VonStefan Schollschließen
Die „Spezialoperation“ gegen die Ukraine klemmt seit fast eineinhalb Jahren – und hat laut Umfragen dennoch weiter Rückhalt im Land. Dahinter steht der Wunsch der Menschen, nichts verändern zu müssen.
Eigentlich hat sich Twer kaum verändert. Auf dem Weltkriegspanzer T-34 im Park des Sieges prangt seit vergangenem Frühling ein weißes „Z“, das Feldzeichen der „Militärspezialoperation“ gegen die Ukraine. Aber auch nach fast eineinhalb Jahren Blutvergießen tummeln sich am Wolga-Ufer braungebrannte Strandvolleyballer, die Rollschuhläuferinnen auf der Uferpromenade bevorzugen diese Saison karminroten Lippenstift. Passantinnen lächeln wohlwollend, wenn sie hören, wie ich und mein Kind unser gutturales Deutsch sprechen. Obwohl es die Sprache eines offiziell für „feindselig“ erklärten Landes ist.
Das ukrainische Schlachtfeld scheint auf einem anderen Planeten zu liegen. Russland veranstaltet weiter friedliche und komfortable Normalität. Die Rollläden der Markenschaufenster, die im Frühjahr 2022 auch in den Twerer Einkaufszentren herunter gingen, sind wieder oben. Auch wenn man Frauenmode statt bei Zarina jetzt bei Serginnetti kauft. Und niemand stört es, dass Serginnetti aus Kasan statt aus Mailand stammt. Wirtschaftlich funktioniert das System Putin noch: Russland exportiert weiter Öl, also kann die Bevölkerung auch weiter konsumieren.
„Manche behaupten ja, er sei ein schlechter Präsident, aber er ist doch unser Präsident.“
Seine Branche sei sowieso krisenfest, sagt Sergej, ein Autoreifenhändler, Reifen bräuchten die Autofahrer ja immer. Das erzählte er schon vor einem Jahr, schon damals wohnte er mit seiner Familie im selbstgebauten Eigenheim im Vorort Sawolskij. Sergej hat wieder angebaut, eine verglaste Veranda mit Kamin. Aber auf dem Wandsims daneben steht ein Kalenderfoto aus dem Jahr 2012, Din-A5. „Ich habe jetzt auch einen Putin aufgestellt“, Sergej lächelt etwas verlegen. Putin reitet auf einem Schimmel, im kurzärmeligen Sporthemd durch einen Sommerwald. „Manche behaupten ja, er sei ein schlechter Präsident, aber er ist doch unser Präsident.“
Vor einem Jahr hat Sergej mir noch gesagt, das in der Ukraine, damit habe er nichts am Hut. Und in Russland gäbe es keine Freiheit des Wortes, hier herrsche Autokratie. Jetzt schmückt der Autokrat seinen neuen Kamin.
Etwas hat sich doch geändert, in Twer und in ganz Russland.
Soziologe: „Die Kritik an Putin erreicht das Massenbewusstsein nicht“
Putin ist als Feldherr durchaus umstritten, der Ultra-Patriot Igor Strelkow beschimpfte ihn unlängst als „feigen, talentlosen Versager“ – und wurde verhaftet. Aber nach einer Umfrage des noch unabhängigen Meinungsforschungszentrums Lewada wollten im Juni 68 Prozent der Russen Putin auch nach den Wahlen 2024 als neuen Präsidenten sehen, im September 2021 waren es 47. Und 73 Prozent unterstützen seine „Spezialoperation“ in der Ukraine, im Februar 2022, im ersten Monat des Konflikts, waren es 68.
„Die Kritik an Putin erreicht das Massenbewusstsein nicht“, sagt der Lewada-Soziologe Lew Gudkow. Die eineinhalb Jahre eher wechselvoller Kämpfe hätten die Angst der Russen nur verstärkt, den Wohlstand der frühen 2000er zu verlieren, und das Gefühl, hilflos und verletzlich zu sein.
