Armut

Ein Jahr #IchBinArmutsbetroffen: Was ist aus der Lobby der Armen geworden?

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Gesundes Essen muss man sich leisten können. Auch dafür protestieren Leute der Bewegung #IchBinArmutsbetroffen.

#IchBinArmutsbetroffen: Seit Mai 2022 teilen Menschen aus ganz Deutschland unter diesem Hashtag ihre Geschichten und Forderungen. Was ist ein Jahr später aus der Lobby der Armen geworden?

Es ist ein grauer, verregneter Vormittag in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt. Nathalie Bauer (Name geändert, Anm. d. R.) hat als Treffpunkt ein Café in einem großen Einkaufszentrum vorgeschlagen. Das kam ihr am anonymsten vor. Was sie heute zu erzählen hat, soll nicht jeder mithören. Dabei betrifft es viele: Fast 14 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut betroffen. Nathalie Bauer ist eine von ihnen, seit vier Jahren.

Damals, 2019, trennt sie sich nach fast 30 Jahren von ihrem Mann. Ein Schritt, den sie bis heute nicht bereut, weil die Ehe zum Schluss zerrüttet war. Aber auch ein Schritt, der in einer finanziellen Abwärtsspirale endtet. Drei Tüten und ein paar Kisten: Das ist alles, was Nathalie Bauer nach der Trennung bleibt, sagt sie. Sie hat kein Dach über dem Kopf, kein Vermögen, keinen Beruf.

Um das zu verstehen, muss man in die Anfangsjahre der Ehe zurückgehen: Nathalie Bauer ist noch ein Teenager als sie das erste Mal schwanger wird, ungeplant. Sie und der Vater des Kindes heiraten, sie zieht zu ihm und bekommt eine Tochter, später noch einen Sohn. Nathalie Bauer hat damals noch keine abgeschlossene Ausbildung. Aber sie kommen über die Runden. Ihr Mann arbeitet im Einzelhandel, Nathalie Bauer kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Später arbeitet sie Teilzeit in wechselnden Jobs, für die sie keine spezielle Qualifikation braucht. Eine Weile scheint diese Arbeitsteilung zu funktionieren.

Als ihr Mann krank wird, pflegt sie ihn jahrelang. Dabei geht es ihr selbst gesundheitlich nicht gut. Bauer leidet unter anderem unter chronischer Bronchitis und Asthma. Ihr Mann hat dafür genauso wenig Verständnis wie für die depressiven Schübe, die seine Frau mit den Jahren immer häufiger ausbremsen. Sie fühlt sich wie eine Dienstbotin, ihr Mann beginnt, sie zu beschimpfen. „Zum Schluss war es die Hölle“ sagt sie. Ihre Kinder sind beide aus dem Haus als sie endlich den Mut fasst zu gehen. Und erst als sie es tut, wird ihr bewusst, wie schlecht sie abgesichert ist. Das Haus gehört ihm, darüber hinaus hat ihr Mann kein Vermögen, das er mit ihr teilen müsste. Nathalie Bauer kommt eine Weile bei einem Bekannten unter. Sie bewirbt sich für Wohnungen – ohne Erfolg. Ein halbes Jahr später bleibt nur noch die Obdachlosenunterkunft. Durch die Trennung rutscht sie außerdem in den Hartz IV-Bezug, seit dem 1. Januar dieses Jahres gehört sie zu den rund 5,4 Millionen Bürgergeld-Empfänger:innen in Deutschland.

Vielleicht würde ihr Ex-Mann diese Geschichte anders erzählen. Aber Bauer ist keineswegs die einzige Frau, für die ihre Scheidung nach vielen Jahren in einer Ehe mit traditioneller Rollenaufteilung extreme Folgen hat. Studien zufolge steigt die Armutsquote von Frauen nach einer Trennung auf das Doppelte.

Verkürzt kann man sagen: Armut macht krank und Krankheit macht arm

Nach anderthalb Jahren in der Obdachlosenunterkunft findet Nathalie Bauer endlich doch noch eine eigene Wohnung, die günstig genug ist, dass das Amt die Kosten übernimmt. Heute lebt sie auf 20 Quadratmetern. Nach dem Abzug ihrer Fixkosten bleiben ihr im Monat 150 bis 180 Euro für Lebensmittel und anderes, sagt sie.

