Landtagswahl

„Viele haben AfD gewählt, aber wenn ich mich unterhalte, will es keiner gewesen sein“: Was Menschen in Thüringen denken

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Auf einer Gegendemonstration des Aktionsbündnisses „Gera gegen Rechts“. Was treibt Menschen in dem Land um?

Die FR hat aufgezeichnet, was sich sieben Menschen aus Thüringen von der Politik wünschen.

Der öffentliche Diskurs zur Landtagswahl in Thüringen wird vornehmlich dominiert vom Blick auf die Wahlprognosen. Die AfD, so viel scheint klar, wird in Thüringen um die 30 Prozent der Stimmen von Wählerinnen und Wählern auf sich vereinen. Die übrigen 70 Prozent und die Medien blicken gebannt auf dieses Phänomen und fragen sich, was da eigentlich los ist. Zugleich kommen die Themen, die Thüringer und Thüringerinnen tatsächlich bewegen, viel zu kurz.

Was also läuft bislang gut in Thüringen, und wo könnte mehr passieren? Wo ergeben sich Chancen, wo Herausforderungen in allen Bereichen, in denen Politik die Bürgerinnen und Bürger direkt betrifft? Welche Baustellen gibt es in Wirtschaft, Verwaltung und Sozialem? In Bildung, Infrastruktur und Arbeitsleben?

Das hat die FR Menschen gefragt, die nicht den Kopf in den Sand stecken vor komplexen Themenfeldern, für die Populisten einfachste und oft falsche Erklärungen anbieten. Es sind Menschen, die sich eine Meinung gebildet haben und auch darüber nachdenken, welche Lösungen es geben könnte.

Klarheit, um Haushalte verlässlich zu planen

Maik Gessinger, 49, Bankfachwirt, Baufinanzierung bei der VR-Bank aus Dingelstädt, Landkreis Eichsfeld:

Unsere Kleinstadt hat in den letzten fünf Jahren zu einer Landgemeinde fusioniert. Wir haben jetzt mehr als 12.000 Einwohner und Einwohnerinnen und erhalten mehr Steuergeld, das wir für freiwillige Aufgaben haben. Davor haben wir mehr als die Hälfte des Stadtetats für Pflichtaufgaben ausgegeben, etwa für Kindergärten und Verwaltung. Weil ich ehrenamtlicher CDU-Kommunalpolitiker bin, habe ich da entsprechenden Einblick. In Thüringen sind die letzten beiden Kita-Jahre für Eltern beitragsfrei. Dafür gab es aber nicht mehr Geld vom Land für die Kommunen. Auch die Löhne der Erzieherinnen steigen. Ich wünsche uns mehr Entlastung. Wir modernisieren gerade unser marodes Hallenbad. In zwei Jahren soll es fertig sein. Wir sind auf Fördergeld angewiesen, die Bedingungen ändern sich jedoch sehr oft. Es kann passieren, dass der Zuschuss komplett gestrichen wird. So bleibt immer ein nicht unerhebliches finanzielles Risiko.

Wir haben ein toll ausgebautes Radwegenetz, aber der ÖPNV ist ein Graus. Wir liegen zwischen Leinefelde und Erfurt, aber an unserem Bahnhof hält nicht mehr jeder Zug. Auch die Frequenz der Busse könnte besser sein, vor allem abends. Es braucht kleinere Busse mit einer höheren Frequenz, damit 85-Jährige nicht mehr ins Auto steigen müssen.

Björn Höcke wohnt 35 Kilometer von hier. Er hat sich nicht als Direktkandidat für unseren Landkreis aufgestellt, weil er wusste: Das wird hier nichts. Trotzdem merkt man das Erstarken der AfD auch bei uns. Viele jammern, alles ist schlecht. Im Kundenverkehr zeigt sich aber ein anderes Bild: Den Leuten geht es gut und es wird viel investiert. Das Eichsfeld hat eine sehr niedrige Arbeitslosenquote und wer Arbeit möchte, bekommt sie. Deshalb kann ich die Unzufriedenheit und teilweise auch Missgunst der Leute nicht nachvollziehen. Dieser Trend macht mich traurig.

