Kommt ein schwieriger Herbst?

Corona und Grippe: Kliniken könnte im Herbst Kollaps drohen

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Das Corona-Virus bekommt Verstärkung von der Grippe und könnte unser Gesundheitssystem im Herbst an den Rand des Kollapses bringen. Sind wir auf diese Belastung vorbereitet? Grünen-Experte Dahmen ist besorgt.

Berlin – Der Grünen-Politiker Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Bundestag, warnte im Fernsehsender ntv vor der Gefahr, dass im Herbst eine Kombination aus Corona- und Grippewelle über uns hinwegrollen könnte. Tritt dieser Fall ein, ohne wirkungsvolle Vorkehrungen getroffen zu haben, könnte unser Gesundheitssystem im Winter kollabieren, so Dahmen. Damit stützte er die Aussagen des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD), der dieses beängstigende Szenario schon zuvor mahnend ins Gespräch gebracht hatte.

Impfungen schützen sowohl vor Grippe als auch vor schweren Corona-Infektionen.jpg

Die Befürchtungen des Gesundheitsministers seien absolut berechtigt, sagte Dahmen heute (Dienstag) im Interview mit dem Fernsehsender. „Gerade als Arzt bin ich sehr besorgt. Wenn wir auf die Südhalbkugel schauen, wo der Herbst ja gerade losgegangen ist, dann sehen wir beispielsweise in Australien eine wirklich dramatische Grippewelle, die sich da ausbreitet.“ Auch in Europa steigen die Corona-Fallzahlen durch den Vormarsch des Omikron-Subtyps BA.5 derzeit wieder an, vor allem Portugal ist dadurch derzeit von einer starken Infektionswelle betroffen.

Heftige Grippewelle grassiert derzeit in Australien. Erreicht sie im Winter auch in Deutschland, womöglich sogar in Kombination mit einer neuen schweren Coronawelle?

Die letzte starke Grippewelle in Deutschland gab es im Jahr 2018, wie Dahmen in Erinnerung ruft, und eine ähnlich starke Entwicklung wie 2018 sei nun in Australien zu beobachten. Folglich gehe er davon aus, dass sich auch bei uns im Herbst Grippeviren parallel zu neuen Coronavirus-Stämmen ausbreiten könnten „und in Kombination (...) zu sehr vielen Atemwegserkrankungen und zu gegebenenfalls schweren Verläufen führen und damit auch unser Gesundheitswesen stark belasten könnten“.

Im schlimmsten Fall drohe der Kollaps des Gesundheitssystems, ein Schreckensszenario, das in den Jahren zuvor abgewendet werden konnte. Sollten sich allerdings gefährlichere Corona-Varianten herausbilden, könnte es dieses Mal anders verlaufen. Die Gefahr ist laut dem Expertenrat der Bundesregierung nicht auszuschließen.

Der Grünen-Gesundheitsexperte rät dringend zur Impfung – sowohl gegen Corona als auch gegen Grippe

Um das Ausmaß dieser drohenden Welle aus Covid- und Grippe-Infektionen möglichst gering zu halten, empfiehlt Dahmen, sich noch vor dem Herbst gegen beide Erkrankungen impfen zu lassen. Damit stellt er sich ganz an die Seite des Gesundheitsministers, der sich zuvor ähnlich geäußert und als Ziel formuliert hatte, die Impflücke, gerade bei vulnerablen Personen, also Älteren und Vorerkrankten, dringend zu schließen.

Die Impfkampagne müsse daher, so Dahmen, im Sommer noch einmal mit „Vollgas“ vorangetrieben werden – nicht nur bei der Corona-, sondern eben auch bei der Grippeschutzimpfung. „Nur das wird helfen, dass sich die Situation nicht so stark ausbreitet, wie wir es gerade in Australien sehen“. Für ausreichend Impfstoffe gegen beiden Erkrankungen gesorgt, es seien ausreichend Dosen bestellt worden. Zudem habe man die gesetzliche Erlaubnis geschaffen, dass in Apotheken sowohl gegen Corona als auch gegen Grippe geimpft werden dürfe, um so möglichst viele Menschen schützen zu können.

Vor allem bei der Versorgung mit aktuellen Gesundheitsdaten müsse die Bundesregierung nachbessern, um den Kollaps des Gesundheitssystems im Winter zu vermeiden

Dahmen machte in dem Interview erneut deutlich, wie wichtig eine bessere und vor allem tagesaktuelle Datenlage über die Entwicklung der Pandemie sei, besonders im Hinblick auf Krankenhausauslastung und Personalstärke. Der Expertenrat der Bundesregierung hatte die Bundesregierung in seiner jüngsten Stellungnahme gerade in diesem Punkt kritisiert und erklärt, dass „ein digitales Echtzeitbild der Lage“ benötigt werde, um angemessen auf das Pandemiegeschehen reagieren zu können.

Auf Nachfrage räumt Dahmen ein, dass die Ampel im Hinblick auf die Gesundheitsdaten zu wenig getan habe, und man sich vor dieser berechtigen Kritik „nicht wegducken“ könne. Über den Sommer müsse mit Hochdruck daran gearbeitet werden, dass man im Herbst aussagekräftige Daten vorliegen habe, um das Pandemiemanagement zukünftig besser steuern zu können – auch um das Gesundheitspersonal zu schützen, dass durch die fordernden Arbeitsbedingungen während der Pandemie bereits ausgebrannt sei. Beim nächsten Bund-Länder-Treffen müssten die Bedingungen dafür dringend geschaffen werden.

„Wissenschaft ist die Grundlage dessen, was getan werden soll“ – Dahmen wischt Uneinigkeit in der Ampel zur Seite und setzt auf gemeinschaftliche Verständigung

Angesprochen auf den Koalitionspartner FDP, der teilweise im Vergleich zu den anderen Ampelparteien sehr abweichende Sichtweisen vertritt, wie man mit der Pandemie und möglichen Maßnahmen umgehen solle, sagte der Mediziner Dahmen: Man habe „sich verabredet, dass Wissenschaft die Grundlage dessen sein soll, was getan werden soll“ und sich auf einen wissenschaftsbasierten Kurs verabredet.

Daher müsse man sich die Kritik des Expertenrats, den man sich als Ampelregierung gemeinsam an die Seite gestellt habe, im Detail anschauen und als Grundlage für alle Entscheidungen nehmen. Es sei zudem Eile geboten, sich zu verständigen und die nötigen Vorsorgen für den Herbst zu treffen, da die aktuell geltenden Pandemieregeln zum 23. September auslaufen. Einen weiteren „sorglosen Sommer, in dem man die Hände in den Schoß legt,“ könne man den Menschen nicht zumuten, sagt Dahmen und übt damit klare Kritik an der Politik der Großen Koalition und dem vorherigen Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU. Um einen weiteren Winter im Lockdown zu vermeiden, müsse man sich diesmal besser vorbereiten.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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