„Schläge gegen Artillerie und Reserven“

Gegenoffensive verlangsamt: Wo sich Ukraine und Russland erbitterte Kämpfe liefern

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Die ukrainische Gegenoffensive trifft auf heftige Gegenwehr der russischen Armee. An drei Frontabschnitten versuchen die Ukrainer durchzubrechen - bislang vergeblich.

München/Saporischschja/Donezk - Die Gegenoffensive läuft im Ukraine-Krieg Stand 16. Juni seit etwa einer Woche an. Zwar haben die ukrainischen Streitkräfte schon einige westliche Panzer eingebüßt, dennoch verfügen die Truppen Kiews noch über viele gelieferte Leopard 2, Challenger 2, Bradley-Schützenpanzer und etwa Stryker-Radpanzer. Hinzu kommen besonders gegen Minen gepanzerte Truppentransporter wie MaxxPro.

Gegenoffensive der Ukraine: Schwere Kämpfe vor allem an drei Frontabschnitten

Der Berater des ukrainischen Präsidialamts, Mychajlo Podoljak, bekräftigte nun, dass die ukrainische Gegenoffensive gegen die russischen Verbände „als solche“ noch gar nicht gestartet sei. Bisher gebe es jedoch „offensive Aktionen“. Diese sollen wohl dafür sorgen, Minenfelder zu räumen und Stellungen an der russischen Hauptverteidigungslinie einzurichten.

Das Institute for the Study of War (ISW) geht deshalb in einer Analyse davon aus, „dass die laufenden ukrainischen Offensivoperationen wahrscheinlich Bedingungen für umfassendere ukrainische Gegenoffensivziele schaffen, die (...) die Anfangsphase einer laufenden Gegenoffensive darstellen“. Besagte Angriffe setzen die Ukrainer insbesondere an drei Frontabschnitten fort, von denen jeweils schwere Gefechte gemeldet werden.

Ein russischer Mi-28N-Helikopter überfliegt die schwer umkämpfte Region Saporischschja.

Gegenoffensive der Ukraine: Kiew will russische Armee südlich von Saporischschja einkesseln

Südlich und südwestlich von Orichiw: Russische Militärblogger berichten laut ISW, dass ukrainische Truppen in der Oblast Saporischschja westlich des Kachowkaer Stausees erfolglos angegriffen hätten. Darauf lassen auch die Berichte erbeuteter Leopard-2-Kampfpanzer und Bradley-Schützenpanzer durch die Russen schließen, was diese mit Videos bei Telegram und Twitter untermauern. Die ukrainische Armee soll an der südlichen Front bei vergleichsweise geringen Gebietsgewinnen Twitter-Fotos zufolge zum Beispiel bei einem einzigen Vorstoß mindestens einen modernen Leopard-2-A6, fünf US-amerikanische Bradley-Schützenpanzer, zwei gepanzerte US-amerikanische Truppentransporter MaxxPro sowie einen Minenräumpanzer sowjetischer Bauart verloren haben.

Dennoch erklärte der stellvertretende Leiter der Hauptoperationsabteilung des ukrainischen Generalstabs, Brigade-General Oleksii Hromow, dass die ukrainischen Streitkräfte an diesem Frontabschnitt südwestlich von Orichiw in der Nähe von Mala Tokmachka bis zu drei Kilometer vorgerückt seien. Die Stoßrichtung der Gegenoffensive der Ukrainer lässt darauf schließen, dass sie hier versuchen, die russischen Truppenteile rund um das Atomkraftwerk (AKW) Saporischschja zwischen Dnipro, Cherson und Melitopol am Asowschen Meer einzuschließen. Laut Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar sollen derzeit beim Dorf Makariwka heftige Kämpfe toben.

Gegenoffensive der Ukraine: Kiew will zur Großstadt Donezk vorstoßen

Südwestlich der Großstadt Donezk: Laut Angaben der ukrainischen Armee ist diese bis zu einem Kilometer im Westen der Region Donezk vorgerückt. Es gehe darum, taktische Positionen in der Nähe von Wuhledar rund 30 Kilometer südwestlich der Großstadt Donezk zu verbessern, teilten die ukrainischen Streitkräfte weiter mit, die den Informationen zufolge zudem rund 20 Kilometer westlich von Wuhledar bei der städtischen Siedlung Welyka Novosilka sieben Kilometer vorstießen. Dabei seien seit Beginn der Gegenoffensive sieben Ortschaften und Siedlungen befreit worden, hieß es aus Kiew. Insbesondere beim Dorf Storoschewe soll die russische Besatzungsarmee erhebliche Verluste erlitten haben. Ein Video bei ntv zeigt die verzerrten Leichen etlicher mutmaßlich russischer Soldaten sowie ausgebrannte Panzer, die wohl ebenfalls der russischen Armee zuzuordnen sind.

Gegenoffensive der Ukraine: Plant Kiew die Einkesselung russischer Truppen in Bachmut?

Nördlich von Bachmut: Die völlig zerstörte Stadt im Donbass ist seit Monaten schwer umkämpft. Und es scheint, als könnte sie nach dem Abzug der Wagner-Söldner tatsächlich wieder an die Ukraine fallen. Der Sprecher des ukrainischen Generalstabs, Oleksandr Shtupun, teilte laut ISW mit, dass die ukrainischen Streitkräfte nördlich und nordwestlich von Bachmut erfolgreiche Offensivoperationen durchgeführt hätten. In den vergangenen Wochen war die Armee Kiews bereits südlich der Stadt stellenweise um bis zu drei Kilometer vorgestoßen, weil sich angeblich die 72. russische Schützenbrigade zurückgezogen hatte. Wollen die Ukrainer die verbliebenen Russen in der Stadt einschließen, um einen symbolträchtigen militärischen Sieg zu erringen? 

Gegenoffensive der Ukraine: Folgt bald ein Großangriff gegen die russischen Truppen?

Trotz aller Fortschritte hat sich die ukrainische Gegenoffensive offenbar verlangsamt.  „Nach ersten Vorstößen konzentrierte sich die Ukraine auf Schläge gegen russische Artillerie und Reserven“, schrieb Militärexperte Nico Lange an diesem Freitag (16. Juni) bei Twitter. Die Ukraine wolle aktuell noch russische Schwachstellen testen, schreibt die Welt.

Ben Hodges, ehemaliger Oberkommandierender der US-Armee in Europa, erwartet bald einen Großangriff. „Auch wenn die Gegenoffensive begonnen hat, so glaube ich jedoch nicht, dass der Hauptangriff schon erfolgt ist“, erklärte der US-General a.D. der Washington Post: „Der ukrainische Generalstab will, dass die Russen so lange wie möglich raten müssen, wo er tatsächlich stattfindet.“ (pm)

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