Meine Hoffnung für die Landtagswahl: Egal wie es ausgeht, die demokratischen Parteien müssen eine gemeinsame Politik für eine funktionierende Verwaltung betreiben. Das Wohl Thüringens muss im Vordergrund stehen. Die Kommunen brauchen schnell Sicherheit, um ihre Haushalte verlässlich planen zu können.

Maik Gessinger.

„Das Thema Migration in den Griff bekommen“

Silvia Oßmann (59), Verkäuferin aus Hörselberg-Hainich, Wartburgkreis:

Als 89 die Grenzen öffneten, durfte ich meinen Onkel im Westen besuchen. Anfangs überlegte ich, rüberzugehen. Dann bin ich wieder nach Hause, weil meine Mutter dort war, ich wollte mich um sie kümmern. Sie hatte noch in der DDR in Hörselberg-Hainich im nördlichen Wartburgkreis ein altes Haus gekauft. Wir haben es renoviert und ich zog mit ein. Mir gefällt meine Gemeinde im Nationalpark Hainich noch immer. Aber es fehlt an Geld, um Ideen auch umzusetzen. Und es fehlt die Geselligkeit. Das Gemeinschaftsgefühl im Dorf ist nicht mehr so groß wie früher. Der Neidfaktor hingegen schon, die Menschen schauen, wer mehr hat als sie selbst.

Ich habe Fleischfachverkäuferin im Konsum gelernt und war nach dem Mauerfall ein halbes Jahr arbeitslos. Seit 32 Jahren arbeite ich als Verkäuferin für Tegut. Mein Arbeitsplatz ist in Gotha. Zur Schicht fahre ich mit dem Auto, mit dem Bus müsste ich zu oft umsteigen. Die Bezahlung ist recht gut, aber die Sozialabgaben hoch und wir finden kaum Leute. Früher waren wir froh, dass wir Arbeit hatten, jetzt denken die Leute, sie finden was Besseres und gehen. Ich könnte mit 63 in Rente gehen, weil ich 45 Arbeitsjahre voll habe. Aber wenn ich körperlich noch fit bin, arbeite ich gern in Teilzeit weiter.

Vor den Landtagswahlen habe ich Angst. Ich frage mich, wie es dann weitergehen soll. Der Ministerpräsident Bodo Ramelow kann jetzt schon nicht richtig regieren und ich will nicht, dass die AfD mitregiert. Deswegen ist es wichtig, dass wir das Thema Migration in den Griff bekommen. Wir müssen diese Menschen in Arbeit bringen und integrieren, damit sich die einheimischen Bürger nicht mehr so darüber aufregen und auf Themen fokussieren, die wichtiger sind. Ich selbst kenne keine Geflüchteten, in meiner Gemeinde gibt es keine Unterkunft und keine Ausländer. Aber wenn ich in Eisenach bin, sehe ich Menschen aus Ländern wie Syrien oder Irak, die sich vor den Friseurläden und Dönerläden aufhalten. Mir macht das schon Angst. Natürlich darf man diese Menschen nicht alle in eine Schublade stecken, ich glaube aber, manche wollen nicht arbeiten. Auch manche Deutsche wollen das nicht. Wobei Ältere öfter unverschuldet ins Bürgergeld rutschen. Da muss unbedingt etwas passieren.

„Eine Gesellschaft, die Rücksicht auf alle nimmt“

Johanna Rettner (30), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Klinikum Jena aus Wichmar, Saale-Holzland-Kreis:

Gut finde ich, dass es jetzt mehr Kitaplätze gibt als noch vor vier Jahren, als unser erstes Kind in die Krippe kam. Und die letzten beiden Kitajahre vor dem Schuleintritt sind kostenfrei. Unbedingt verbessert werden sollte der Betreuungsschlüssel, was der Landtag zum Glück schon beschlossen hat. Wir werden unser Kind in eine Freie Schule in Jena geben und nicht in eine staatliche Grundschule vor Ort. Wir wollten eine Schule, die die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern abdeckt, das Soziale, nicht nur Leistung, besonders in den Blick nimmt und einen Betreuungsschlüssel, der es ermöglicht, dass kein Kind „hinten runterfällt“.

