VonMarcus Giebelschließen
Verlässt Schottland nach dem Tod von Elizabeth II. das Vereinigte Königreich? Ein neuer Anlauf dazu wurde schon vor einigen Wochen in Gang gesetzt. Manchen im Land ginge das aber wohl noch nicht weit genug.
München – Die letzten Tage ihres ruhm- wie entbehrungsreichen Lebens verbrachte Queen Elizabeth II. in Schottland. Auf Schloss Balmoral. Ihrer Sommerresidenz im Osten des Landes. Die Schotten waren auch die ersten, die Abschied nehmen durften, von der beliebten Monarchin, die das Vereinigte Königreich in den vergangenen 70 Jahren zusammenhielt. Und sich dabei ihrer Ausnahmestellung zum Trotz durchaus neu erfand.
In Schottlands Hauptstadt Edinburgh wurde der Sarg bei einer Prozession Tausenden Trauernden entlang der Royal Mile präsentiert, es folgte ein Gedenkgottesdienst in der St.-Giles-Kathedrale, im Anschluss konnten die Bürger am aufgebahrten Sarg vorbeipilgern und der Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. Ehe „The People’s Queen“ Schottland am Dienstagabend für immer verlassen wird.
Trauer um Elizabeth II.: Diskussionen über schottischen Austritt aus Kingdom nehmen wieder zu
Die weiteren Trauerfeierlichkeiten finden in London, der Hauptstadt Englands und des Königreichs, statt. Zunächst wird der Sarg in den Buckingham-Palace gebracht, dann nach einem weiteren Trauerzug in der Westminster Hall im britischen Parlament aufgebahrt, wo Bürger wie Staatsgäste vier Tage lang Zeit haben, sich zu verabschieden. Die Beisetzung ist für kommenden Montag auf Schloss Windsor – dem Sitz der königlichen Familie – terminiert.
Spätestens dann werden wohl auch die Diskussionen in und um Schottland zunehmen. Darüber, ob nun der Zeitpunkt gekommen ist, aus dem Vereinigten Königreich auszuscheiden. Erst im Juli hatte die Regierung von Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon beim Supreme Court in London einen Antrag eingereicht, um die Pläne für ein neues Unabhängigkeitsreferendum auf Rechtmäßigkeit prüfen zu lassen. Als Termin schwebt der Regierungschefin der 19. Oktober 2023 vor. Eine Entscheidung will der Oberste Gerichtshof im Oktober fällen.
Bei einem ersten Referendum im Jahr 2014 stimmte mit 55 Prozent eine Mehrheit für den Verbleib im Kingdom. Für Verstimmung in der schottischen Bevölkerung sorgte jedoch das Votum pro Brexit zwei Jahre später, denn im eigenen Land waren 62 Prozent der abgegebenen Stimmen für einen Verbleib in der EU.
Video: Massen-Trauer um verstorbene Queen in Edinburgh
Verlässt Schottland das Vereinigte Königreich? Regierungschefin Sturgeon schwärmte von Elizabeth II.
Mehrmals wurde die Queen als Grund dafür angeführt, dass die Schotten vor der Abspaltung vom Vereinigten Königreich zurückschrecken würden. So betonte nun auch Sturgeon anlässlich des Todes von Elizabeth II., diese war „eines der Fundamente des Vereinigten Königreichs, sie hat dazu beigetragen, die Einheit zu bewahren“.
Ob das ihrem Sohn und Thronfolger, der zu Charles III. gekrönt wurde, ähnlich gelingen wird, bezweifeln viele politische Kommentatoren. In der Daily Mail warnte der Journalist Andrew Neil: „Die Union (zwischen Schottland und dem Rest des Vereinigten Königreichs) ist jetzt, da die Königin weg ist, wahrscheinlich stärker gefährdet.“ Zwar werde der neue König „Schottland genauso lieben wie die Königin“, doch ihm mangele es an der Autorität seiner Mutter.
Der schottische Journalist Alex Massie mutmaßt in einem Kommentar für die Times: „Einige Schotten werden das Ende dieser Ära als einen natürlichen Zeitpunkt für einen Neuanfang betrachten.“ Ähnlich sieht es Adam Tomkins, Verfassungsrechtler an der Universität Glasgow, der im The Herald erklärt: „Der Übergang der Krone ist ein Moment der Schwäche, vielleicht sogar der Zerbrechlichkeit.“
Schottland vor Abschied aus Vereinigtem Königreich? Regierungspartei wirbt für Unabhängigkeit
Die SNP von Sturgeon hat sich die Unabhängigkeit Schottlands auf die Fahnen geschrieben, seit 2007 gehört die Partei der Regierung an und verpasste bei der jüngsten Wahl im Mai 2021 die absolute Mehrheit im schottischen Parlament nur um eine Stimme. Entgegen einiger Befürworter des Austritts aus der Union fordert die SNP nicht unbedingt einen Bruch mit der Monarchie.
So zeigte sich nicht nur Sturgeon öffentlich tief getroffen von Elizabeths Tod und würdigte ihre „Hingabe und den außergewöhnlichen Dienst“. Partei-Gründer Alex Salmond, Sturgeons Vorgänger als First Minister, prägte sogar den Ausdruck „Königin der Schotten“ und knüpfte bereits in der Vergangenheit enge Beziehungen zu Charles.
Schottland und die Monarchie: „Wesentlich reservierter gegenüber Haus Windsor als englische Wähler“
Mit dem neuen Monarchen hätte es die Schotten wohl ohnehin schlechter treffen können. Denn der König trug zumindest bislang gerne Schottenröcke, verbrachte einen Teil seiner Jugend in einem strengen schottischen Internat und besitzt mehrere Anwesen in dem Land. Damit nicht genug: In manchen Regionalzeitungen wie der Daily Record wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, Charles‘ Engagement für den Umweltschutz könnte eine Chance für Schottland sein, sollte der Thronerbe die Entwicklung weg vom Kohlebergbau hin zu einem Vorreiter bei den erneuerbaren Energien unterstützen.
Das klingt nicht nach der schlechtesten Ausgangsposition. Dennoch betont der bereits zitierte Massie, die Schotten seien „wesentlich reservierter gegenüber dem Haus Windsor als die englischen Wähler“. Zugleich forderte der Journalist die Regierungschefin auf, ihr Land in „eine republikanische Zukunft“ zu führen.
Zuletzt hatten im Juni in einer Umfrage der Denkfabrik British Future 45 Prozent der Schotten die Monarchie unterstützt, 36 Prozent sprachen sich hingegen für eine Republik aus. Nicht auszuschließen, dass das republikanische Lager nun weiteren Zulauf gewinnen wird. (mg)

