VonJörg Staudeschließen
Im EU-Emissionshandel zeichnet sich eine deutliche Wende ab – mit Folgen für Gas und Kohle.
Wenn es an die Bilanz des deutschen Emissionshandels für das vergangene Jahr geht, ist es gar nicht so einfach, das Neue und Interessante herauszukitzeln. Die groben CO2-Trends von 2022 sind schon aus diversen Statistiken bekannt: Die Energiewirtschaft stieß mehr Treibhausgase aus, weil Erdgas teuer und knapp war und die Kohle in die Bresche sprang. Die energieintensive Industrie dagegen blieb 2022 unter dem Emissionsniveau des Vorjahres, konkret um sechs Prozent. Wegen des Krieges gegen die Ukraine und der knappen und teuren Energie wurde die Produktion heruntergefahren, etwa bei Stahl, Zement, Chemie oder Papier.
„Die einzige Industriebranche, deren Emissionen 2022 zunahmen, sind die Raffinerien“, erläuterte Alexandra Zirkel von der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) bei der Vorstellung der Emissionsbilanz kürzlich in Berlin. „Das Plus liegt verglichen mit 2021 bei vier Prozent.“ Ursache sei vor allem eine steigende Nachfrage nach Treibstoffen, besonders nach Kerosin, so Zirkel weiter. Nach dem Ende der Corona-Pandemie sei wieder mehr geflogen worden.
Im Luftverkehr lagen die Emissionen 2022 bei 7,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und damit deutlich über denen von 2021 (4,6 Millionen Tonnen), aber noch unter dem Vor-Pandemie-Niveau von 2019 (neun Millionen). Berücksichtigt sind aber nur Inlandsflüge.
Insgesamt erfasste der EU-Emissionshandel in Deutschland letztes Jahr 354 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, das sind 47 Prozent aller inländischen Emissionen. Ein Drittel steuerten dazu allein die acht noch laufenden großen Braunkohlekraftwerke bei.
Die Zukunft der fossilen Stromerzeugung wird maßgeblich vom Emissionshandel mitentschieden. So hat das Bundeswirtschaftsministerium in seinen Antworten auf die berühmten 77 Fragen der FDP die Emissionen der Kohleverstromung für 2030 schon mal eben auf null gesetzt. Die Hoffnung dabei: Ein steigender CO2-Preis im Emissionshandel macht die Kohle auch dort relativ schnell unwirtschaftlich, wo noch kein Ausstieg bis 2030 politisch beschlossen ist – wie mit dem RWE-Deal.
Hier könnte die EU helfen. Der Staatenbund will seine Klima-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent unter den Stand von 1990 senken. Dazu wurden in der jetzigen vierten Handelsperiode, die von 2021 bis 2030 läuft, die Regeln des Emissionsmarktes verschärft. Seit dem Start des Emissionshandels 2005 war die Menge der verfügbaren Emissionszertifikate, der sogenannte Cap (englisch: Deckel), fast immer größer als die Menge der tatsächlichen CO2-Emissionen, für die Energiewirtschaft und Industrie Zertifikate vorweisen mussten – entweder am Markt gekaufte oder kostenlos zugeteilte.
„Wir hatten erhebliche Zertifikats-Überschüsse im Markt“, bestätigt auch Jan Weiß von der DEHSt. Nach deren Angaben lag der jährliche Überschuss zum Start der vierten Handelsperiode noch immer bei etwa 200 Millionen Zertifikaten. Im aktuellen Zertifikate-Markt beträgt der Überschuss immer noch etwa 1,1 Milliarden Tonnen. Zum Vergleich: Alle handelspflichtigen Anlagen in der EU emittierten 2022 zusammen rund 1,3 Milliarden Tonnen CO2.
„Es ist ein Problem, wenn die Caps, also die Ziele bei der Emissionsreduktion, in den vergangenen Jahren stets über der Entwicklung der realen Emissionen lagen“, sagt Jan Weiß zur Situation. Das dürfe man aber nicht dem Instrument des Emissionshandels zur Last legen, betont der Experte. Ursache seien die mangelhaften politischen Ziele zur Emissionsminderung.