Wichtig ist mir auch, dass Bildungsangebote vielfältig sind und dass alle Menschen dieselben Chancen haben. Ich wünsche mir, dass meine Kinder in der Schule lernen, dass es bunte Familienmodelle gibt und was geschlechtersensible Sprache ist. Die AfD möchte das nicht. Viele Menschen werden unter einer starken Höcke-AfD leiden. Ich fürchte, dass die Diskriminierung Einzelner noch extremer werden wird. Für mich, meine Kinder und uns alle wünsche ich mir aber eine Gesellschaft, die Rücksicht auf alle nimmt.

Ich wünsche mir, dass in unserem Land Bildung kostenlos ist. Nicht nur Schulbildung, auch außerschulische Angebote. Musikschulplätze und Freizeitangebote sind für viele Eltern zu teuer. Auch Schwimmbad, Bahnfahren, Museen, Konzerte, Kultur- und Sportveranstaltungen sollten für Kinder kostenlos sein oder zumindest noch stärker bezuschusst werden. So würde man sicherstellen, dass das Geld direkt den Kindern zugute käme. Durch das Deutschlandticket sparen wir als Berufspendler viel Geld. Schade finde ich, dass es das nicht für Kinder gibt und dass unsere Busse nicht auf den Regionalzug abgestimmt sind. In Schlöben im Landkreis gibt es einen Bürgerbus, der auf die Terminvergabe in den Arztpraxen in den umliegenden Orten abgestimmt ist. Möglich ist das durch Bürgerengagement, aber eigentlich müsste die Politik für solche Angebote für ältere Menschen sorgen.

Johanna Rettner.

Mehr Arztpraxen auf dem Land

Sylvia Deubner (64), Diplom-Ingenieurin i.R aus Berka v. d. Hainich, Wartburgkreis:

Der Ausgang der Kommunalwahlen Ende Mai hat mich irritiert. Viele haben AfD gewählt, aber wenn ich mich unterhalte, will es keiner gewesen sein. Ich finde, man kann doch sagen, wo man sein Kreuz macht und was man von der gewählten Partei und ihrem Programm erwartet. Dann könnte man offen miteinander diskutieren. Mich ärgert diese pauschale Aussage, „es muss sich was ändern, so geht’s nicht weiter“, aber ohne konkreten Bezug. Ich selbst bin noch unschlüssig, welche Partei ich wählen werde. Ich schaue mir Talkshows und verschiedene Berichterstattungen an, bin danach oft nicht schlauer. Bisher hat mich noch kein Wahlprogramm voll überzeugt.

Natürlich wurden und werden in der Politik auch Fehler gemacht, zum Beispiel beim Thema Wärmepumpe oder Solaranlagen. Trotzdem halte ich Umweltschutz für wichtig. Auch Entscheidungen beim schwierigen Thema Migrations- und Asylpolitik stoßen auf viel Unverständnis bei den Menschen. Es ist auch nicht so, dass gar nichts passiert. Vielen geht es gut, Kindergeld und Renten wurden erhöht, beitragsfreie Kindergartenjahre eingeführt, um nur einige Beispiele zu nennen. Und vor Ort wird vieles ehrenamtlich und gemeinsam umgesetzt. Ich war 15 Jahre im Gemeinderat tätig und habe mich gerne für die Interessen und Belange unserer Bürger eingesetzt. Natürlich kann man es nicht allen recht machen. Aber man muss auch mal selbst anpacken. Vor Jahren haben wir im Dorf einen Spielplatz errichtet, auch mit Hilfe von Fördermitteln. Letztes Jahr kamen noch eine Seilbahn und ein Karussell hinzu. Ich bin stolz, dass wir das gemeinsam geschafft haben.

In unserem Dorf stehen wir ganz gut da. Allerdings fehlt es besonders für die älteren Menschen an einer Möglichkeit zum Einkaufen im Ort. Auch im Tourismus könnte mehr passieren. Ich wohne da, wo andere Urlaub machen, am Rand des Nationalparks Hainich. Aber wenn Radfahrer nach langen Touren durch den Wald oder Camper vorbeikommen, suchen sie eine Gaststätte. Wir haben nur eine, die nicht mehr täglich öffnet.

Von der Politik wünsche ich mir eine bessere Gesundheitsversorgung. Besonders für ältere Menschen auf dem Land ist es schwierig. Es gibt meiner Meinung nach zu wenig Haus- und Fachärzte, man bekommt schwer einen zeitnahen Termin.

