Donald Tusk, der polnische Regierungschef, erklärte am Mittwochmorgen zu dem Zwischenfall: „Die Tatsache, dass diese Drohnen, die eine Sicherheitsgefährdung darstellten, abgeschossen wurden, ändert die politische Situation.“ Aus diesem Grund forderte der polnische Ministerpräsident offizielle Gespräche des Verteidigungsbündnisses als Antwort auf den Zwischenfall. Tusk berief sich dabei auf Artikel 4 des NATO-Vertrags. Aber was bedeutet Artikel 4 und welche Folgen könnten diese Gespräche haben?
Bedrohungen aus Russland: Was bedeutet die Aktivierung von NATO-Artikel 4 durch Russland?
Artikel 4 des Nordatlantikvertrags gilt als bedeutsames Werkzeug für die Sicherheit der NATO-Länder. Er erlaubt es den Partnern des Bündnisses, in kritischen Lagen zügig und wirkungsvoll zu handeln. Artikel 4 besagt wörtlich: „Die Vertragsparteien konsultieren einander, wenn nach Auffassung einer von ihnen die territoriale Unversehrtheit, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Vertragsparteien bedroht ist.“ Diese Regelung schafft die Basis für Gespräche innerhalb des Bündnisses, falls sich ein Mitgliedsland in Gefahr sieht.
Die Vertragsparteien konsultieren einander, wenn nach Auffassung einer von ihnen die territoriale Unversehrtheit, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Vertragsparteien bedroht ist.
Gespräche nach Artikel 4 werden normalerweise nach ernsten militärischen Zwischenfällen oder wegen sicherheitspolitischer Geschehnisse geführt. Der polnische Schritt am Mittwochmorgen stellt erst die achte Aktivierung des Artikels seit der NATO-Gründung dar. Die Türkei nutzte diese Möglichkeit bisher am häufigsten – insgesamt fünfmal in den Jahren 2003, 2012, 2015 und 2020. Polen gehörte schon vorher zweimal zu den Staaten, die Artikel 4 aufgrund russischer Aggressionen in Anspruch nahmen. Die letzte Beratung nach Artikel 4 fand im Februar 2022 statt – als Antwort auf Russlands Angriff auf die Ukraine, der die vollständige Eskalation des Ukraine-Kriegs bedeutete.
Beratungen im Rahmen von Artikel 4: Welche Folgen gibt es für die Mitglieder?
Eine Aktivierung von Artikel 4 hat hauptsächlich diplomatische Auswirkungen. Sie führt zu Gesprächen und Diskussionen im Nordatlantikrat, dem zentralen Entscheidungsorgan der NATO. Diese Beratungen können unterschiedliche Schritte zur Folge haben, etwa intensivere Aufklärung, Austausch von Informationen oder die Vorbereitung möglicher Abwehrmaßnahmen.
Nach der Aktivierung von Artikel 4 wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine vereinbarte die NATO unter anderem die Aktivierung von Notfallplänen für schnellere Truppenverlegungen und beschloss einen besseren Schutz der östlichen Bündnisgrenze. 2012 entschied die NATO nach der türkischen Aktivierung von Artikel 4, Patriot-Luftabwehrsysteme an die syrische Grenze zu schicken. Nach Russlands Besetzung der Krim 2014 kündigte der damalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen an, das Bündnis wolle sich von Russland distanzieren und die Verbindungen zur Ukraine verstärken.
NATO-Artikel 4: Kommt es nach der Aktivierung zwangsläufig zu Maßnahmen?
Die Gespräche nach Artikel 4 werden normalerweise am NATO-Hauptquartier in Brüssel geführt. Der Nordatlantikrat kommt zusammen, um die Lage zu besprechen und mögliche Maßnahmen zu erörtern. „Jedes Mitgliedsland kann formell Artikel 4 des Nordatlantikvertrags geltend machen. Sobald dieser Artikel geltend gemacht wird, wird die Angelegenheit diskutiert und kann zu einer gemeinsamen Entscheidung oder Maßnahme im Namen des Bündnisses führen“, erklärt die NATO zu Artikel 4 auf ihrer Internetseite. Die übrigen Mitglieder werden unabhängig vom jeweiligen Fall aufgefordert, auf die Lage zu reagieren.
Eine Aktivierung von Artikel 4 führt automatisch zu Beratungen, diese müssen aber nicht unbedingt Aktionen des Militärbündnisses zur Folge haben. So führte die NATO beispielsweise 2020 Beratungen, nachdem türkische Soldaten bei einem syrischen Angriff ums Leben gekommen waren, unternahm aber keine weiteren Schritte.
Nordatlantikvertrag: Was ist der Unterschied zwischen Artikel 4 und Artikel 5 der NATO?
Die Aktivierung von Artikel 4 des Nordatlantikvertrags darf nicht mit dem sogenannten Bündnisfall verwechselt werden, der in Artikel 5 geregelt ist und spätestens seit dem Ukraine-Krieg auch der Öffentlichkeit bekannt sein dürfte. Während Artikel 4 nur Beratungen vorsieht, falls sich ein Mitglied bedroht fühlt, regelt Artikel 5 das Handeln des Bündnisses bei einem bewaffneten Angriff.
Artikel 5 kann nur bei einem Angriff auf einen oder mehrere NATO-Staaten aktiviert werden und verpflichtet alle Mitglieder zur gemeinsamen Verteidigung. „Kollektive Verteidigung bedeutet, dass ein Angriff auf einen Verbündeten als Angriff auf alle Verbündeten betrachtet wird“, steht auf der NATO-Internetseite. In der NATO-Geschichte wurde Artikel 5 nur ein einziges Mal aktiviert: von den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Artikel 4 hingegen dient als vorbeugendes Mittel, das es erlaubt, mögliche Gefahren rechtzeitig zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Artikel 4 hat eine bedeutende Funktion für den Zusammenhalt innerhalb der NATO. Er erlaubt es den Mitgliedsländern, sicherheitspolitische Bedenken zu äußern und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, bevor eine Lage eskaliert. Durch diese Regelung wird gewährleistet, dass die Sicherheitssorgen einzelner Mitglieder ernst genommen und auf höchster Ebene besprochen werden. Das stärkt das Vertrauen im Bündnis und ermöglicht eine abgestimmte Antwort auf mögliche Gefahren. Das deutsche Verteidigungsministerium nennt die Gespräche nach Artikel 4 „gelebte Bündnissolidarität“. (fdu)