Sicherheitskonferenz

Carlo Masala zu Auftritt von J.D. Vance: „Europa verharrt in einer Schockstarre“

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Politikwissenschaftler Carlo Masala über die Ergebnisse der Sicherheitskonferenz, Perspektiven für Europa und die Ukraine sowie Trumps Rückkehr ins 18. Jahrhundert. Ein Interview.

Professor Masala, wenn man J.D. Vance richtig versteht, hat er gesagt: Wenn Ihr euch nicht an unsere Regeln haltet, werden wir Euch nicht verteidigen.
Im Kern war das die Botschaft. Das bedeutet im Grunde das, was wir ohnehin schon vermutet haben, auch wenn er es nicht direkt ausgesprochen hat: In Zukunft wird es entweder gar keinen oder nur noch einen reduzierten konventionellen Schutz für Europa geben. Dabei geht es zunächst nicht um den nuklearen Schutz, denn dieser wurde in den letzten Tagen für Europa noch einmal bestätigt. Es heißt aber, dass sich die USA konventionell weniger engagieren werden.
Was bedeutet das konkret?
Man kann davon ausgehen, dass Trump relativ schnell ankündigen wird, die rund 20.000 zusätzlichen US-Soldaten, die seit 2022 in Europa stationiert wurden, wieder abzuziehen. Allerdings hätte das wohl auch eine Präsidentin Kamala Harris getan. Und wir werden einen Abzug amerikanischer Streitkräfte entweder im Zuge eines wie auch immer gearteten Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine oder einer Neuausrichtung der USA erleben.

