Nahost-Konflikt

Israels Nacht der Freudentränen – weitere Hamas-Geiseln kommen frei

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Gehört zu den Freigelassenen: Die neunjährige Emily wird von ihrem überglücklichen Vater in die Arme geschlossen.
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Auch am Wochenende kommen Geiseln frei. Derweil werfen sich Israels Regierung und die Hamas vor, die Vereinbarungen zum Gefangenenaustausch nicht einzuhalten.

Aviv Havron ist überglücklich. Seine 67-jährige Schwester Shoshan ist nach 50 Tagen Geiselhaft zurück in Israel, gemeinsam mit ihrer Tochter Adi und den Enkeln, der dreijährigen Yahel und dem achtjährigen Naveh, die deutsche Staatsangehörige sind. Samstagabend wurden sie ins Sheba-Krankenhaus nahe Tel Aviv gebracht. Dort haben sie sich das erste Mal wieder umarmen können. Von einer Nacht voller Freudentränen erzählt Aviv. „Wir haben bis zum Morgen nicht geschlafen.“

Die Freude der Kinder, wieder zuhause zu sein, ist jedoch getrübt: Ihr Vater Tal, der ebenfalls am 7. Oktober nach Gaza verschleppt wurde, ist noch in der Gewalt der Hamas. Er soll getrennt von seiner Familie festgehalten worden sein. Der israelisch-österreichische Doppelstaatsbürger wird wohl auch in den kommenden Tagen nicht heimkehren können: Der Deal Israels mit der Hamas sieht vor, dass im ersten Schritt nur Frauen und Kinder freigelassen werden. Anders verhält es sich mit den nicht-israelischen Staatsangehörigen, den Arbeitsmigrant:innen aus Thailand und den Philippinen: Hier sind auch Männer unter den Freigelassenen.

Am Freitag konnten die ersten 24 Geiseln nach Israel überstellt werden, am Samstag wurden weitere 17 Verschleppte befreit. Am Sonntag übergab die islamistische Hamas eine weitere Gruppe von Geiseln an das Rote Kreuz. 14 Israelis sowie drei Ausländer:innen seien jetzt in der Obhut von IKRK-Mitarbeitern, teilte die israelische Armee mit. Der militärische Arm der islamistischen Hamas schrieb bei Telegram, es seien 13 Israelis, drei Thailänder und ein russischer Staatsbürger freigelassen worden. Nach Angaben des israelischen Fernsehens handelte es sich bei den Israelis um neun Kinder und vier Frauen.

An jedem Vorabend werden Listen für den Tag danach ausgetauscht: Die Hamas gibt bekannt, welche 13 israelischen Geiseln in der nächsten Etappe freigelassen werden. Israel übermittelt die Namen der 39 palästinensischen Gefangenen. Am Samstag dauerte es jedoch einige Stunden, bis die Terrorgruppen die Geiseln ans Rote Kreuz auslieferten. Israel und die Hamas werfen einander vor, sich nicht an den Deal zu halten. Die Hamas behauptet, dass weniger Hilfslieferungen nach Gaza kamen als vereinbart. Indizien, dass das stimmt, gibt es nicht. Auch am Sonntag wurden 200 Lkw-Ladungen nach Gaza gebracht, seit der Waffenruhe erreichen sie auch den Norden.

In Israel wiederum war man entsetzt zu sehen, dass eine der freigelassenen Minderjährigen von ihrer Mutter, eine weitere von ihrem Bruder getrennt wurde. Der Deal sieht vor, dass Familien vereint bleiben – vorausgesetzt, es handelt sich um Minderjährige oder Frauen.

In den nächsten Wochen haben die wieder vereinten Familien viel aufzuholen. „Wir wissen fast nichts von dem, was dort geschah. Und sie wissen nur sehr wenig von dem, was hier passiert ist“, sagt Aviv über Shoshan, Adi und die Kinder. Shoshans Ehemann wurde von den Terroristen ermordet, genauso wie ihre Schwester und deren Mann.

In den Wochen seit dem 7. Oktober lebten die zwei Teile der Familie in unterschiedlichen Universen. Die Geiseln in Gaza wussten zwar, dass Krieg ist – der Lärm und die Erschütterungen der Bombardierungen waren allgegenwärtig. Von den Massakern in den Kibbutzim und am Festivalgelände, von der Folter und den Verstümmelungen wissen sie nichts. Vom Schicksal ihrer Angehörigen, Freund:innen und Nachbar:innen erfahren sie erst jetzt.

Die 78-jährige Ruti Munder, die mit ihrer Tochter Keren und deren Sohn Ohad am Freitag nach Israel zurückkehren konnte, war in den 49 Tagen ihrer Gefangenschaft auch damit beschäftigt gewesen, um ihren Mann Avraham zu trauern. „Am Freitag konnten wir ihr sagen, dass er am Leben ist, aber nach Gaza verschleppt wurde“, erzählt Merav Raviv, Kerens Cousine. Zugleich musste Ruti erfahren, dass ihr Sohn Roey, Kerens Bruder und Ohads Onkel, ermordet wurde.

Auch Ruti und Keren erzählten: von den Umständen in der Geiselhaft, von der Nahrung, die nie ausreichte. „An manchen Tagen bekamen sie gar nichts zu essen, an anderen nur ein bisschen Brot oder Reis.“ Keren habe rund acht Kilo verloren, auch Ohad und Ruti hätten abgenommen. Um auf die Toilette zu gehen, musste man an einer Tür klopfen, manchmal dauerte es eineinhalb Stunden, bis die Bitte erhört wurde. Geschlafen wurde auf Plastikstühlen. An die Hoffnung, bald befreit zu werden, wagte sich niemand zu klammern.

Indes mehren sich die Hoffnungen, dass die Waffenruhe noch um ein paar Tage verlängert werden könnte, sodass am Ende mehr als die vereinbarten fünfzig Geiseln aus der Gewalt der Hamas entlassen werden. Danach will Israels Armee den Kampf gegen die Terrorgruppen aber erneut aufnehmen.

Leitartikel Seite 11

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