Es gibt so viele Herausforderungen, für die ich mir von der Politik eine Lösung wünsche. Dabei sollten die Politiker wieder mehr Miteinander anstreben und mehr Verständnis für die alltäglichen Belange der Menschen haben. So könnten sie sie vielleicht überzeugen, positiv und zuversichtlich zu denken.

„Viele wählen die AfD, weil die Etablierten nicht wählbar sind“

Stefan Giller (55) aus Rudolstadt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, Pflegeheimleiter:

Ehrenamtlich arbeite ich als Leiter des SV 1883 Schwarza, mit 1800 Mitgliedern einer der größten Sportvereine in Thüringen, und als Judotrainer. Beruflich leite ich zwei Altenpflegeheime der Diakonie. So habe ich mit vielen verschiedenen Menschen zu tun. Ich versuche zuzuhören und andere Meinungen zu respektieren. Ich glaube aber, viele wählen die AfD, weil die etablierten Parteien für diese Menschen nicht mehr wählbar sind. Denen, die mich kennen, wollte ich eine Alternative bieten. Seit Mai sitze ich für die Bürger für Rudolstadt (BfR) im Stadtrat. Wo die BfR in den Kommunalwahlen angetreten sind, haben sie deutlich gewonnen – bei der Europawahl, wo wir nicht antraten, gewann die AfD.

Im Grundsatz hat sich der Landkreis Saalfeld–Rudolstadt gut entwickelt, Turnhallen und Schulen sind in guter Verfassung, wir haben starke Industriebetriebe wie BASF, das Stahlwerk, eine Papierfabrik, Sandoz, den Saugbaggerhersteller RSP – Weltmarktführer in dieser Technologie –, und beim Rudolstadt-Festival waren in diesem Jahr 95 000 Gäste. Aber die Anbindung mit der Bahn an Wirtschaftsstandorte wie Erfurt oder Jena ist schlecht, obwohl dort viele Menschen aus dem Landkreis arbeiten und studieren. Die Taktung ist ausgedünnt und jetzt will die Deutsche Bahn auch noch die Bahnsteige kürzen, längere Züge und ICEs können dann hier nicht mehr halten. Dass Studenten und Pendler den neuen IC nicht mit dem Nahverkehrsticket nutzen können, versteht hier niemand. Dass sich dabei weder Ministerpräsident Ramelow noch Verkehrsministerin Karawanskij (beide Die Linke) gegenüber der Deutschen Bahn durchsetzen konnten, führt zu großem Verdruss. Als Stadt haben wir nur wenige finanzielle Ressourcen, um uns eigenständig und frei zu entwickeln und Ideen umzusetzen. Wir verwalten den Mangel oder sind an enge Förderrichtlinien gebunden. In meinem Fachbereich der Altenpflege stören mich die vielen Vorschriften, die es Arbeitgebern unmöglich machen, flexibel auf die Wünsche der Angestellten einzugehen, alternative Pflegeangebote zu entwickeln oder Fachkräfte mit Migrationsgeschichte auszubilden. Auch das Zusammenspiel mit der Ausländerbehörde ist oft schwierig, während Fachkräfte aufwendig im Ausland rekrutiert werden.

Stefan Giller.

Der Tempowechsel zwischen Wirtschaft und Verwaltung bremst

Heiko Krtschil (56) aus Tonna, Landkreis Gotha, Kaufmann, ehrenamtlicher Bürgermeister seit 2016:

Ich arbeite als Leiter Kalkulation und Einkauf im Betrieb meines Schwiegervaters in Bad Langensalza. Wir sind im Baugewerbe tätig und beschäftigen 80 Mitarbeiter. Daneben bin ich ehrenamtlicher Bürgermeister in Tonna im Landkreis Gotha und Vorsitzender vom FSV 78 Burgtonna. Nach zwölf Jahren ohne aktiven Fußball gibt es endlich wieder eine Männermannschaft im offiziellen Spieltrieb. Die Nachwuchsarbeit gestaltet sich sehr schwierig, da es hier zu wenig Kinder gibt. Das würde ich gern ändern.

Wir haben überlegt, wie wir Familien mit Kindern aufs Dorf locken können. Ich würde gern Wohnungen sanieren oder bauen für Menschen, die hier wohnen und in Erfurt, Bad Langensalza oder im Hainich arbeiten könnten. Doch bevor der erste Stein gesetzt wird, benötige ich einen Flächennutzungsplan, einen B-Plan, X Gutachten und zu guter Letzt noch eine Art Nachweis, dass ich damit keine Bürger aus anderen Regionen weglocke. Die Bundesregierung macht sich Gedanken, wie sie 400 000 Wohnungen bauen kann, bei uns stehen 15 Häuser leer.