Donald Trumps Kabinett: Liste voller skandalöser Überraschungen

Donald Trump im Weißen Haus
Donald Trump ist am 20. Januar 2025 als neuer Präsident ins Weiße Haus zurückgekehrt. Die Posten in seinem Kabinett sind alle verteilt. Wir stellen vor, wer Trump in die Regierung folgt. © Evan Vucci/dpa
 J.D. Vance wird Donald Trump als Vizepräsident ins Weiße Haus folgen.
J.D. Vance ist Donald Trump als Vizepräsident ins Weiße Haus gefolgt. Der 40 Jahre alte ehemalige Senator aus Ohio ist einer der jüngsten US-Vizepräsidenten aller Zeiten. Nach Washington DC hat Vance seine Ehefrau Usha Vance begleitet. Die 38 Jahre alte Anwältin ist die erste „Second Lady“ der USA mit indischen Wurzeln. Das Paar hat die für den Vizepräsidenten vorgesehenen Räumlichkeiten im „United States Naval Observatory“ nahe dem Weißen Haus bezogen. © Alex Brandon/dpa
Marco Rubio soll laut US-Medien in der Regierung von Donald Trump das Amt des Außenministers übernehmen.
Marco Rubio hat in der Regierung von Donald Trump das Amt des Außenministers übernommen. Der 53 Jahre alte Senator aus Florida ist der erste US-Außenminister mit lateinamerikanischen Wurzeln. Rubio trat 2016 gegen Trump bei den Vorwahlen der Republikaner an und musste sich von dem späteren US-Präsidenten als „totaler Witz“ mit einem Schweißproblem beschimpfen lassen. Doch statt sich zu wehren, schluckte der langjährige Senator die Beleidigungen und präsentierte sich als loyaler Anhänger Trumps. In der US-Außenpolitik stellte sich Rubio in der Vergangenheit an die Seite der Ukraine. © IMAGO/Michael Brochstein / SOPA Images
Scott Bessent soll unter Donald Trump den Job des Finanzministers übernehmen
Donald Trumps Nominierung für den Posten des Finanzministers wirkte geradezu langweilig. Scott Bessent übernahm den Job – gegen den Wunsch Elon Musks. Der hatte sich mehrfach gegen die Ernennung des Wall-Street-Experten ausgesprochen. Bessent gilt als international erfahrener Finanzexperte und soll Donald Trump bereits 2016 mehrere Millionen Dollar für den Wahlkampf gespendet haben. In seiner neuen Funktion wird Bessent zahlreiche Wahlversprechen Trumps umsetzen müssen, darunter unter anderem Steuersenkungen, neue Zölle gegen China und die Finanzierung von Projekten wie den geplanten Massenabschiebungen. © DREW ANGERER/AFP
Pete Hegseth soll Verteidigungsminister werden
Eine überraschende Wahl Donald Trumps war die Personalie des Verteidigungsministers. Pete Hegseth war acht Jahre lang als Moderator für Fox News tätig. Als Soldat diente Hegseth im Irak und in Afghanistan. Erfahrung in Regierungsarbeit bringt er aber nicht mit. Doch Hegseth dürfte sich die Nominierung durch Trump mit seiner langjährigen Loyalität verdient haben: Der zweifache Familienvater hält schon seit 2016 zu Trump, als viele den Milliardär noch als politische Witzfigur belächelten. © TERRY WYATT(AFP
Pamela Jo Bondi, genannt Pam Bondi, den Job im Justizministerium bekommen
Statt dem ursprünglich von Trump nominierten Matt Gaetz hat Pamela Jo Bondi, genannt Pam Bondi, den Job im Justizministerium bekommen. Die 59 Jahre alte Juristin war in ähnlicher Funktion auf bundesstaatlicher Ebene bereits in Florida tätig. 2013 stellte sie dort in dieser Funktion einen Betrugsprozess gegen die Trump University ein. 2016 unterstützte sie Trump im Vorwahlkampf der Republikaner. Er holte die Juristin drei Jahre später in sein Anwaltsteam, das ihn im ersten Amtsenthebungsverfahren vertrat.  © MANDEL NGAN/AFP
Douglas James „Doug“ Burgum ist Mitglied der Republikaner
Douglas James „Doug“ Burgum ist Mitglied der Republikaner und hat im Kabinett von Donald Trump den Posten des Innenministers übernommen. Von 2016 an war der ehemalige Unternehmer Gouverneur des Bundesstaates North Dakota.  © IMAGO/Ricky Fitchett
Brooke Rollins soll im zweiten Kabinett Donald Trumps das Amt der Landwirtschaftsministerin übernehmen
Brooke Rollins hat im zweiten Kabinett Donald Trumps das Amt der Landwirtschaftsministerin übernommen. Die Anwältin stammt aus Texas und war bereits in der ersten Regierung Trumps tätig. Sie gilt als loyale Anhängerin des künftigen Präsidenten und als politische Vordenkerin konservativer Strategien. © MANDEL NGAN/AFP
Howard Lutnick, hier im Jahr 2010 mit seiner Ehefrau bei einer Gala
Howard Lutnick, hier im Jahr 2010 mit seiner Ehefrau bei einer Gala, ist Donald Trump als Handelsminister ins Weiße Haus gefolgt. Der Milliardär war stellvertretender Vorsitzender im Übergangsteam Trumps und regelmäßiger Gast in dessen Luxus-Resort Mar-a-Lago. Laut der New York Times war Lutnick lange Zeit als Mitglied der Demokraten registriert, lief nach der Machtübernahme Trumps im Jahr 2016 zu den Republikanern über. © IMAGO
