Entwicklungs-Wettlauf

Engel des Todes: Drohnen im Ukraine-Krieg

Aus purer Not forciert die Ukraine die Drohnenentwicklung: Die Technik kann kriegsentscheidend sein. Ein Start-up stellt die Fluggeräte her.

Eine Idylle irgendwo am Rande Kiews. Dichter Wald erstreckt sich am Horizont, davor sattgrüne Wiesen. In der Ferne summt der Verkehr der nahen Stadtautobahn. In der Luft sirrt es. Eine Drohne ist im Anflug. Knapp über Kopfhöhe, dann steigt sie rasant nach oben, eine Rolle in der Luft. Kurzer Sturzflug, die Drohne steht für Sekunden in der Luft.

Schließlich Punktlandung vor einem schwarzen VW-Bus, an dem ein mächtiges Banner befestigt ist. „VYRIY drone workshop“ steht in weißen Lettern auf schwarzem Grund, darüber schwebt aufgedruckt eine stilisierte Drohne. Die echte Drohne wirbelt noch ein wenig Staub und trockenes Erdreich auf, bevor die vier Rotoren zum Stillstand kommen.

Der fliegende Tod: Drohnen im Ukraine-Krieg – und ein Entwicklungs-Wettlauf in der Luft

Dmytro Babenko scheint zufrieden. Heute ist internationale Presse da. Er will zeigen, was seine Drohnen leisten. Ein finnischer Fotograf und der deutsche Autor dieses Textes halten Kameras bereit. Dann ist da noch eine Handvoll Interessenten, die sich nicht vorstellen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Der 26-jährige Babenko ist Unternehmer. Es ist ein windiger Tag. Eine Böe fährt durch das dunkle Haar des jungen Manns, dessen Tolle ein wenig an Elvis erinnert. Aber hier ist kein Pop, kein Schmalz; es geht hier um den fliegenden Tod. Um Drohnen und einen unbarmherzigen Entwicklungs-Wettlauf in der Luft, der mit kriegsentscheidend sein kann.

2022, zu Beginn der russischen Vollinvasion, half Babenko, Menschen aus den beiden Kiewer Vororten Irpin und Butscha zu retten, in denen in der kurzen Besatzungszeit über 500 Menschen von russischen Soldaten massakriert wurden. Insgesamt 1400 Menschen wurden in der Region Kiew ermordet. Die Brutalität traf Babenko bis ins Mark, der Schock wirkt bei ihm bis heute nach.

Einschläge russischer Drohnen in einem Kiewer Wohnblock.

„Ich wollte etwas tun, um unser Land zu verteidigen“, sagt der Jungunternehmer, der sich gerade nach seinem BWL-Studium und Corona mit einem Nachhilfestudium selbstständig gemacht hatte.

Drohnen im Ukraine-Krieg: Wunderwerk Glasfaser

Schnell brachte der Krieg eine neue Waffe ins Spiel: Drohnen. „Start-ups, die recht primitive Drohnen anboten, schossen damals wie Pilze aus dem Boden“, erinnert sich der 26-Jährige. Er gründete mit seinem Bruder eine eigene Drohnenproduktion, eine von vielen. Der Markt und der Krieg sind unbarmherzig. „Die meisten sind heute nicht mehr existent. Geblieben sind diejenigen, die innovativ und leistungsstark sind“, erklärt er.

Dann nimmt er eine der ausgestellten Drohnen mit angeflanschtem olivgrünen Kunststoffcontainer in die Hände. „Darin ist ein extrem dünnes Glasfaser-Kabel aufgerollt: die Verbindung zum Piloten“, erklärt der Jungunternehmer.

An der Pokrowsk-Front: Eingestürzte Häuser und ausgebrannte Wracks: Drohnentreffer

Ortswechsel, Frontstadt Pokrowsk im Osten der Ukraine. Mit vollem Tempo und heulendem Motor fährt ein Wagen der ukrainischen Armee durch eine menschenleere Stadt. Wohnblocks, bei denen Explosionen ganze Stockwerke zum Einsturz gebracht haben, ziehen an den Fenstern vorbei. Wracks ausgebrannter Wagen. Drohnentreffer. Auf dem Dach des Geländewagens sind die Antennen von Störsendern aufgeschraubt. „Nur, sie helfen nicht, wenn Kamikaze-Drohnen über Glasfiberkabel statt Radiowellen gesteuert werden“, erklärt Soldat Dimitri.