Ein Problem ist auch der stark eingeschränkte ÖPNV. Es wäre sicher möglich, dass jede Stunde ein Kleinbus in eine der nahegelegenen Städte fährt. Das Angebot würde sicher genutzt. Stattdessen muss sich eine Familie zwei Autos leisten. Das hilft nicht, die hohen CO2-Einsparungsziele unserer Bundesregierung zu realisieren.

Die größte Herausforderung für mich als ehrenamtlicher Bürgermeister ist der Tempowechsel zwischen realer Wirtschaft und Verwaltung. Wenn ich aus dem Büro in die Verwaltung komme, muss ich zwei bis drei Gänge zurückschalten, so sehr bremst die Bürokratie. Ich wünsche mir eine Regierung, die Bürokratieabbau, Digitalisierung und Bildung auch endlich anpackt. Wir brauchen dringend eine Verwaltungsreform.

Und immer mehr Menschen müssen sich Gedanken machen, weil es finanziell eng wird, ums Wohnen, Heizen und Essen. Das merke ich auch hier im Betrieb. Sie haben Angst vor dem Abstieg, davor, dass es für sie noch schwieriger wird. Mein Tipp nach Erfurt und Berlin: Begebt euch in die „Schlammzone“, bevor es zu spät ist!

Heiko Krtschil.

„Ungleiche Bildungschancen endlich beseitigen“

Barbara Krug (24) aus Jena, Lehramtsstudentin:

Im nächsten Jahr schreibe ich meine Abschlussarbeit. Dann werde ich wahrscheinlich entscheiden, wo ich mein Referendariat machen will. Auch deshalb schaue ich auf den Ausgang der Landtagswahl. Ich könnte überall in Deutschland hingehen, möchte aber in Thüringen bleiben. Aber was würde es für mich als Lehrerin bedeuten, wenn das Bildungsministerium von rechten Kräften besetzt ist? Es bereitet mir Sorge, welche Pläne rechte Parteien wie die AfD in Thüringen haben, die noch mehr Ungleichheiten in der Bildung schaffen würden. Schon jetzt bietet unser Bildungssystem nicht allen Kindern die gleichen Chancen. Gerade erst hat der nationale Bildungsbericht wieder bestätigt, dass die Herkunft von Schülerinnen und Schülern eine Rolle spielt, etwa wie sie das Bildungssystem erleben und welchen Erfolg sie darin haben. Auch in meinem Praxissemester an einer Schule in Erfurt habe ich diese Beobachtung gemacht. Nach dem Ausbruch des Russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat die Aufnahme der ukrainischen Kinder dort gut funktioniert. Sie erhielten schnell Schulmaterialien und vor allem eigene Deutschkurse. Für Kinder, die selbst oder deren Eltern aus anderen Kriegs- und Fluchtkontexten kommen, gibt es nicht dieselben Förderangebote. Ich will daran mitarbeiten, dass das besser wird, aber dazu brauchen Lehrkräfte in Thüringen ein Bildungsministerium, das sie in diesen Anforderungen unterstützt.

Auch die wissenschaftliche Ausbildung ist immer wieder Thema in Thüringen. So gab es großen Streit um den Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte an der Uni in Jena, der 2025 nach der Emeritierung von Professorin Gisela Mettele nicht neu besetzt werden soll. Zwar ist die Uni hochverschuldet, doch mit der Entscheidung kommt man meiner Meinung nach auch indirekt einer Forderung im AfD-Programm nach, kein Geld für Gender Studies auszugeben. Dabei ist das ein wichtiges Thema und hier werden für uns Studierende Horizonte geschlossen. Umso spannender finde ich, dass Bildungsthemen zumindest im aktuellen Wahl-o-mat scheinbar eine große Rolle spielen. Mit meinen Freundinnen und Freunden rede ich viel über die Wahl. Schade ist, dass man manchmal das Gefühl bekommt, strategisch wählen zu müssen, um Koalitionen zu ermöglichen oder zu verhindern.

Barbara Krug.

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