Lori Chavez-DeRemer war Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus
Lori Chavez-DeRemer war Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus und ist unter Donald Trump Arbeitsministerin geworden. Die Personalie war innerhalb der Republikanischen Partei umstritten. Chavez-DeRemer unterhält enge Beziehungen zu mehreren Gewerkschaften in den USA und unterstützte während ihrer Amtszeit mehrere Gesetzentwürfe der Demokraten, darunter auch eine Amnestie für illegal Eingewanderte, die auf dem Arbeitsmarkt integriert sind. © IMAGO/Michael Brochstein
Robert F. Kennedy Jr., Neffe des einstigen Präsidenten John F. Kennedy
Robert F. Kennedy Jr., Neffe des einstigen Präsidenten John F. Kennedy, hat sich in den vergangenen Jahren vor allem als Impf-Leugner und Verschwörungstheoretiker hervorgetan. Bei der US-Wahl 2024 trat RFK zunächst als unabhängiger Kandidat an, zog sich dann aber aus dem Rennen zurück und unterstützte die Kampagne Donald Trumps. Der versprach dem 70 Jahre alten Kennedy dafür eine herausragende Rolle bei der Gestaltung der Gesundheitspolitik – und nominierte ihn schließlich als US-Gesundheitsminister. © IMAGO/Robin Rayne
Scott Turner, ehemaliger NFL-Profi, soll unter Donald Trump Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung werden.
Scott Turner ist unter Donald Trump Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung geworden. Der ehemalige Profi der American Football League gehörte bereits der ersten Administration Trumps an. Scott ist die erste Schwarze Person im Team des künftigen Präsidenten. Zu Scotts Aufgaben werden unter anderem Programme zur Förderung von erschwinglichem Wohnraum gehören, außerdem zur Unterstützung von Amerikanern mit geringem Einkommen, zur Verhinderung von Diskriminierung auf dem Markt und zur Förderung der Stadtentwicklung. © ANNA MONEYMAKER/AFP
Sean Duffy, hier mit seiner Ehefrau Rachel Duffy
Sean Duffy, hier mit seiner Ehefrau Rachel Duffy, ist der neue Verkehrsminister in der Trump-Regierung. Duffy bringt politische Erfahrung als ehemaliger Kongressabgeordneter mit. Seine Nominierung durch Trump dürfte er aber vor allem seiner Präsenz bei Fox News verdanken. Neben zahlreichen Gastauftritten moderierte Duffy gut ein Jahr seine eigene Show namens „The Bottom Line“ auf dem Spartensender Fox Business Network. © IMAGO/Robert Deutsch
Chris Wright
Neuer Energieminister ist Chris Wright. Er soll Trump dabei helfen, Regulierungen abzubauen und so die Ausbeutung der Rohstoffe in den USA voranzutreiben. Trump hat es eigenen Aussagen zufolge vor allem auf Ölfelder in Alaska abgesehen. Burgums Aufgabe ist, als Energierminister Öl-Förderungen in dortigen Naturschutzgebieten zu ermöglichen. © Ting Shen/AFP
Linda McMahon. Die 76 Jahre alte Managerin ist die Ehefrau von Vince McMahon
Eine weitere Fernsehpersönlichkeit, die Donald Trump mit nach Washington DC gebracht hat, ist Linda McMahon. Die neue Bildungsministerin ist die Ehefrau von Vince McMahon. Gemeinsam mit ihrem Mann führte McMahon die Wrestling-Show WWE zu internationalem Erfolg. Das Vermögen des Ehepaars wird laut Forbes auf fast drei Milliarden Dollar geschätzt. Die McMahons gelten als spendenfreudige Unterstützer der Republikaner im Allgemeinen und Donald Trump im Speziellen. Was genau ihre Aufgaben sind, ist nicht ganz klar. Im Wahlkampf hatte Trump immer wieder angekündigt, das Bildungsministerium abschaffen zu wollen. © imago stock&people
Der ehemalige Kongressabgeordnete Doug Collins
Der ehemalige Kongressabgeordnete Doug Collins hat unter Donald Trump den Posten des Ministers für Kriegsveteranen übernommen – ein wichtiger Posten in den USA, wo die Rolle der Umgang mit den eigenen Veteranen ein konstanter Streitpunkt ist. Collins gilt als loyaler Unterstützer Trumps und verteidigte auch dessen Behauptungen zum angeblichen Wahlbetrug in Georgia bei der US-Wahl 2020.  © IMAGO/Robin Rayne
Kristi Noem vor der US-Wahl
Kristi Noem berichtete vor der US-Wahl in einer Autobiografie davon, wie sie ihren Hund wegen Ungehorsams erschossen hatte. Damit löste die 52 Jahre alte Gouverneurin des Bundesstaates South Dakota eine Welle der Empörung aus – und hinderte Donald Trump wohl daran, sie zu seiner Vizepräsidentin zu machen. Dafür war die Republikanerin rund ein Jahr lang als Ministerin für innere Sicherheit Teil des Trump-Kabinetts tätig. Im März 2026 musste sie aber ihren Hut nehmen.  © Samantha Laurey/Imago
Senator des Bundesstaates Oklahoma Mullin
