Nordkorea

Diktator Kim Jong-un lässt die Menschen an Hunger sterben

Der Machthaber räumt ein, dass er sein Volk nicht mehr ernähren kann. Zugleich lässt er massiv aufrüsten und Waffen testen.

Wer wissen will, was in Nordkorea vor sich geht, kann meist nur spekulieren, Berichte auswerten, Kaffeesatzleserei betreiben. Umso erstaunlicher war, dass die britische BBC Mitte Juni erstmals Augenzeugen präsentierte, „gewöhnliche Menschen aus Nordkorea“, die davon berichteten, wie das Land derzeit an Hunger leidet. Solche Einblicke sind selten. In diesem Fall waren sie zudem schockierend.

Eine Frau in Pjöngjang etwa erzählte, dass eine dreiköpfige Familie in ihrer Nachbarschaft verhungert sei, ein Bauarbeiter sprach von fünf Hungertoten in seinem Heimatdorf an der Grenze zu China. Menschen würden bettelnd durch die Lande streifen, sich aus Verzweiflung umbringen, die Märkte seien leer. Das genaue Ausmaß der Hungerkrise ist unklar; die Vereinten Nationen (UN) sowie der südkoreanische Geheimdienst gehen aber davon aus, dass das Regime nicht mehr in der Lage ist, seine Bevölkerung zu ernähren. „Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ist wahrscheinlich unter das für den menschlichen Bedarf notwendige Minimum gesunken“, schrieb Anfang des Jahres die US-Denkfabrik Stimson Center. „Nordkorea steht am Rande einer Hungersnot.“

Wie schlimm die Lage wirklich ist, kann man auch daran ablesen, dass Diktator Kim Jong-un öffentlich eingestanden hat, dass sein Land Probleme habe, die Reisschüsseln der Menschen zu füllen. Der Staat müsse „grundlegende“ Reformen auf den Weg bringen und die Kontrolle über die Landwirtschaft verstärken.

Nordkorea: Grenzen zu China geschlossen

Für Lee Sung-yoon, Korea-Experte an der Tufts University im US-Bundesstaat Massachusetts, kommen die Berichte aus Kim Jong-uns Diktatur nicht überraschend. Vor Beginn der Corona-Pandemie seien bis zu 90 Prozent der nordkoreanischen Lebensmittelimporte aus China gekommen. „Dann aber hat Nordkorea seine Grenzen geschlossen.“ Seitdem kämen kaum noch Waren in das Land, und auch der lebenswichtige Schmuggel über den Grenzfluss Yalu sei fast zum Erliegen gekommen. „Jeder, der sich der Grenze zu China nähert, wird erschossen“, sagt Lee der FR.

Der Forscher, der unlängst ein Buch über Kims Schwester Kim Yo-jong veröffentlicht hat, fühlt sich an die große Hungersnot der späten 90er erinnert. Wohl zwischen 500 000 und 3,5 Millionen Menschen verhungerten von 1994 bis 1998, eine Zeit, die Nordkoreas Propaganda verharmlosend als „beschwerlichen Weg“ bezeichnet. Schuld an der Katastrophe: Misswirtschaft, Umweltkatastrophen – und der Zusammenbruch des Verbündeten Sowjetunion.

„Nordkorea ist das einzige industrialisierte, urbane und gebildete Land, das jemals in der Weltgeschichte eine Hungersnot erlitten hat, und es wird für immer das einzige Land bleiben“, sagt Lee. Verantwortlich macht er das Regime in Pjöngjang. „Das Problem war nie, dass es nicht genug Nahrung gab.“ Vielmehr horte die Elite Nahrungsmittel, anstatt sie zu verteilen. Zudem melde Nordkorea jedes Jahr in etwa dieselbe Versorgungslücke von gut einer Million Tonnen. „Es scheint fast so, als ob die Verantwortlichen in Nordkorea damit planen, dass das Ausland diese Lücke in der Nahrungsversorgung schließt, damit sie Milliarden für Atomwaffen ausgeben können“, so Lee.

Kim Jong-un rüstet trotz des Massenhungers auf

Tatsächlich rüstet Kim Jong-un massiv auf. Seit 2011 ließ er mehr als 220 Raketen testen, alleine 2022 mehr als 90 Mal, was geschätzt eine halbe Milliarde US-Dollar kostete. Im März startete Kim eine „strategische Unterwasser-Nuklearwaffe“ und schoss unlängst – wenn auch erfolglos – einen Spionagesatelliten ins Weltall. All das folgt demselben Kalkül: Das Kim-Regime nutzt das Feindbild Südkorea/USA, um das Volk unter Kontrolle zu halten.

Selbst den Hunger setze das Regime als Waffe gegen das eigene Volk ein, glaubt Lee. Denn der Staat kontrolliere die Landwirtschaft und somit auch, wer etwas zu essen bekommt. So sei in der Hauptstadt Pjöngjang hingegen die Versorgung besser, um die dortige Elite bei Laune zu halten.

Südkoreas konservativer Präsident Yoon Suk-yeol kündigte unterdessen an, sein Land wolle dem Norden künftig weniger unter die Arme greifen. Das Vereinigungsministerium in Seoul, das für die Beziehungen zum kommunistischen Nachbarn zuständig ist, habe sich bislang „wie ein Ministerium für Nordkorea-Hilfe verhalten, und das ist falsch“, sagte Yoon Anfang des Monats. Wenige Tage zuvor hatte er den Hardliner Kim Yung-ho zum neuen Chef des Ministeriums bestimmt. Internationale Fachleute fordern, Nordkorea müsse seine Grenze zu China öffnen. Und es müsse wieder private, informelle Märkte zulassen.

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