Korea

Eine ganz zufällige Grenzüberschreitung

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Die Luft ist bald raus: ein Müllballon in einem Reisfeld bei Incheon. YONHAP/AFP
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Das Eskalationspotenzial zwischen Nord- und Südkorea ist hoch. Inzwischen fallen Schüsse an der Grenze zwischen beiden Staaten.

Auf den ersten Blick mag es ausgesehen haben, als handele es sich um eine Invasion: Nordkoreanische Soldaten laufen über die Grenze, als die wachenden Grenzsoldaten aus Südkorea sie sehen, feuern sie Warnschüsse ab. Daraufhin verschwinden die rund 20 Männer aus dem Norden. Dann ist wieder Ruhe.

So schilderte das südkoreanische Militär am Dienstag ungewöhnliche Ereignisse vom Sonntagmittag. Seither wird in dem Land und international darüber diskutiert, was es mit diesem Vorfall auf sich hat. Schickte Nordkoreas Diktator Kim Jong-un die Soldaten auf südkoreanisches Territorium, um weiter zu provozieren? Handelte es sich nur um ein Missgeschick? Schon der Fakt, dass an der Grenze geschossen wurde, hat die Spannungen weiter erhöht.

Auf der Koreanischen Halbinsel – wo seit Ausbruch des dreijährigen Koreakriegs 1950 formal der Kriegszustand gilt – sind die Gemüter seit Monaten äußerst erhitzt. Immer wieder haben sich der nordkoreanische Diktator Kim und der populistische Präsident Südkoreas, Yoon Suk-yeol, indirekt mit Krieg gedroht. Der Norden testet immer häufiger Raketen, im Süden wurden zuletzt vermehrt Militärmanöver gemeinsam mit den USA und Japan durchgeführt. Beide Seiten sind alarmiert.

Zur Deeskalation tragen die Ereignisse vom Sonntag da jedenfalls nicht bei. Wobei sich ausgerechnet Südkoreas Militär bemühte zu deeskalieren. Lee Sung-jun, Sprecher des gemeinsamen Stabschefs, ging in einer Presseerklärung von einem Missgeschick der Nordkoreaner aus. Die Soldaten hätten wohl nicht bemerkt, dass sie die Demarkationslinie überquert hätten. Derzeit sei das dort wachsende Gras äußerst dicht, Grenzzeichen daher schwer erkennbar.

Hintergrund ist allerdings, dass sich die Nervosität in den letzten Tagen ohnehin weiter hochgeschaukelt hat. Ende Mai flogen Hunderte Ballons von Norden über die Grenze nach Süden, beladen mit Abfall und teilweise auch Exkrementen. Nordkoreas Regierung meinte dies als Retourkutsche. Schließlich hatten Aktivist:innen aus dem Süden immer wieder Flyer, die das Regime kritisieren, und USB-Sticks mit im Norden verbotener Popkultur aus dem Süden über die Grenze befördert.

Kühlen Kopf bewahren

Als grotesker und witzig-schmutziger Nachbarschaftsstreit und humorvoll wurde die Episode in Südkorea aber nicht aufgenommen. „Diese Taten von Nordkorea verletzen klar internationales Recht und bedrohen die Sicherheit der südkoreanischen Bürger“, sagte Militärsprecher Lee. Fachleute warnten gar davor, dass sie in einen militärischen Konflikt münden könnte.

Kurz darauf kündigte die Regierung in Seoul an, die in Grenznähe positionierten Lautsprecher, die früher immer wieder anti-nordkoreanische Propaganda ausstrahlten, wieder nutzen zu wollen, am Sonntag geschah das dann auch. Am selben Tag kam es zu dem Zwischenfall an der Grenze. Südkoreas Militär berichtete indessen, Nordkorea scheine eigene Lautsprecher aufzubauen.

Und jetzt? „Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es in Korea bald zu ernsthafteren Feindseligkeiten kommt“, schätzt Vladimir Tikhonov, Professor für Koreanistik an der Universität Oslo und Kenner beider Koreas. Er gibt aber auch zu bedenken: „Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung ist heute viel höher als noch vor ein paar Jahren“. Sie sei aber immer noch vermeidbar.

Dafür müsste auf beiden Seiten kühler Kopf bewahrt werden. Tikhonov sieht aber eine „explosive Mischung“ von Personalien: „Auf der einen Seite haben wir einen übermäßig selbstbewussten Kim Jong-un, der glaubt, sein neuer bester Freund Putin werde einen Krieg gewinnen. Auf der anderen Seite steht eine amateurhafte, streng rechtsgerichtete Regierung in Seoul, die Südkoreas Beziehung zu China, das als eines der wenigen Länder Nordkorea zurückhalten könnte, schlecht managt.“

Südkoreas wichtigster Partner, die USA, seien währenddessen auf die Kriege in der Ukraine und Gaza konzentriert und in der Region eher mit der Krise zwischen China und Taiwan beschäftigt. Kims Schwester Kim Yo-jong kündigte zuletzt „neue Gegenreaktionen“ für südkoreanische Propagandaaktionen an.

Am Dienstag gab es jedoch noch ein zaghaftes Zeichen von Deeskalation. Das Wiedervereinigungsministerium Südkoreas kündigte an, den Austausch mit den Aktivist:innen zu suchen. Deren Aktionen verbieten darf die Regierung laut einem Gerichtsurteil allerdings nicht.

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