Trump bestimmte zugleich den Nachfolger von Noem: Markwayne Mullin führt mit Wirkung zum 31. März 2026 das für Einwanderungs- und Grenzschutzbehörden zuständige Ressort. Der Senator des Bundesstaates Oklahoma und sechsfache Vater aus dem Mittleren Westen gilt als bodenständig, konservativ und loyal zu Trump. Mullin wuchs auf einer Ranch auf, übernahm als junger Mann das Familienunternehmen, einen Sanitär- und Handwerksbetrieb, und baute es zu einer großen Firma aus. Bevor er in die Politik ging, kämpfte er außerdem als Mixed-Martial-Arts-Sportler und blieb laut eigenen Angaben in seiner kurzen Profikarriere ungeschlagen. Nun verfügt Trumps Kabinett über einen neuen Kämpfer.  © J. Scott Applewhite/dpa
Der 44 Jahre alte Lee Zeldin
Lee Zeldin ist neuer Direktor der Umweltschutzbehörde. Trump selbst glaubt nicht an den menschengemachten Klimawandel. Zeldins Aufgabe soll also weniger der Schutz der Umwelt sein. Stattdessen soll der Ex-Abgeordnete laut Trump „für faire und rasche Deregulierung sorgen“. Zeldin bedankte sich für den Posten bei seinem neuen Chef via X und kündigte an, „amerikanische Arbeitsplätze zurückzubringen“. © IMAGO/Matt Bishop/imageSPACE
Russel Vought nennt sich selbst einen „christlichen Nationalisten“.
Russell Vought nennt sich selbst einen „christlichen Nationalisten“. Erfahrungen hat er bereits als Regierungsbeamter in der ersten Administration von Donald Trump sammeln können. Vought war einer der Autoren des „Project 2025“ und gilt als Hardliner in Sachen Grenz- und Einwanderungspolitik. In der neuen Administration von Donald Trump hat er die Leitung des Büros für Management und Haushalt übernommen. © Michael Brochstein/imago
Tulsi Gabbard war einst Abgeordnete der Demokraten
Tulsi Gabbard war einst Abgeordnete der Demokraten und vertrat den Bundesstaat Hawaii von 2013 bis 2022 im Repräsentantenhaus. 2020 kandidierte sie bei den Vorwahlen der Demokrate. 2022 brach sie mit ihrer Partei und erklärte sich für unabhängig. In den Folgejahren näherte sie sich immer mehr den Republikanern an, bis sie sich vor der US-Wahl 2024 öffentlich für Donald Trump aussprach. Der dankte es der 43 Jahre alte Politikerin jetzt mit einem Amt in seinem Kabinett. Gabbard ist neue Direktorin der Geheimdienste. „Seit über zwei Jahrzehnten kämpft Tulsi Gabbard für unser Land und die Freiheiten aller Amerikaner“, sagte Donald Trump in einem Statement. © Marco Garcia/dpa
John ratcliffe
John Ratcliffe führt seit Ende Januar den Auslandsgeheimdienst der USA. Der ehemalige Kongressabgeordnete aus Texas gilt als enger Vertrauter von Trump. Ratcliffe war zuvor Co-Vorsitzender einer konservativen Denkfabrik. In der ersten Amtszeit des Republikaners war der neue CIA-Direktor als Geheimdienstkoordinator tätig. Die Demokraten warfen Ratcliffe damals unter anderem vor, seine Position für politische Zwecke zu missbrauchen. © Jemal Countess/AFP
Jamieson Greer
Jamieson Greer ist der neue US-Handelsbeauftragte – eine Schlüsselrolle angesichts von Trumps Vorliebe, hohe Zölle auf ausländische Produkte zu verhängen. Historisch habe der US-Handelsbeauftragte nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden, schreibt die „New York Times“. Unter Trump habe die Rolle aber erheblich an Bedeutung gewonnen.  © Imago
Kelly loeffler
Neue Direktorin der Mittelstandsbehörde ist Kelly Loeffler. Die frühere Senatorin verlor im Januar 2021 die Stichwahl um den Sitz im US-Senat – trotz massiver Unterstützung von Donald Trump. Loeffler ist seit 2004 mit Jeffrey Sprecher, dem Vorsitzenden der New York Stock Exchange, verheiratet. © Imago
Susie Wiles, Spitzname „Ice Lady“, wird unter Donald Trump Stabschefin im Weißen Haus
Ebenfalls dabei ist Susie Wiles. Die sogenannte „Ice Lady“ ist Donald Trumps Stabschefin im Weißen Haus und damit die erste Frau auf dieser Position. Die 67 Jahre alte Politikberaterin leitete den Wahlkampf Trumps bei der US-Wahl 2024. In ihrer neuen Funktion wird sie vor allem dafür zuständig sein, zu regeln, wer Zugang zum künftigen Präsidenten erhält. Doch Wiles hat auf einem wahren Schleudersitz Platz genommen. In seinen ersten vier Jahren Regierungszeit benötigte Trump ganze vier Stabschefs. © Alex Brandon/dpa
Elise Stefanik wird die Vereinigten Staaten von Amerika unter der zweiten Regierung von Donald Trump als Botschafterin bei den Vereinten Nationen vertreten
Elise Stefanik sollte die USA eigentlich als Botschafterin bei den Vereinten Nationen vertreten. Doch Donald Trump hat seine Nominierung Ende März überraschend zurückgezogen. Zur Begründung erklärte er, er wolle nicht riskieren, dass Stefaniks Mandat im Kongress bei einer Nachwahl an die Demokraten falle. Stefanik ist eine loyale Verbündete Trumps. 2014 war sie mit damals 30 Jahren die jüngste Frau, die ins Repräsentantenhaus gewählt wurde. Einst zählte sie zu den eher moderateren Mitgliedern der Partei. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein.  © Annabelle Gordon/Imago

