Merkel als Direktkandidatin in Mecklenburg-Vorpommern angetreten - 2021 trat sich erstmals nicht mehr an. „Es war mir immer eine Ehre, für diesen Wahlkreis anzutreten“, sagte die damalige Kanzlerin am Rande des Besuchs im Vogelpark. © Georg Wendt/dpa

Merkel-CSU-Beziehung: Flüchtlingsfrage belastete das Verhältnis

Man sollte bei alldem auch erwähnen: Die schwierige Merkel-CSU-Beziehung hat sich über die Jahre entspannt. Söder verlieh der Altkanzlerin Mitte 2023 den bayerischen Verdienstorden, Seehofer lobt immerhin, später habe man ein „vernünftiges Verhältnis der Zusammenarbeit“ gehabt. Merkels Buch kennt er nur in entscheidenden Auszügen, will es aber ganz lesen. „Ja, ich werd’s lesen, im neuen Jahr sicher“, sagte er. Gerade habe er aber anderes zu tun.

Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) sollte einen Teil ihres Honorars aus der Veröffentlichung ihrer Memoiren spenden – das findet einer Umfrage nach eine große Mehrheit der Bevölkerung. In einer am Dienstag veröffentlichten Forsa-Befragung für den „Stern“ sprachen sich 69 Prozent der Befragten dafür aus. 24 Prozent sehen das nicht so, sieben Prozent äußerten sich nicht. Frauen (76 Prozent) raten Merkel etwas häufiger zur Spende als Männer (62 Prozent). Dass die Ex-Kanzlerin ihre Honorare ruhig ganz für sich behalten sollte, meinen am ehesten noch die Anhänger der FDP, aber auch unter ihnen keine Mehrheit (41 Prozent). Die Höhe von Merkels Honorar für das am Dienstag veröffentlichte Buch „Freiheit“ ist nicht bekannt, auch nicht, ob Merkel die Summe ganz oder zum Teil spendet. Ihr Büro äußerte sich dazu im Stern nicht.

Rubriklistenbild: © Daniel Löb/dpa

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