„Eirshield“ gegen Russland: NATO rüstet sich mit neuer Technologie
VonTadhg Nagel
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NATO hat Lücken bei der Drohnenabwehr gegen Russland. Das „Eirshield“-System soll das ändern. Von der Leyen fordert schnelle Umsetzung.
Brüssel – Nachdem Russland kürzlich mehrfach in den Luftraum der NATO eingedrungen ist, will die EU rasch Gegenmaßnahmen in Stellung bringen. Die Pläne sehen vor, eine „Baltic Drone Wall” (baltische Drohnenmauer) zu errichten – mit Technik, die sich im Ukraine-Krieg bereits bewährt hat. Bislang hakt es allerdings an der konkreten Finanzierung, auch wenn die EU Milliarden in Aussicht gestellt hat.
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Die Reaktion der NATO auf die russischen Luftraumverletzungen in Polen und Rumänien hat gezeigt, dass das Verteidigungsbündnis auf teure Technologie angewiesen ist, um relativ kostengünstige Drohnen abzufangen – eine offensichtliche Schwachstelle, die Moskau weiter ausnutzen kann. „Wir haben große Lücken in unserer EU-Verteidigung. Uns fehlt die richtige Ausrüstung, um Drohnen zu erkennen, ihnen zu folgen, sie zu verfolgen und dann zu zerstören“, machte der litauische Außenminister Kestutis Budrys am Montag (22. September) gegenüber Reuters erneut auf das Problem aufmerksam.
EU plant Baltic Drone Wall: Reaktion auf russische Luftraumverletzungen mit Ukraine-Technologie
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte in ihrer Rede zur Lage der Union am 10. September ebenfalls erklärt, dass Europa „dem Aufruf“ der baltischen Staaten zum „Bau einer Drohnenabwehrwand“ nachkommen müsse. Um die Verteidigungslücke zu schließen, hat Brüssel die Hauptstädte deshalb dazu ermutigt, EU-Mittel zu nutzen und gemeinsam Systeme zu erwerben, die sich in der Ukraine bewährt haben.
Polen, Finnland, Estland, Lettland und Litauen hatten bereits im Februar die kooperative Initiative „Baltic Drone Wall” angekündigt. Laut Rene Ehasalu, dem Leiter des estnischen Verteidigungsclusters, soll diese Drohnenabwehr dazu beitragen, der veränderten Bedrohungslage entgegenzuwirken. Gleichzeitig soll sie die Fähigkeit der lokalen Industrie unter Beweis stellen. Im Zentrum des Projekts steht ein mehrschichtiges Abwehrsystem namens „Eirshield“, das von den Unternehmen DefSecIntel aus Estland und Origin Robotics aus Lettland entwickelt wurde. Wie Euronews berichtet, soll das System mithilfe von Radartechnik, Kameras und Radiofrequenzdetektoren feindliche Drohnen automatisch erkennen und bekämpfen können.
DefSecIntel preist Kostenvorteil: Eirshield kostet Zehntausende statt Millionen Euro pro Einsatz
Nach Angaben der beteiligten Unternehmen wird die Technologie bereits in der Ukraine eingesetzt und soll deutlich kostengünstiger sein als herkömmliche Luftabwehrsysteme. Agris Kipurs, Mitbegründer und CEO von Origin Robots, pries gegenüber dem Portal die Vorteile des Systems. Das System sei „vollautomatisch“ und ermögliche die Angriffe mithilfe künstlicher Intelligenz (KI), sodass „kein Fliegen erforderlich“ sei. Das was bedeute, dass alles von der Drohnenerkennung bis zum Abfangen automatisiert ablaufe. Eine Vorstellung des Systems sei für die kommenden Wochen geplant.
Auch Jaanus Tamm, Präsident und CEO des estnischen Verteidigungsunternehmens DefSecIntel, sei von Eirshield überzeugt. Während ältere Systeme pro Einsatz „einige Millionen“ Euro kosteten, beliefen sich die Kosten hier lediglich sich auf „Zehntausende“ Euro. Eirshield sei schon jetzt in der Ukraine im Einsatz und dort mit einem „Fremdwaffensystem“ ausgestattet, mit dem ukrainische Streitkräfte niedrig fliegende Drohnen wie Shahed-Drohnen abschießen können. Für einen Einsatz in NATO-Ländern müsste das System allerdings noch an Friedenszeitstandards angepasst werden. „In Friedenszeiten muss man sicher sein, dass es sich bei dem, was kommt, tatsächlich um eine feindliche Drohne handelt“, so der CEO.
Videokonferenz am Freitag geplant: Sieben EU-Staaten beraten über Baltic Drone Wall-Projekt
Trotz des politischen Rückhalts gestaltete sich die Finanzierung laut dem Bericht schwierig. Die EU-Kommission hatte im August einen Finanzierungsantrag Estlands und Litauens über 12 Millionen Euro für die Drohnenabwehrwand abgelehnt. Die beteiligten Länder finanzieren das Projekt daher aus nationalen Mitteln: Estland stellte 12 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre bereit, Lettland vergab Forschungsaufträge im Wert von 10 Millionen Euro an verschiedene Verteidigungsunternehmen. Litauen hatte bereits zuvor 11 Millionen Euro EU-Mittel für Drohnentechnologie erhalten, wovon 3 Millionen für Anti-Drohnen-Ausrüstung vorgesehen sind.
Diese Finanzierungsfragen könnten auch bei der am Freitag (26. September) geplanten Videokonferenz über den geplanten „Drohnenwall” zur Sprache kommen. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius hatte das Treffen vergangene Woche einberufen. Vertreter aus sieben EU-Staaten – Estland, Lettland, Litauen, Finnland, Polen, Rumänien und Bulgarien – sowie aus der Ukraine werden daran teilnehmen. Nur zwei Nachbarländer der Ukraine sind laut der ukrainischen Zeitung The Kyiv Independent nicht eingeladen: Ungarn und die Slowakei. Beide Länder unterhalten seit Beginn des Ukraine-Kriegs enge Beziehungen zu Russland und haben sich häufig gegen strengere Maßnahmen der EU gegen Moskau ausgesprochen. (Quellen: Defence Estonia, Euronews, Financial Times, Reuters, The Kyiv Independent) (tpn)