Wie es laut Masala um das Verhältnis zwischen den USA und Europa steht

Wie schlecht steht es um das Verhältnis zwischen den USA und Europa?
Was wir gerade erleben, ist die schrittweise Trennung eines einst engen Bündnisses. Ich habe es mal als Trennung eines Ehepaares bezeichnet. Früher lautete die Botschaft der USA an Europa: „Ihr müsst mehr tun, sonst sind wir weg.“ Heute gibt es diese Aufforderung noch, aber sie klingt mehr wie ein Abschied. Die entscheidende Frage ist: Werden die USA weiterhin Verantwortung für Stabilität und Sicherheit in Europa übernehmen – vielleicht mit reduzierten konventionellen Mitteln? Oder stehen wir tatsächlich vor einer vollständigen Abkehr?
Wie bewerten Sie die Reaktionen von Scholz, Pistorius und anderen?
Sowohl Pistorius, Merz wie auch Scholz haben richtigerweise in ihren Reden die grundsätzliche Kritik Vance scharf in ihre Schranken gewiesen und sich eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Europas und eine indirekte Wahlempfehlung für die AfD in Deutschland verbeten. Zugleich haben sie aber auch betont, wie zentral die zukünftige Kooperation mit den USA generell und insbesondere mit Blick auf die Ukraine ist. Sie haben alle drei aber auch deutlich gemacht, dass es aus ihrer Perspektive keine Lösung über die Köpfe der Ukraine hinweg geben darf
Überraschend war, dass sich Trumps Vize Vance nicht zur Ukraine äußerte.
Seine Rede richtete sich an die europäischen Rechtspopulisten. Sie hätte ebenso gut von Alice Weidel in Deutschland gehalten werden können. Vance erklärte, dass die größte sicherheitspolitische Bedrohung die Erosion demokratischer Werte sei. Er sprach über Meinungsfreiheit, Migration und Abtreibungsgegner, die seiner Meinung nach ungehindert vor Kliniken beten dürfen sollen. Eine rein identitätspolitische Rede, die mit dem eigentlichen Thema der Münchner Sicherheitskonferenz – Außen- und Sicherheitspolitik – wenig zu tun hatte.
Kundgebung auf dem Odensplatz in München.

In einem Bereich ist Europa laut Masala besonders verwundbar

Es ging auch um die großen Tech-Unternehmen und den Zensurvorwurf, den Elon Musk immer wieder erhebt. Wollen die Vereinigten Staaten hier mehr Druck auf Europa ausüben?
Natürlich. Das ist kein neues Phänomen, sondern hat bereits kurz nach Trumps Wiederwahl begonnen. Aus Trumps Umfeld hieß es: „Wenn ihr diese Tech-Unternehmen in Europa zensiert, dann treten wir aus der Nato aus.“ Wir erleben gerade eine Verquickung ganz unterschiedlicher Themen – von wirtschaftlichen Interessen bis hin zur Sicherheitspolitik. Und in genau diesem sicherheitspolitischen Bereich ist Europa besonders verwundbar.
Trump hat bereits angekündigt, mit Putin sprechen zu wollen. Was bedeutet das für die Ukraine?
Wenn Trump mit Putin spricht, ohne die Ukraine einzubeziehen, dann bedeutet das eine Rückkehr zur Großmachtpolitik des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Ukraine hätte in einem solchen Szenario keine andere Wahl, als das Ergebnis dieser Verhandlungen zu akzeptieren. Das wäre ein Alptraum – sowohl für die Ukraine als auch für die europäische Sicherheitsordnung. Trump kommt mit seiner Idee, nur mit Putin zu verhandeln, einer zentralen russischen Forderung weit entgegen. Putin will nicht mit der Ukraine sprechen, nicht mit den Europäern – er will direkt mit den USA verhandeln.