Wer verschmutzt, muss bezahlen
Der Emissionshandel für CO2 gilt als zentrales Instrument der EU-Klimapolitik. Er wurde 2005 eingeführt und wird in allen EU-Ländern sowie in Island, Norwegen und Liechtenstein angewendet. Ziel ist es, die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf null zu senken.
Der Mechanismus regelt den Kauf und Verkauf von Verschmutzungsrechten in der Wirtschaft: Wer CO2 produziert, muss dafür bezahlen. Dafür kauft ein Unternehmen die Rechte in Form eines Zertifikats. Pro Tonne CO2, die in die Atmosphäre gerät, ist ein bestimmter Preis fällig.
Wer mehr CO2 produziert , als er in Form von Zertifikaten besitzt, muss nachkaufen. Wer weniger produziert, kann seine Rechte wieder verkaufen.
Ausnahmeregelungen gibt es für bestimmte Branchen, die ihre Emissionen nach und nach reduzieren sollen. Die EU will nun aber mehr Branchen und Sektoren als bislang verpflichten, Verschmutzungsrechte zu kaufen. FR
Nach langen Debatten hat die EU inzwischen auch gehandelt. Zunächst wurden Anfang des Jahres etwa 2,5 Milliarden Zertifikate in der Marktreserve endgültig gelöscht. Der Bestand sank auf rund 500 Millionen Emissionsberechtigungen. Außerdem gibt es für den Handel selbst neue Obergrenzen. So dürfen 2030 innerhalb des EU-Emissionshandels nur noch maximal 800 Millionen Tonnen CO2 emittiert werden – deutlich weniger als die aktuellen 1,3 Milliarden Tonnen.
Für den Experten Jan Weiß stellen die neuen Caps, die in der aktuellen vierten Handelsperiode gelten, eine „klimapolitische Zeitenwende im Emissionshandel“ dar. „Wir kommen jetzt in eine Phase struktureller Knappheiten im Emissionshandel“, betont er. Prognosen zeigen, dass sich diese strukturelle Knappheit ungefähr ab 2025 einstellen könnte.
Mit den jetzt vereinbarten Zielen im EU-Emissionshandel ist die fossile Energieerzeugung ganz klar ein Auslaufmodell, und das betrifft sowohl Kohle als auch Erdgas, ist sich zumindest DEHSt-Experte Weiß sicher. Wie sich das auf den CO2-Preis und die CO2-Reduktion auswirken wird, lässt sich aber nur schwer voraussagen. Auf dem Markt sind auch Finanzinvestoren am Werk, die je nach Gewinnerwartung Zertifikate kaufen oder verkaufen und den CO2-Preis so nach oben und unten „verzerren“ könnten.
Des Weiteren haben sich viele Unternehmen, die handelspflichtige Anlagen betreiben, zu Zeiten niedriger CO2-Preise Vorräte an Zertifikaten zugelegt. Wie groß diese sind, ist nicht bekannt. Ein Verfallsdatum für die Emissionsrechte gibt es bisher nicht.
Und nicht zuletzt werden Kraftwerke und energieintensive Industrie noch auf Jahre mit kostenlosen Zertifikaten bedacht. Deren Anteil lag im Energiebereich 2022 bei zwölf Prozent, woraus vor allem die Miterzeugung von Wärme gestützt wird. Die energieintensive Industrie in Deutschland erhält sogar die meisten Zertifikate weiter kostenlos. 2022 bestritt sie damit 87 Prozent ihrer handelspflichtigen Emissionen.
Erst 2034 sollen die kostenlosen Zuteilungen auslaufen. Zugleich soll die Industrie ab 2026 durch den CO2-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) vor Klimadumping aus dem Ausland geschützt werden. Der Grenzausgleich soll den CO2-Preis importierter Waren an den Preis für CO2-Zertifikate angleichen, die europäische Firmen im EU-Emissionshandel erwerben müssen.
„Dass die kostenlose Zuteilung für die CBAM-Branchen erst 2034 ausläuft, ist letztlich ein politischer Kompromiss. Aus unserer Sicht hätte das Datum auch früher liegen können“, sagt zumindest Daniel Klingenfeld, Abteilungsleiter in der Deutschen Emissionshandelsstelle.
Dann wäre die Zeit der Überschüsse vermutlich auch eher zu Ende gegangen.