Der 33-Jährige kämpft als Drohnen-Pilot, gerade ist seine Schicht zu Ende. Der Wagen bringt sein Team nun wieder in sicheres Gebiet. Ein Keller in einem verlassenen Wohnblock ist die Kommandozentrale in Pokrowsk. Vor dem Block lassen Dmitri und seine Kameraden mehrmals in der Nacht eine große Transport-Drohne in die Dunkelheit steigen, die Munition und Lebensmittel zur Infanterie in der ersten Linie bringt. Oder Granaten auf die Angreifer abwirft.

„Keine Chance, über die Straße die Kameraden zu versorgen. Unsere Transporter werden dann von russischen Kamikaze-Drohnen gejagt“, erklärt er. Dann Stille, denn auch jetzt könnte jeden Augenblick eine Drohne einschlagen.

Ukrainische Flugabwehr im Kampf.

Daran erinnern nicht nur die Autowracks. Ab und an gleißen im Licht der untergehenden Sonne Schnüre in Grünflächen, am Straßenrand oder in Bäumen: die Glasfaserkabel von abgeschossenen Drohnen. Mittlerweile tauchen in den sozialen Netzwerken schon Fotos auf, die zeigen, wie Vögel die Kabel zum Nestbau verwenden. Krieg ist eben bizarr.

Zurück zum Drohnen-Pionier Babenko: „Leider muss man es so sagen, bei kabelgesteuerten Drohnen sind uns die Russen noch einen Schritt voraus. Wir arbeiten daran, die Reichweite zu vergrößern. Aber das bedeutet mehr Kabel, daraus folgt mehr Gewicht. Das erfordert stärkere Rotoren, eine größere Drohne, leistungsfähigere Batterien etc.“, erklärt er.

Russlands Vorsprung bei kabelgesteuerten Drohnen: Hilfe von der KI

Die Entwickler setzten daher vermehrt auf Künstliche Intelligenz. KI soll mal Drohnen effizienter und weniger störanfällig machen. „KI kann zum Beispiel die Steuerung übernehmen, wenn die Verbindung zum Piloten abbricht. Oder für mehr Zielgenauigkeit auf den letzten Metern sorgen“, erklärt Babenko. „KI-Drohnen in Verbindung zum Beispiel mit Quantencomputing, das wird viel verändern. Die Entwicklung nimmt immer mehr an Fahrt auf“, berichtet er.

Innovation ist der Schlüssel. In der Ukraine ist längst eine potente eigene Rüstungsindustrie entstanden. Sie ist überlebenswichtig, um dem Aggressor zu widerstehen. Babenko nutzt zur Herstellung verschiedener Teile der Drohnen den 3D-Drucker. Generell gilt es, möglichst autark bei der Produktion zu sein. Soweit wie möglich Teile aus ukrainischer Produktion zu verwenden. „Diese Drohne besteht fast ausschließlich aus ukrainischen Teilen“, erklärt der Jungunternehmer stolz und hebt eine Kamikaze-Drohne hoch.

Unterstützung aus Deutschland: Finanzierung von Deep-Strike-Drohnen „Made in Ukraine“

Die Nachfrage ist groß: 66 Prozent der erfolgreichen ukrainischen Angriffe auf russische Militärtechnik entfielen zu Beginn des Jahres auf Drohneneinsätze, macht der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj die Bedeutung der Waffe klar. Nach eigenen Angaben hat der ukrainische Staat 96 Prozent seiner Drohnen bei heimischen Produzenten gekauft, Unternehmen wie dem von Babenko.

Im Angebot ist ein umfangreiches Spektrum, das primitive Einweg-Flieger über Aufklärungs- bis hin zu Kamikazedrohnen mit Hunderten Kilometern Reichweite abdeckt. Dazu kommen Unterwasserdrohnen und die fortschreitende Entwicklung von Robotersystemen.

Drohnen-Pilotage in Pokrowsks Trümmern.

