Israel und der Libanon befinden sich offiziell noch im Kriegszustand. Nun erzielten die beiden Länder ein Abkommen, das auch Europa helfen könnte, neue Erdgas-Lieferquellen zu erschließen.
Jerusalem - Nach schwierigen Verhandlungen haben Israel und der Libanon ein Abkommen zur Grenzziehung im Mittelmeer erzielt und damit ihren Streit über Offshore-Gasfelder beigelegt. „Dieses historische Abkommen wird Israels Sicherheit stärken und Milliarden in die israelische Wirtschaft spülen“, erklärte der israelische Regierungschef Jair Lapid am Dienstag in Jerusalem. Die Vereinbarung könnte auch Europa dabei helfen, sich neue Erdgas-Lieferquellen zu erschließen und zeigt, was Diplomatie leisten kann.
Israel-Libanon-Abkommen: Auswärtiges Amt in Berlin spricht von „historischem Erfolg“
Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und dessen Folgen hat Israel zugesagt, mehr Gas nach Europa zu exportieren. Das Abkommen zwischen Israel und dem Libanon, die sich offiziell noch im Kriegszustand befinden und keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, hatten die USA vermittelt. Die Verhandlungen hatten 2020 begonnen, wurden jedoch immer wieder blockiert.
US-Präsident Joe Biden sprach nun von einem „historischen Durchbruch“. Auch das Auswärtige Amt in Berlin sprach von einem „historischen Erfolg“. „Dieser Durchbruch zeigt, was Diplomatie auch in scheinbar festgefahrenen Konflikten leisten kann“, erklärte eine Sprecherin.
Der israelische Premierminister Lapid erklärte, das israelische Sicherheitskabinett halte am Mittwoch eine Sitzung zu der Vereinbarung ab. Danach werde bei einer Sondersitzung des gesamten Kabinetts die Zustimmung der Regierung eingeholt, bevor das Abkommen dem Parlament vorgelegt werde.
Auch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah signalisiert Zustimmung zu Abkommen
Israel und der Libanon hatten Anfang Oktober ihre Zustimmung zum Entwurf des US-Gesandten Amos Hochstein für eine Vereinbarung zu den Gasfeldern signalisiert. Laut Medienberichten und Angaben aus Verhandlungskreisen wurde darin festgelegt, dass Israel die Kontrolle über das Gasfeld Karisch erhält. Israels Vorbereitungen für die dortige Gasförderung laufen bereits. Das beauftragte Energieunterunternehmen Energean kündigte am Sonntag Tests für den Anschluss seiner Bohrplattform an das israelische Festland an.
Der Libanon soll im weiter nordöstlich gelegenen Gasfeld Cana Erdgas fördern dürfen, auch wenn ein Teil des Gasfeldes jenseits einer geplanten Demarkationslinie zwischen den Hoheitsgebieten der beiden Länder liegt. Israel soll im Gegenzug einen Teil der Einnahmen vom Cana-Erdgas erhalten. Der libanesische Verhandlungsführer, Vize-Parlamentspräsident Elias Bou Saab, erklärte, es sei eine Lösung erzielt worden, „die beide Seiten zufrieden stellt.“ Der Libanon habe „seine vollen Rechte erhalten, und all seine Anmerkungen wurden berücksichtigt“.
Am Abend signalisierte auch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah seine Zustimmung. „Wenn der Präsident verkündet, dass der Libanon das Abkommen offiziell unterstützt, dann sind die Dinge für uns geregelt“, sagte er in einer Ansprache. Der Gasreichtum sei für den Libanon die „einzige Tür“ zum Wohlstand.
Gasvorkommen im Mittelmeer sind von großem wirtschaftlichem Interesse für den Libanon
Auch der Libanon hat ein großes Interesse an der Ausbeutung der Gasvorkommen im Mittelmeer. Das Land leidet seit 2019 unter der schlimmsten Wirtschaftskrise in seiner Geschichte. Die Landeswährung hat drastisch an Wert verloren, Armut und Arbeitslosigkeit nahmen zuletzt stark zu.
Bis zum Förderstart im Cana-Gasfeld sind aber noch umfangreiche Vorbereitungen notwendig. Mit der Gasförderung beauftragt ist der französische Energiekonzern Total. Laut Saab soll Total und nicht der Libanon die Ausgleichszahlungen an Israel leisten. Die Einigung auf das Grenzabkommen erfolgte knapp drei Wochen vor dem Ende der Amtszeit des libanesischen Präsidenten Aoun am 31. Oktober. Einen Tag später wird auch in Israel ein neues Parlament gewählt - zum fünften Mal binnen dreieinhalb Jahren.
Dabei könnten Ex-Regierungschef Benjamin Netanjahu und mit ihm verbündete ultra-orthodoxe und rechte Parteien an die Macht zurückkehren. Netanjahu hatte Lapid vergangene Woche vorgeworfen, mit der geplanten Vereinbarung vor dem Libanon zu „kapitulieren“. (AFP)