Hofft Nathalie Bauer noch auf einen Neustart? Einen festen Job? Größere Veränderungen? Nein, sagt sie. „Ich bin 47, hab keine Ausbildung. Mich nimmt doch eh niemand mehr.“ Das größte Hindernis aber sei ihre Gesundheit. Zwei langwierige Covid-Infektionen und wohl auch das Rauchen haben ihre Atemwegserkrankung verstärkt. Nathalie Bauer plagt oft die Atemnot. In unregelmäßigen Abständen wird ihre Erzählung von minutenlangen Hustenanfällen unterbrochen. Ein Amtsarzt hat ihr bescheinigt, dass sie körperlich nicht mehr als zwei Stunden am Tag arbeitsfähig ist. Dazu kommen die Depressionen.

Wie vielen Betroffenen merkt man sie Nathalie Bauer im direkten Gespräch nicht sofort an. Sie ist eine lebendige Erzählerin, die immer wieder ihren trockenen Humor durchblitzen lässt. Erst nach zwei Stunden kommen die Tränen. Gerade erzählt sie von ihrer vergeblichen Suche nach einem Therapieplatz – und von dem Psychologen, der sich im Erstgespräch mit flapsigen Sprüchen über ihre Suizidgedanken lustig gemacht habe. Nathalie Bauer trocknet sich mit einer Serviette die Augen. Sie ärgert sich über sich selbst, hatte sich vorgenommen, das Gespräch ohne Tränen durchzuziehen.

Ein Großteil der Arbeitslosen in Deutschland hat psychische und körperliche Probleme oder Suchterkrankungen, die es ihnen schwer bis unmöglich machen, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung armer Menschen ist deutlich niedriger. Statistisch gesehen darf eine Frau aus dem wohlhabendsten Fünftel der deutschen Gesellschaft auf ein 8,4 Jahre längeres Leben hoffen als Nathalie Bauer. Es gibt dafür viele Gründe. Faktisch muss man sich eine gesunde Lebensweise und gute medizinische Versorgung auch im Deutschland des Jahres 2023 leisten können. Hinzu kommt, dass arme Menschen im Schnitt viel stärker unter den großen Krankmachern Stress, Zukunftsangst und Ausgrenzung leiden. Bei anderen wiederum sind es die gesundheitlichen und psychischen Probleme, die den Abwärtsstrudel in Richtung Erwerbslosigkeit und Armut erst in Gang bringen. Verkürzt kann man sagen: Armut macht krank und Krankheit macht arm.

Doch in der öffentlichen Debatte herrschen weiterhin Vorurteile vor: Arme Menschen äßen zu fettig, tränken zu viel und bewegten sich zu wenig. Und wer den ganzen Tag auf der Couch sitze, werde eben depressiv. Selbst schuld. Das Image der unvernünftigen Armen hält sich wacker, jahrelang befeuert von Reality Shows wie „Hartz aber herzlich“ oder „Frauentausch“. Zuletzt hat es der finanzpolitische Sprecher der FDP, Markus Herbrand, bemüht. Seine Ablehnung einer Kindergrundsicherung begründete er auch damit, dass die Eltern von armen Kindern das zusätzliche Geld möglicherweise nicht für das Wohl ihrer Kinder ausgäben, sondern für „Alkohol und Zigaretten“.

Es sind wohl auch solche Zerrbilder, die die 14 Millionen Armen davon abhalten, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Auch Nathalie Bauer hat lange überlegt, ob sie mit der Frankfurter Rundschau sprechen soll – selbst unter geändertem Namen und ohne Foto und Ortsangaben.