Die ukrainische Regierung wirbt um ausländische Investoren, die vor Ort produzieren lassen. Rheinmetall baut eine Munitionsfabrik. Quantum System, ein Unternehmen aus Bayern, ist in der Ukraine in die Drohnenpoduktion eingestiegen. Der französische Automobilhersteller Renault könnte bald nachziehen.

Das aktuelle militärische Unterstützungspaket Deutschlands für die Ukraine hat einen Wert von rund fünf Milliarden Euro und kommt mit einem Novum: Mit der Finanzierung von sogenannten Deep-Strike-Drohnen „Made in Ukraine“ wird die Produktion einer Waffengattung gefördert, deren Operationsradius tief ins russische Territorium reicht.

Weiter investiert Deutschland erstmals direkt in die Rüstungsproduktion der Ukraine. Eine Vereinbarung wurde Ende Mai zwischen den deutschen und ukrainischen Verteidigungsministerien geschlossen.

Im Gespräch könnten die Deep-Strike-Drohnen des Typ BARS oder AN-196 „Liutyi“ sein. In einem Interview mit BBC Ukraine nannte der Minister für strategische Industrien, Herman Smetanin, eine Reichweite von 700 bis 800 Kilometern für das als „Raketendrohne“ bezeichnete BARS-System.

Russischer Vorsprung: „Geran-2“ mit Jet-Antrieb

Derweil fährt Russland seine „Geran-2“-Produktion hoch. Die Langsteckendrohne basiert auf dem iranischen „Shahed“-Modell. Jedoch führt sie eine größere Sprengladung mit sich. Mittlerweile werden Gerans mit Jet-Antrieb produziert. Der „Vorteil“ zum bisherigen Propeller-Antrieb: Sie sind dann zu schnell, fliegen zu hoch, um von der ukrainischen Flugabwehr „kostengünstig“ mit dem Maschinengewehr abgeschossen zu werden. Die Gerans haben ihr Ziel fest einprogrammiert. Jedoch sind modifizierte Varianten mit einem Lichterkennungssystem ausgestattet. Werden die Drohnen bei den nächtlichen Angriffen vom Lichtkegel der Scheinwerfer der Flugabwehr erfasst, folgt ein Ausweichmanöver.

„Fast jede Nacht müssen wir derzeit Angriffe mit ,Shaheds’ und Raketen auf Kiew und viele andere ukrainische Städte abwehren“, erinnert Babenko an die Angriffswellen aus der Luft, mit der Russland seit Wochen die Menschen der Ukraine terrorisiert. In Kiew und anderswo sterben bei vielen der Angriffe Menschen, Gebäude brennen.

Ukrainischer Drohnen-Treffer in Russland: Ein Mutmacher für die geplagte Bevölkerung

Der jüngste ukrainische Coup, bei dem Hunderte Drohnen zahlreiche Bomber tief im russischen Hinterland zerstörten und schwerst beschädigten, ist ein Mutmacher für die geplagte Bevölkerung. Die Drohnen wurden mit LKW zu ihren Zielorten geschmuggelt. Jetzt schickt Putin noch mehr Raketen und Drohnen auf zivile Ziele in der Ukraine. Es sind laute Nächte, die Babenko derzeit in der Heimatstadt erlebt.

Für Babenko zeigt der Erfolg der Drohnen in Russland erneut, wie wichtig die Technik ist. Es wird geschätzt, dass die Ukraine 2025 bis zu 1,5 Millionen Kamikaze-Drohnen produzieren wird. Der Preis für eine ordentliche Funk-Drohne liegt bei 500 Euro, eine Glasfaser-Drohne kostet das Doppelte.

„Das Ausmaß der Zerstörung, die sie anrichten können, ist um ein Zigfaches höher als ihre Herstellungskosten. Eine Kamikaze-Drohne kann einen „Grad“-Werfer zerstören, der unsere Häuser in Asche legt. Oder einen Bomber, der auf unsere Kinder Gleitbomben wirft. Baue ich gute Drohnen, schütze ich das Leben unserer Soldaten. Viele meiner Freunde kämpfen. Das bedeutet Verantwortung für mich. Der Krieg hat mir eine Aufgabe gegeben.“

Rubriklistenbild: ©  Till Mayer

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