VonPeter Rutkowskischließen
Wer erschoss John F. Kenendy am 22. November 1963? Nach 60 Jahren scheint diese Frage immer noch keine gültige Antwort zu haben. Zum Stand der Ermittlungen in der Mordsache.
Stand der Ermittlungen? Es ist doch lange geklärt, wie der 35. Präsident der Vereinigten Staaten am 22. November 1963 während eines Autokorsos durch die texanische Metropole Dallas zu Tode kam: Er wurde beim Umfahren der Dealey Plaza dort vor Dutzenden von Schaulustigen zwei Mal von Gewehrschüssen getroffen, die ein Lagerarbeiter des texanischen Schulbuchverlages aus dem sechsten Stock des Firmengebäudes abgab.
Der mutmaßliche Täter, Lee Harvey Oswald, wurde noch am gleichen Tag verhaftet, aber keine zwei Tage später vom Nachtclubbesitzer Jack Ruby bei der Überstellung ins Distriktgefängnis erschossen. Eine Regierungskommission befand, Oswald habe allein gehandelt. Akte geschlossen. End of story.
Wirklich? Nur, wenn man dem Kommissionsbericht vertraut. Was in der Konsequenz heißt, physikalische Gesetze zu ignorieren, Augen- und Ohrenzeug:innen nicht ernstzunehmen und auf alle möglichen logischen Erklärungsansätze zu verzichten, die seit nun fast einem Menschenleben offen zu Tage liegen. Dann ist der Fall Kennedy gelöst.
Ansonsten ist an dem Fall absolut gar nichts geklärt:
Wie viel Schüsse gab es? Laut Autopsiebericht (von Ärzten, die keine Pathologen waren) wurde John F. Kennedy von zwei Kugeln getroffen. Die eine fuhr vom Nacken oder von den Schulterblättern (so genau wurde das nicht geklärt) durch seinen Oberkörper trat wieder aus und änderte mehrmals ihre Flugbahn, während der sie den vor dem Präsidenten sitzenden texanischen Gouverneur John Connally mehrfach schwer verwundete. Diese „magic bullet“ wurde dann auf einer Trage im Hospital entdeckt, wo beide Männer behandelt worden waren: weitgehend in ihrem Originalzustand, keineswegs so verformt, wie das sonst beim Auftreffen auf einen lebendigen Körper geschieht.
Die zweite Kugel ließ die rechte Kopfhälfte Kennedys explodieren. Teile von Schädeldecke und Gehirn landeten auf dem Kofferraum seines Wagens und auf einem die Kolonne begleitenden Motorradpolizisten links hinter Kennedys Auto.
Inzwischen sprechen einige Fachleute von drei Schüssen, wobei der erste fehl ging und am fernen Ende der Dealey Plaza an einem Randstein fragmentierte und einen dort stehenden Schaulustigen an der Wange streifte.
Die Umstehenden des Attentats berichteten zu verschiedenen Zeiten von zwischen einem und sieben Schüssen. Von plötzlich auftauchenden angeblichen Secret-Service-Agenten (die normalerweise jede Fahrt des Präsidenten absichern, aber aus unerfindlichen Gründen in Dallas nicht im Einsatz waren) wurden sie mehrfach barsch zurechtgewiesen, es seien nur drei Schüsse gewesen. Faktisch konnte niemand mit Sicherheit sagen, wie oft geschossen worden war: Niemand hatte das Attentat erwarten können, und auf der teils von höheren Gebäuden umgebenen Plaza hätte es auch Echos geben können.
War Oswald in der Lage zu schießen? Er war bestenfalls ein mediokrer Schütze laut seiner Militärakte. Oswalds Gewehr war Ramsch aus Italien, konzipiert im 19. Jahrhundert für ungenaue Massen-Salven, etwas verbessert vor dem Zweiten Weltkrieg. Montiert war ein billiges japanisches Teleskop, das durch den Ruck eines Schusses aus dem Fokus geriet. Die drei Schüsse erfolgten mit einer Pause nach dem ersten, der zweite und dritte praktisch zeitgleich. Das war technisch mit dem Gewehr, das als Tatwaffe präsentiert wurde, so gut wie unmöglich. Erfahrene Scharfschützen konnten das bei einem nachgestellten Attentat erst nach mehrmaligen Versuchen schaffen. Oswald hatte weder ihre Klasse noch die Gelegenheit zu üben. Er hatte auch keine Schmauchspuren an Körper oder Kleidung – die hätten bewiesen, dass er geschossen hatte.
Von wo wurde geschossen? Die drei Schüsse sollen alle von hinten rechts oben (relativ zu Kennedys Sitzposition) gekommen sein, also vom äußersten rechten Fenster im sechsten Stock des Texas Schoolbook Depository, wo sich Oswald hinter einer Wand von Bücherkartons platziert hatte. Wenn man der Lone-Nut-Idee („Einsamer Irrer“) folgt. Schaulustige sahen vor Kennedys Ankunft Männer mit Gewehren (Weiße, Schwarze und Latinos) an mehreren Fenstern dort. Und im benachbarten Dal-Tex-Gebäude – eine viel bessere Schussposition – sah man auch einen Bewaffneten. Dass die Gewehre zu sehen waren, spricht gegen eine Täterschaft: Scharfschützen (einen solchen brauchte man für die Tat) zeigen die Mündungen ihrer Waffen nicht, sie schießen vollständig gedeckt.
Der erfolgreichste Scharfschütze des Vietnam-Krieges, Carlos Hathcock, bestätigte nach Studien des Tatorts die Annahme anderer Fachleute: Kennedy wurde durch eine veränderte Fahrtroute in eine triangulierte „kill zone“ auf Dealey Plaza gelotst. Ein Schütze war wahrscheinlich im Dal-Tex-Gebäude hinter dem Präsidenten, einer irgendwo südlich des Platzes und einer hinter einem von Bäumen teils geschützten Zaun. Dieser Schütze traf dann Kennedys rechte Stirnhälfte, was erklärt wie Teile des Gehirns nach hinten wegflogen. Mit einem Schuss von hinten war das nicht möglich. Oswald war also nicht der einsame Irre, sondern ein Sündenbock. Wer ihn warum dazu gemacht hat, wird bis heute heiß diskutiert.