So groß ist die Scham bei vielen, dass es einer kleinen Revolution gleich kommt, als vor einem Jahr eine Frau entscheidet, das Schweigen zu brechen. Und das auf einer der öffentlichsten und ungeschütztesten Bühnen überhaupt: Twitter. Anni W. schreibt dort am 12. Mai 2022:

Einige Tage später schildert Anni W. unter dem Hashtag dann ihre eigene Situation. Sie ist 39, alleinerziehende Mutter und zu diesem Zeitpunkt aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, eine Lohnarbeit auszuüben. Sie lebt von Hartz IV und hat „die Schnauze voll“. Denn: „Es reicht ganz einfach nicht“. Unter dem Tweet hagelt es böse Antworten und Beleidigungen. Immer wieder wird aufgefordert, „arbeiten zu gehen“. Man nennt sie faul und wirft ihr vor, fleißigen Arbeitern auf der Tasche zu liegen. Ein Mann schreibt, Anni W. solle gefälligst Tütensuppen essen, ein anderer nennt sie „Hure“. Aber da sind eben auch die anderen Reaktionen: Die Menschen, die ihr für ihre Offenheit danken. Die Anni W.s Tweets hundertfach teilen, und die den Mut finden, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Allein bis Mitte Juni 2022 werden mehr als 100 000 Tweets unter dem Hashtag gepostet. Tausende berichten von ihrem Alltag zwischen Tafel, demütigenden Behördenbesuchen und dem ewigen Vertrösten der eigenen Kinder, wenn das Eis oder der Besuch im Freizeitpark finanziell einfach nicht drin sind. Viele bleiben anonym. Andere, wie Anni W. selbst, zeigen Gesicht, geben den großen Medien Interviews. Denn die entwickeln früh Interesse. Schließlich ächzt die Wirtschaft noch unter den Folgen der Pandemie, durchbrochene Lieferketten treiben die Preise in die Höhe – und der Überfall Russlands auf die Ukraine schürt in Deutschland auch in der Mittelschicht Ängste vor explodierenden Energiepreisen.

Armutsbetroffene werden oft als Opfer gezeigt, selten aus ihrer eigenen Perspektive

Besonders beliebt in der Berichterstattung: Der Supermarktbesuch. Mit der Kamera werden Armutsbetroffene bei Aldi, Lidl und Co. begleitet, wo sie spärlich bestückte Einkaufswagen zeigen, die ihr halbes Monatsbudget aufbrauchen werden. Arme Menschen als Opfer – ein klassisches Bild. Doch diesmal ist etwas anders. Denn unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen erzählen die Menschen selbstbestimmt ihre Geschichten. Sie schreiben über den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit. Über die gesellschaftliche Ächtung. Und über konkrete politische Forderungen. Eine Erhöhung von Hartz IV beispielsweise, das Ende von Sanktionen oder eine Kindergrundsicherung. Politiker:innen der Linkspartei lesen ausgewählte Tweets im Bundestag vor: von Twitter ins Herz des deutschen Politikbetriebs.

Nathalie Bauer liest von Anfang an mit. auch wenn sie sich zunächst nicht traut, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Der kollektive digitale Aufschrei löst in ihr viel aus. „Dieses Gesicht zeigen und sich öffnen – das kannte ich so bisher nicht.“ Sie erkennt Parallelen. „Mir ist zum Beispiel erst dadurch bewusst geworden, dass meine Depressionen schon viel früher angefangen haben als ich dachte. Und wie sehr sie mein Leben beeinflusst haben.“ Sie findet in ganz Deutschland Gleichgesinnte, Freund:innen, Helfer:innen. Denn über die neue Aufmerksamkeit für die Armutsbetroffenen bekommt auch die schon länger bestehende Stiftung „Eine Sorge weniger“, die die Bewegung von Anfang an unterstützt, immer mehr Zulauf. Das Prinzip von „Eine Sorge weniger“: Wer schon vor dem Monatsende blank dasteht oder etwas braucht, das finanziell nicht drin ist – von der Weihnachtsgans bis zur Waschmaschinenreparatur – kann sich auf Twitter mit den bekannten Hashtags melden. Die Stiftung sucht dann in der Community nach Menschen, die helfen wollen.

Ob auf Twitter oder auf der Demo: Viele eint die Forderung nach einer besseren Politik für Armutsbetroffene.

