„Das ist Gift für den Ausbau“

Ein Unternehmer klagt an: Darum scheitert die Energiewende in Deutschland

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Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) will den Ausbau Erneuerbarer Energien voranbringen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke.
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    Andreas Schmid
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Die Ampel will die Erneuerbaren voranbringen, scheitert aber an der Realität. Zu hohe Kosten, stockender Netzausbau. Ein Unternehmer gibt Einblick, was Habeck & Co. falsch machen.

Berlin/München – Amir Roughani ist Grünen-Mitglied und Unternehmer. Mit der Münchner Vispiron Group – einem Unternehmen, das sich vor allem auf Solar konzentriert – ist er seit mehr als 15 Jahren im Bereich der erneuerbaren Energien tätig. Als die Bundesregierung 2021 den Koalitionsvertrag vorgestellt hat, freute sich Roughani. Der Begriff „Klima“ kommt in unterschiedlichsten Ausprägungen fast 200-mal im Koalitionsvertrag vor, „erneuerbare“ 40-mal (zum Vergleich: 2017 waren es 74 beziehungsweise 19). Mit der selbst ernannten „Fortschrittskoalition“ sollte die Energiewende vorangetrieben werden. Eineinhalb Jahre nach der Bundestagswahl ist die Euphorie jedoch verflogen: „Unserer Branche wird aktuell das Leben schwer gemacht“, sagt Roughani der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.

Dass die Lage ernst ist, ließ sich am Mittwoch dieser Woche beobachten. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte zum „Windgipfel“ geladen. Stundenlang verhandelte der Politiker mit Branchenvertretern über den schnelleren Ausbau der Windenergie. Noch hakt es. Dabei war der Ausbau der Erneuerbaren das zentrale Energiewende-Projekt der Ampel. Bis 2030 sollen 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland aus erneuerbaren Quellen – also Wind, Sonne, Biomasse, Wasser – kommen. Ein ambitioniertes Ziel. Wind- und Solarenergie müssten dreimal schneller ausgebaut werden als bisher. Die Realität: eher trist. Im vergangenen Jahr lag der Anteil an Öko-Energie bei gerade mal 46 Prozent – zu wenig für ein Land, das weltweit Vorreiter beim Klimaschutz sein will. Was läuft hier schief?

Energiewende: Die Baukosten explodieren – doch es gäbe eine Lösung

Wer mit Amir Roughani, dem Energie-Unternehmer aus Bayern spricht, erfährt schnell, wo die Probleme liegen. Zentral, sagt er, sei der Kostenfaktor. So seien die Baukosten von erneuerbaren Energien um 30 Prozent und die Zinsen zur Finanzierung der Projekte um 300 bis 400 Prozent angestiegen – eine Folge der hohen Inflation, die die Zentralbank versucht, mit höheren Zinsen zu bekämpfen. Die Folge: Kredite werden teurer. „Das ist Gift für den Ausbau erneuerbarer Energien“, sagt Roughani. Das durch Ukraine-Krieg und Inflation – die beiden Treiber der Teuerung – begünstigte Problem könne gelöst werden. „Die Politik kann hier helfen, die Zinsen über die KfW günstiger zu machen, um die Erneuerbaren zu fördern“, sagt Roughani. „Aber es passiert da gerade nichts.“

Eine weitere Hürde: der stockende Netzausbau. „Der Bund und vor allem die bayerische Staatsregierung haben hier nichts gemacht“, sagt Roughani und kritisiert damit auch die Vorgängerregierungen im Bund. Die Folge: „Die Netze nehmen häufig keine weiteren Kapazitäten auf, wir haben keinen Netzausbau.“ Die Netzbetreiber hätten aktuell zehn Jahre Bauzeit für neue Netze. Unternehmen müssten damit selbst Umspannwerke bauen, um ihre Anlagen anschließen zu können. „Das Geld dafür zahlen wir selbst.“ Überrascht hat Roughani auch die Abschöpfung, die fossile Energieunternehmen gegenüber den Erneuerbaren bevorzuge

Energieunternehmer Amir Roughani. Sein Unternehmen hat sich vor allem auf Solarenergie spezialisiert.

Ausbau der Erneuerbaren: Der Druck auf Wirtschaftsminster Habeck wächst

Es sind Punkte, die Wirtschaftsminister Robert Habeck am Mittwoch auch gehört haben dürfte. Die Erwartungen an den Grünen-Politiker sind hoch. Der Bundesverband Windenergie (BWE) hat bereits im Vorfeld des Gipfels Druck gemacht und einen Forderungskatalog präsentiert. Noch immer dauert das Genehmigungsverfahren für eine Anlage an Land zwei Jahre – vor allem, weil Flächen nicht schnell genug zur Verfügung stehen. Bund und Länder rangeln um Kompetenzen. Und: Es gibt ein eklatantes Nord-Süd-Gefälle beim Ausbau der Windkraft. Probleme, wohin man auch schaut.

Aus Sicht der Opposition ist die Regierung gefordert. Zu lange habe man zugeschaut. „Überall müssen Anreize gesetzt, Verfahren beschleunigt und Hürden konsequent abgebaut werden“, sagt CDU-Klimaexperte Andreas Jung der Frankfurter Rundschau. Am Geld jedenfalls dürfe die Energiewende nicht scheitern. „Damit der Erneuerbaren-Ausbau zum Erfolg wird, braucht es ein umfassendes Förderkonzept mit leicht zugänglichen KfW-Krediten, besserer Steuerförderung und direkten Zuschüssen“, sagt Jung unserer Redaktion.

Nun ist es an Robert Habeck zu beweisen, dass die Ampel – bei allem Streit – gewillt und in der Lage ist, die Energiewende zu managen. Am Mittwoch jedenfalls zeigte sich der Minister nach dem Gipfel mit Branchenvertretern optimistisch – ohne dabei aber richtig konkret zu werden. „Wir haben die großen Brocken auf dem Weg zu einem beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien weggeräumt. Kleine Felsteine liegen noch auf dem Weg“, so Habeck. Damit dürften die Genehmigungsverfahren für Windräder gemeint sein, bei denen auch Länder und Kommunen ein Wort mitzureden haben – willkommen im deutschen Föderalismus.

Ginge es nach Amir Roughani, dem Unternehmer aus München, wäre schon viel gewonnen, wenn die Politik sich fokussiere, auf Klasse satt Masse zu setzen. Der Koalitionsvertrag beinhalte zwar „tolle Ziele“, aber „sie sind nicht erreichbar“. Dem Ministerium seines Parteifreundes Robert Habeck attestiert Roughani „handwerkliche Fehler“ und meint: „Viel hilft nicht viel.“ Wenn Roughani Wünsche freihätte, dann: „Lieber weniger Gesetze, dafür durchdachte Gesetze, weniger Vollkaskopolitik und Überregulierung, mit der die Energietransformation ausgebremst wird.“

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