Masala: „Putin ist ein Meister des politischen Geschäfts und wird auf Zeit spielen“

Es gibt Zweifel, ob Trump Putin bei einem Treffen in Saudi-Arabien gewachsen sein wird. Kann man schnelle Ergebnisse erwarten?
Nein, schnelle Ergebnisse sind unwahrscheinlich. Putin ist ein Meister des politischen Geschäfts und wird auf Zeit spielen, bis er erkennt, ob er durch eine Fortsetzung des Krieges weitere Gebietsgewinne erzielen kann. Besonders, wenn die US-Waffenlieferungen an die Ukraine reduziert werden. Gleichzeitig hat sich in den letzten Tagen bestätigt: Wenn Putin Zeit gewinnt, dann arbeitet sie für ihn. Die Trump-Administration hat anfangs geglaubt, Russland unter Druck setzen zu müssen, um es an den Verhandlungstisch zu zwingen. Deshalb war die Aufregung in Moskau groß. Doch nun sieht Putin, dass Trump sich bereits auf ihn zubewegt – das bestätigt ihn in seiner Strategie.
Kann die Ukraine ihren Verteidigungskrieg ohne amerikanische Hilfe fortsetzen?
Nein – es sei denn, Europa entscheidet sich, deutlich mehr finanzielle Mittel bereitzustellen und Trumps Angebot anzunehmen, US-Waffen zu kaufen und an die Ukraine weiterzugeben. Bestimmte Waffensysteme hat Europa nicht oder nur in so geringer Stückzahl, dass sie keinen entscheidenden Beitrag leisten können. Finanziell wäre das für Europa lösbar, doch es bräuchte den politischen Willen, amerikanische Waffen in großem Stil zu erwerben. Europa muss jetzt handeln.
Militärexperte Carlo Masala.

Zur Person

Carlo Masala ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München.

Im März erscheint von ihm das Buch „Wenn Russland gewinnt“ (C.H. Beck). Davor gab es von Masala das Buch: „Weltunordnung“ (C.H. Beck). FR

Masala erklärt, was ein Scheitern der Ukraine für Europa bedeuten würde

Wie realistisch ist es, dass sich Europa militärisch neu aufstellt?
Eher unrealistisch – wir sind bereits zu spät dran. Immer wieder hört man, Europa sei bereit. Europa habe die Strukturen, Europa habe das Geld. Aber die entscheidende Frage lautet: Sind die einzelnen europäischen Staaten auch bereit? Und hier muss man ehrlich sein: Die Antwort ist derzeit Nein. Europa verharrt in einer Schockstarre und wiederholt die gleichen Erklärungen, die wir seit 25 oder 30 Jahren hören.
Was ist mit Deutschland? Kann es eine Vorreiterrolle übernehmen?
Deutschland muss vorangehen, damit andere folgen. Das war in den letzten drei Jahren immer wieder der entscheidende Punkt. Wenn Deutschland zögert, dann verstecken sich viele andere europäische Staaten hinter dieser Zurückhaltung. Wenn Deutschland jedoch entschlossen handelt, dann ziehen andere mit. Deshalb kommt es maßgeblich auf Deutschland an. Doch momentan sehe ich diese Bereitschaft nicht. Hinzu kommt, dass in wenigen Tagen Wahlen stattfinden und danach Koalitionsverhandlungen anstehen, deren Dauer ungewiss ist. Das wird den Handlungsspielraum weiter einschränken.
Was bedeutet ein Scheitern der Ukraine für Europa?
Sollte Russland in der Ukraine gewinnen, wird das Putins imperiale Bestrebungen weiter beflügeln. Seine Ambitionen würden wachsen, und er würde versuchen, seine Pläne noch entschlossener umzusetzen. Der europäische Kontinent würde erheblich unsicherer werden. Es wäre nicht auszuschließen, dass wir in drei, vier oder fünf Jahren ein Russland erleben, das die Nato gezielt auf ihre Entschlossenheit testet.

Interview: Michael Hesse

Rubriklistenbild: © dpa

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