Auch Nathalie Bauer helfen Spender:innen so immer wieder aus der Patsche. Und irgendwann wird sie auch selbst unter #IchBinArmutsbetroffen aktiv – auf ihre Weise. Als etwa ein Mann auf Twitter von seinen schweren Depressionen und Suizidgedanken berichtet, ist sie für ihn da, spricht ihm Mut zu. Erzählt ihm von ihren eigenen Erfahrungen mit der Krankheit.

Gerne würde sie die Bewegung auch anderweitig unterstützen. Im Sommer 2022 finden sich in einigen Gegenden Deutschlands lokale Gruppen zusammen, die den Protest auch außerhalb des digitalen Raums sichtbar machen wollen. Sie veranstalten Demos und Flashmobs – und im Oktober eine Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt. Doch Nathalie Bauer ist bei keinem dieser Treffen dabei. Die einzige Gruppe, die sich in Hessen zusammenfindet, trifft sich in Darmstadt. „Ich wäre eigentlich so gerne zur Demo dorthin gefahren“, sagt Nathalie Bauer. Aber die Fahrt kann sie sich nicht leisten. Sie ist nicht die einzige, der es so geht. Oft sind es nur eine Handvoll Menschen, die sich zu den Aktionen zusammenfinden. Und auch zum Protest vor dem Bundeskanzleramt kommen nur etwa 200 Personen – ein Bruchteil derer, die sich unter dem Hashtag zusammengefunden hatten. Es gibt Aktivist:innen, die sich nach den negativen Reaktionen und Beleidigungen wieder in die Isolation zurückziehen. Andere können wegen ihrer Krankheiten nicht lautstark auf den Marktplätzen und in den Fußgängerzonen der Republik demonstrieren.

#IchBinArmutsbetroffen: Was hat die Bewegung bewirkt?

Auch die Online-Bewegung bröckelt: Nach einem Jahr fühlt sie sich für Nathalie Bauer nicht mehr ganz so solidarisch und stark an wie zu Beginn. Es gibt Konkurrenzkämpfe um die Spender:innen von „Eine Sorge weniger“, gegenseitige Schuldzuweisungen, weil einige angeblich die Hilfsbereitschaft ausnutzen – und damit alle anderen in ein schlechtes Licht rückten, sagt sie. „Die Bubble hat sich in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen die eine inzwischen über die andere hetzt.“ Und: Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen sammeln sich inzwischen auch Menschen, die noch weiter nach unten treten, gegen Minderheiten hetzen oder ausfallend werden.

Nach einem Jahr ist die Zukunft der Bewegung offen. Noch immer dient sie vielen Armutsbetroffenen als Sprachrohr. Und sie hat sich vernetzt mit etablierten Verbänden wie dem Paritätischen Verband, aber auch mit neuen Initiativen wie TaxMeNow, einem Zusammenschluss von Millionär:innen, die sich für höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern einsetzen.

Für eine stille Leserin wie Nathalie Bauer hat #IchBinArmutsbetroffen nicht die ganz große Veränderung gebracht. Aber sie hat sie ein Stück weit aus der Isolation geholt. Und bei aller Resignation gehört auch sie längst nicht zu denen, die aufgegeben und sich völlig von der Politik verabschiedet haben. Sie ist stolz darauf, keine wichtigen Wahlen zu verpassen und schaut jeden Tag die Tagesschau. „Das hab ich noch aus der Kindheit drin.“ Sie kann leidenschaftlich über Christian Lindner schimpfen, dem es aus ihrer Sicht gut tun würde, mal einige Monate mit jemandem wie ihr die Rollen zu tauschen. Und immer wieder sagt sie Dinge wie „Wir, die 14 Millionen, werden von der Bundesregierung alleine gelassen.“ Sie erwartet von den politischen Spitzen des Landes, dass sie sich viel stärker mit der Lage der großen Gruppe der Armutsbetroffenen beschäftigen, „statt sich um die Reichen zu kümmern, denen es eh gut geht“. Dass Menschen wie sie sich heute als Teil einer Gruppe verstehen, ihre Geschichten nicht einfach als beschämende Einzelschicksale sehen, das ist vielleicht das größte Verdienst von #IchBinArmutsbetroffen.

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