VonJoachim Willeschließen
Die Bundesrepublik war beim Photovoltaik-Zubau gewaltig abgestürzt, aber nun geht es erneut rasant aufwärts. Ein neues „Solarpaket“ soll dafür sorgen, dass der Boom anhält.
Deutschland war das Solarland Nummer eins weltweit, mit einer starken Photovoltaik-Industrie. Doch das ist über zehn Jahre her. Derzeit belegt die Bundespublik bei der Solarstrom-Produktion nur noch Platz neun unter den OECD-Staaten. Länder wie Chile, die Niederlande oder Griechenland liegen davor. Doch inzwischen boomt der Fotovoltaik-Zubau wieder, und die Bundesregierung will dem Sektor mit ihrem am Mittwoch verabschiedeten „Solarpaket“ einen weiteren Push geben.
Das südamerikanische Chile, ein Schwellenland, ist mit einem Solaranteil von 15,8 Prozent beim produzierten Strom weltweiter Spitzenreiter, gefolgt von der traditionellen „Kohlenation“ Australien mit 15,2 Prozent. Allerdings folgen auf den nächsten Plätzen in den Top Ten europäische Länder, wie eine neue Studie des Energieunternehmens Enpal zeigt. Für die Untersuchung wurden die Stromdaten von insgesamt 47 OECD-Nationen im Jahr 2022 bilanziert, Datenquelle ist die Internationalen Energieagentur (IEA).
In der EU ist der Ausbau der Solarenergie in den Niederlanden am weitesten fortgeschritten: Obwohl die Sonne dort mit im Schnitt jährlich 1790 Stunden vergleichsweise wenig scheint – Australien verzeichnet 2884 Stunden -, liegt das Land mit 14,9 Prozent vorne. Es folgen mit Griechenland, Ungarn, Zypern, Malta und Spanien südeuropäische, also relativ sonnenreiche Lander mit Werten zwischen knapp 15 und 11,5 Prozent.
Solarstrom weltweit: China liegt vorne
Schaut man sich die absoluten Zahlen der Solarstrom-Produktion an, sieht die Liste hingegen ganz anders aus. Hier liegt das Schwellenland China mit über 416 000 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr vorne, gefolgt von den Industriestaaten USA und Japan sowie dem Schwellland Indien (188.300, 93.200 und 92.000 GWh). Deutschland kommt in diesem Ranking immerhin noch auf Platz fünf, bei knapp 58.000 GWh, was 10,9 Prozent der Gesamtstromproduktion ausmachte.
Dass Deutschland nicht weiter vorne zu finden ist, liegt am schleppenden Zubau der Solarenergie in den 2010er Jahren. Im Jahrzehnt zuvor hatte die Bundesrepublik durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die Umlagefinanzierung für den produzierten Ökostrom einen beispiellosen Boom bei der Photovoltaik angestoßen; deutsche Unternehmen wie Solarworld, Q-Cells und Centrotherm beherrschten den Weltmarkt.
Dann aber bremste die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) den Zubau drastisch, der gut acht Gigawatt (GW) pro Jahr erreicht hatte, und China übernahm die globale Marktführerschaft. Das führte nicht nur zum Abstieg des „Solarweltmeisters“ Deutschland in die zweite Liga, auch die hiesige Photovoltaik-Industrie kollabierte; rund 80 000 Jobs gingen verloren.
Nach dem Absturz auf minimale 1,19 Gigawatt anno 2014 ist zumindest der Solar-Zubau hierzulande wieder auf gutem Kurs. Im vorigen Jahr wurden laut Bundeswirtschaftsministerium Solaranlagen mit 7,3 GW neu installiert, und in diesem Jahr dürfte der bisherige Rekord von 2012 von 8,16 GW deutlich übertroffen werden. Der Boom ist enorm. Allein im ersten Halbjahr 2023 wurde so viel Fotovoltaik-Kapazität hinzugebaut wie im ganzen Jahr 2022.
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: ersten das große Interesse der Bürger:innen an alternativer Stromversorgung nach dem Schock des Ukraine-Krieges, zweitens die Maßnahmen der Ampel-Bundesregierung zur besseren Förderung des Solarstroms. Sie hat die Einspeisevergütungen für den Ökostrom erhöht, den Besitzer:innen von Solaranlagen kassieren können, außerdem ist seit Januar 2023 die Mehrwertsteuer beim Kauf weggefallen. Das verbilligt die Anlagen immerhin um fast ein Fünftel.
Dafür, dass der Boom nicht wieder abbricht, dürfte das weitere „Solarpaket“ sorgen, das das Bundeskabinett am Mittwoch verabschiedet hat. Die Reform soll vor allem bürokratische Hürden abbauen, die den Solarzubau bisher noch behindern. Das Ministerium von Minister Robert Habeck (Grüne) hat immerhin über 50 solcher Hindernisse identifiziert, die im Austausch mit Praktiker:innen des Solarsektors gelockert worden seien. Habeck hatte unlängst kritisiert, der Regelungswust habe sich zu einem „echten Investitionshemmnis“ entwickelt. Die Reform soll im Herbst im Bundestag beraten werden und Anfang 2024 in Kraft treten.
Solarpaket der Ampelregierung: Balkonkraftwerke müssen nicht mehr angemeldet werden
Die neuen Regelungen betreffen unter anderem die so genannten Balkonkraftwerke und Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern, wo noch große Potenziale schlummern. So muss, wer künftig eine Balkonanlage installieren will, das nicht mehr beim Stromnetz-Betreiber anmelden, außerdem kann er sie auch dann betreiben, wenn im Haus noch kein moderner Zwei-Richtungs-Zähler vorhanden ist. Übergangsweise sollen rückwärts laufende Zähler erlaubt sein, was bedeutet, dass ins Netz eingespeister Überschuss-Strom automatisch sehr gut vergütet wird.
Für Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern wiederum will die Ampel ein neues Modell der „Gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung“ einführen, bei dem komplizierte Vorgaben für Rechnungslegung, Vertragsinformationen und Verbrauch wegfallen. Ziel ist auch hier weniger Papierkram.
Lob für die Solarpolitik der Ampel kam von Umweltschützenden. „Der zuletzt deutliche Ausbau der Solarenergie ist der größte klimapolitische Erfolg dieser Regierung, und es ist gut, dass die Ampel ihn mit dem Solarpaket fortschreiben will“, befand Greenpeace. Wenn zum Beispiel die Hürden für Balkonkraftwerke gesenkt würden, entlaste das viele Haushalte durch niedrigere Stromrechnungen. Die Organisation monierte aber, die Ampel drücke sich weiter davor, einen umfassenden Solarpflicht für Neubauten einzuführen. Die entsprechende Zusage aus dem Koalitionsvertrag müssten SPD und Grüne im parlamentarischen Verfahren „gegenüber der bremsenden FDP durchsetzen“.
Der kostenlose Klimanewsletter der Frankfurter Rundschau bietet jeden Freitag einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Klima-Themen der Woche. Hier können Sie ihn abonnieren.
