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Eine UN-Umfrage zeigt weltweit Zustimmung zu und Forderungen nach mehr Klimaschutz.
Trotz zahlreicher Krisen sorgen sich die Menschen um den Klimawandel und sehen die Politik in der Pflicht: In einer global angelegten Umfrage der Vereinten Nationen fordern rund 80 Prozent der Teilnehmenden ihre Regierungen auf, mehr gegen die Erderwärmung zu unternehmen. Und circa 86 Prozent der Befragten wünschen sich, dass ihre Länder geopolitische Differenzen beiseite stellen und beim Klimawandel zusammenarbeiten, teilte das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) am Donnerstag in New York mit.
Das Ausmaß der Zustimmung sei angesichts der weltweiten Zunahme von Konflikten und des wachsenden Nationalismus bemerkenswert. Den meisten Menschen sei klar, dass keines der Länder die Krise im Alleingang bewältigen könne, betont UNDP-Leiter Achim Steiner. Für den ranghöchsten Diplomaten der Vereinten Nationen zeigen die Umfrageergebnisse, die in ihrer Reichweite beispiellos seien, einen Konsens, der „wirklich erstaunlich ist“.
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Die Meinung der Menschen sei „laut und deutlich“ zu vernehmen, so Steiner. Die Bürger:innen der Welt wollten, dass Regierungen und Kommunen ebenso wie die Wirtschaft „jetzt handeln und mutige Maßnahmen gegen die Klimakrise ergreifen“, heißt es weiter.
In den ärmsten Ländern der Welt ist die Forderung nach stärkerem Engagement gegen die Klimakrise besonders stark. 89 Prozent der Befragten unterstützen sie dort. Aber auch in den reichen Ländern der G20 erwarten 76 Prozent der Befragten mehr Vorkehrungen von ihren Regierungen. Auch in China (73 Prozent) und den USA (66 Prozent) – den größten Treibhausgasemittenten der Welt – sprach sich eine Mehrheit der Befragten für mehr Klimaschutz aus. Insgesamt befürworten das die Befragten in den 20 Ländern mit den weltweit größten Treibhausgasemissionen. Niemand habe von der Umfrage ein so klares Signal erwartet, sagt Steiner.
Zudem fordern die Befragten in 62 der 77 einbezogenen Länder einen schnelleren Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien. Dazu gehören China (80 Prozent) und die Vereinigten Staaten (54 Prozent). In Russland stimmen dieser Aussage 16 Prozent der Menschen zu.
Weltweit nimmt außerdem die Sorge über die globale Erwärmung zu: So gaben 56 Prozent der Befragten an, mindestens einmal pro Woche über den Klimawandel nachzudenken. Am größten sind die Befürchtungen über die Auswirkungen der Klimakrise auf den Fidschi-Inseln, in Afghanistan und der Türkei. Mit 69 Prozent geben mehr als zwei Drittel der Befragten an, dass die globale Erwärmung Einfluss auf ihre Lebensentscheidungen und Fragen etwa zu ihrem Wohnort, ihrem Arbeitsplatz und ihrem Konsum habe.
Trockenheit, Überschwemmungen und Extremwetter betreffen inzwischen Millionen von Personen. Klimawandel sei kein Zukunftsphänomen mehr, sondern Menschen erlebten ihn selbst tagtäglich, zeigt die Umfrage. Die UN fordern deshalb Staats- und Regierungschef:innen auf, die Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen und zu handeln.
Für die UNDP-Direktorin für Klimafragen, Cassie Flynn, sind die Resultate ein „unstrittiger Beweis dafür, dass die Menschen überall mutige Klimaschutzschritte unterstützen“. Diese Einstellung schlage sich jedoch nicht unbedingt in Wahl- und Konsumentscheidungen nieder, nuancierte Achim Steiner. „Ich würde mehr tun. Aber die anderen tun es nicht. Also werde ich auch nichts tun“, veranschaulicht der Deutsch-Brasilianer die Haltung vieler Menschen.
Die Studie „Peoples’ Climate Vote 2024“ ist den UN zufolge die bislang größte weltweite Meinungsumfrage zu dem Thema. Sie erfolgte in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford und dem Meinungsforschungsinstitut Geopoll. Mehr als 75 000 Menschen in 77 Ländern wurden 15 Fragen gestellt. In den erfassten Ländern leben demnach 87 Prozent der Weltbevölkerung.
Cassie Flynn hält auch für bemerkenswert, dass in den fünf großen Ausstoß-Staaten Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland und USA die Zustimmung von Frauen zu strikteren Verpflichtungen ihrer Länder um 10 bis 17 Prozentpunkte höher ist als unter Männern. Am größten sei diese Diskrepanz in Deutschland, wo sie 17 Prozentpunkte beträgt (75 gegenüber 58 Prozent).
Studien zeigen auch: Frauen handeln klimabewusster als Männer und sind aktive Mitwirkende an Schritten zu mehr Klimaschutz. Sie leben oft auch aus Überzeugung nachhaltiger. In Industrieländern fahren Frauen weniger Auto, essen deutlich weniger Fleisch und kaufen eher Bio-Lebensmittel. Aber auch weltweit sind Frauen eine treibende Kraft dabei, die Klimakrise einzudämmen zu versuchen.
Zugleich leiden Frauen aber stärker unter dem Klimawandel und Umweltverschmutzung. In Ländern des globalen Südens sind sie Folgen der Klimakrise oft schutzlos ausgeliefert. Frauen und Mädchen sterben bei Naturkatastrophen mit 14-mal höherer Wahrscheinlichkeit als Männer, heißt es in einem Bericht des Frauenwerks der Unterorganisation der Vereinten Nationen für Gleichstellung und Frauenförderung, UN Women.
Sie können seltener schwimmen, Warnungen erreichen sie zu spät, weil sie sich zu Hause aufhalten, sie kümmern sich um Angehörige und schaffen es selbst nicht, rechtzeitig zu fliehen. Einer Untersuchung der Hilfsorganisation Oxfam zufolge waren beim Tsunami 2004 in Asien 70 Prozent der Todesopfer Frauen.
Laut UN Women sind zudem bis zu 80 Prozent der 21,5 Millionen Menschen, die aufgrund von klimabedingten Katastrophen aus ihrer Heimat fliehen müssen, Frauen: „Bei Dürre, Wassermangel oder Waldsterben müssen Frauen und Mädchen noch längere Strecken zurücklegen, um Wasser oder Brennholz zu holen. Diese Mehrarbeit geht häufig mit erhöhtem Risiko für sexualisierte und körperliche Gewalt einher“, heißt es. Und weiter: „In Ostafrika müssen Frauen oft mehr als zehn Kilometer auf der Suche nach Wasser laufen.“ mit afp/epd