In Russland ist man müde geworden
Um diese Komplexe zu meistern, schrieben sie Putin immer mehr Stärke zu, Mut, Weisheit und Entschlossenheit. „Es gehe nicht darum, ob sie wirklich an ihren Führer glauben“, sagt Gudkow, „sondern, dass sie an ihn glauben wollen.“
Die Russen sind müde geworden. Seit fast eineinhalb Jahren klemmt ihr Leben, ihre Zukunft. Sich mit Hilfe verängstigender Nachrichten aus unabhängigen Medien eine eigene Meinung zu bilden, ist mühsam bis quälend. Das gehört für die meisten Russen sowieso zu jener Zwecklosigkeit, vor der sie sich seit Jahrzehnten drücken: Politik. „Ich will hier und jetzt leben“, sagt eine 41-jährige Juristin und Mutter aus Moskau, „alles andere existiert für mich nicht“.
Empathie ist in Russlands Seele nur noch Spurenelement
Man ist müde, hat Angst, auch vor den Repressalien des eigenen Staates. Keiner mehr, der wie vergangenen Sommer auf Moskauer Parkschilder „Putin ist das Böse“ sprüht. Kaum einer, der im nüchternen Zustand über die Ukraine reden möchte. Und wer es doch tut, wiederholt lieber das beruhigende „Alles läuft nach Plan“ der TV-Propaganda. Dafür sind viele bereit, sich dumm und grausam zu stellen. „Keine Sorge, der Krieg ist bald vorbei“, sagt lächelnd ein praktizierender Moskauer Christ. „Es gibt ja wirksame Massenvernichtungswaffen, da brauchen wir gar keine Atombombe.“ Die Ukraine hat offenbart, dass Empathie in Russlands Seele nur noch Spurenelement ist. Aber auch, wie passiv diese Seele ist.
73 Prozent der Bevölkerung unterstützen die „Militärspezialoperation“, gleichzeitig wollen 53 Prozent Friedensverhandlungen. Man vertraut auf Putins Sieger-Gen, will sich aber selbst raushalten. „Ein Glück, dass Sascha jetzt schon eingezogen worden ist“, sagt Sergejs Frau Ira über ihren wehrpflichtigen ältesten Sohn. „Weil der nächste Jahrgang wieder zwei Jahre dienen muss.“ Und im zweiten Dienstjahr sei zu befürchten, dass die Wehrpflichtigen in die Ukraine geschickt werden wie einst nach Afghanistan oder Tschetschenien. Nina, ihre jüngere Tochter, hat mit 13 schon VPN auf ihrem Handy, wegen des von der Staatsmacht blockierten Instagram und anderen Popkanälen. Auch die Teenies üben Eskapismus.
Patriotisches Massenengagement? Keineswegs
Und die Umfragebekenntnisse zu Putin, auch die „Blut und Tränen“-Parolen der Z-Propagandisten bedeuten keineswegs patriotisches Massenengagement. Als Jewgenij Prigoschins Söldner Ende Juni auf Moskau marschierten, waren keine Bürger:innen zu sehen, die Straßenbarrikaden errichtet hätten, um Putin zu verteidigen. Als einen Monat später Nationalistenhäuptling Strelkow verhaftet wurde, gingen von seinen 830 000 Telegram-Abonnent:innen kaum 100 auf die Straße. Die Passivität der Russen ist monumental. Mit diesem Volk kann Wladimir Putin noch 100 Jahre in Schlachten ziehen. Nur gewinnen wird er den Konflikt kaum.
„Hast du gehört?“, fragt Sergej. „Der deutsche Kanzler soll Russland gebeten haben, zerstörte ‚Leopard’-Panzer zurückzugeben, stimmt das?“ Ira schmunzelt. Sergejs Quelle ist eine „Nachrichtenagentur“, die auch berichtet, in der Nato herrsche Panik, weil in Grenznähe Kamikaze-Drohnen eingeschlagen seien. Ich frage zurück, was denn wäre, wenn „avia.pro“ morgen melde, Putin habe erklärt, er ziehe alle Truppen aus der Ukraine ab? „Das Ganze sei ein Irrtum gewesen, er entschuldige sich, dass man 10 000 Zivilisten und fast 500 Kinder getötet habe.“ Sergej und Ira schweigen. Aber sie schweigen nicht nachdenklich. Sie schauen befremdet an mir vorbei, als hätte ich etwas sehr Peinliches gesagt.
