Genehmigung trotz Bauverstößen

Kritik an Erdogans „Baufrieden“ nach Erdbeben in der Türkei

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Mit einem „Baufrieden“ wurden in der Türkei offenbar fehlerhafte Bauten nachträglich genehmigt. Opposition und Experten fordern jetzt Konsequenzen.

Ankara - Auch nach einer Woche bleibt das Ausmaß der Erdbeben-Katastrophe in der Türkei unklar. Und immer mehr häufen sich Hinweise, dass bei vielen Bauten Mängel zum Einsturz geführt haben. Viele Bauten in der Katastrophenregion hätten offenbar erst gar nicht genehmigt werden dürfen.

Mit einem sogenannten „Baufrieden“ hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan 2019 eine Amnestie für fehlerhafte Bauten erwirkt. „Wir haben mit dem Baufrieden die Probleme von 144.556 Bürgern in Kahramanmaras gelöst. in Hatay von 205.000 Bürgern“, so Erdogan in seinen Wahlkampfreden von 2019. Auch in anderen Provinzen hatte es diesen Baufrieden gegeben.

„Viele Gebäude wurden so gebaut, dass sie klar gegen das Baurecht verstoßen. Gerade in einem Gebiet, dass hochgradig erdbebengefährdet ist, ist das sehr gefährlich. Das Erdbeben hat gezeigt, wie tödlich dieser Baufrieden war“, sagt Kemal Karanfil, ehemaliger Richter am türkischen Kassationshof (Yargıtay), im Gespräch mit Fr.de von IPPEN.Media. Erdogan müsse deswegen vor Gericht gestellt werden. „Er könnte sich durch seinen Baufrieden am Tod dieser Menschen mitschuldig gemacht haben“, so Karanfil. Bis Montag (13. Februar) wurden über 35.000 Tote gemeldet, die Vereinten Nationen rechnen damit, dass sich diese Zahl noch verdoppeln könnte.

Grund für viele Opfer bei Erdbeben in der Türkei bauliche Mängel

Auch aus der Opposition kommt Kritik an der AKP-Regierung von Präsident Erdogan. „Es werden illegale Bauten errichtet. Diese Bauherren sagen der Regierung, sie sollen einen Baufrieden erlassen, wenn sie Stimmen bekommen wollen. Und die Regierung erlässt dann einen Baufrieden“, sagt der Abgeordnete der pro-kurdischen HDP.

Hatay nach dem Erdbeben: Hätte es ohne den „Baufrieden“ von 2019 weniger Opfer gegeben?

Auch die Deutschlandvertreterin der HDP, Leyla Imret, bestätigt im Gespräch mit unserer Redaktion, zu welcher Katastrophe diese Amnestie für fehlerhafte Bauten in der Türkei geführt habe. „In den Katastrophengebieten sieht man, wie Bauten in sich zusammengefallen sind und nebenan stehen Bauten, die nur wenig Schade mit sich getragen haben. Wer sich also an das Baurecht gehalten hat, der hat Leben gerettet“, so Imret. Auch sie fordert, dass verantwortliche Bauherren und vor allem staatliche Prüfer sich deswegen vor Gericht verantworten müssen. Schließlich seien Menschenleben riskiert worden.

Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Bilder zeigen Ausmaß der Zerstörung

Erdbeben erschüttern Türkei und Syrien
Zivilschutzmitarbeiter und Anwohner durchsuchen die Trümmer eingestürzter Gebäude nach Überlebenden. © Ghaith Alsayed/AP/dpa
Erdbeben
Die Moschee in Malatya (Türkei) wurde durch das Erdbeben zerstört. © Uncredited/DIA Images/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Frauen weinen, während sie zusehen, wie die Rettungskräfte in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana nach Menschen suchen. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbeben
Menschen und Rettungskräfte bergen eine Person auf einer Bahre aus einem eingestürzten Gebäude in Adana. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Rettungskräfte suchen nach Menschen in den Überresten der zerstörten Häuser. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien
Ein Mann sucht nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Bild der Verwüstung: Eingestürzte Gebäude in Aleppo in Syrien. © -/SANA/dpa
Erdbeben
Die Zahl der Opfer des Erdbebens steigt am Dienstagmorgen auf fast 5000. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Zivilisten und Mitglieder des syrischen Zivilschutzes bergen in Harem in der Region Idlib ein Erdbebenopfer. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe
Dichter schwarzer Rauch steigt auf aus brennenden Containern im Hafen von Iskenderun in der Türkei. © Serdar Ozsoy/Depo Photos/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Gaziantep
Rettungskräfte suchen nach Überlebenden in den Trümmern von Gebäuden in Gaziantep. © Muhammad Ata/IMAGESLIVE/ZUMA/dpa
Erdbebenkatastrophe
Notfallteams suchen nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana. © Hussein Malla/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Idlib
Idlib in Syrien: Mit allen Mitteln versuchen Rettungskräfte die unter den Trümmern eingeschlossenen Menschen zu retten. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe - Adana
Zwei Männer tragen eine Leiche aus einem zerstörten Gebäude. © Hussein Malla/AP/dpa

Erdbeben in der Türkei machte Wohnungen zu Särgen

Ähnlich sieht es auch die Oppositionspartei CHP. „Die Wohnungen der Menschen wurden zu ihren Särgen“, sagte der CHP-Voristzende Kemal Kilicdaroglu bei seinem Besuch im Katastrophengebiet am Sonntag. Die Regierung habe nicht nur die Wohnungen zu Särgen gemacht, sondern auch noch Geld damit verdient. Gemeint sind nicht nur Stimmen, sondern auch Schmiergeldzahlungen für Baugenehmigungen.

Unterdessen kursiert ein Werbevideo des Städteentwicklungsministerius in den sozialen Medien. Darin wird der Baufrieden als die gnädige Hand bezeichnet, die dem Volk gereicht würde. Es genüge, das Formular im Internet auszufüllen, wird dort empfohlen.

In einem Video empört sich der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu über die fehlerhaften Bauten und das Werbevideo zum Baufrieden. „Die eingestürzten Gebäude hätten nicht gebaut werden dürfen und nicht genehmigt werden dürfen“, so Imamoglu. „Dann wären wir heute nicht in dieser Situation. Unsere Schmerzen wären dadurch viel geringer“, so der Bürgermeister in dem Video. (Erkan Pehlivan)

Rubriklistenbild: © Umit Turhan Coskun/IMAGO

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