VonAlexander Eser-Rupertischließen
Die Welt blickt gebannt in die Ukraine. Während der türkische Präsident Erdogan den Bosporus für Kriegsschiffe schließt, bombardiert die Türkei Kurdengebiete.
Ankara – Im Ukraine-Krieg ist kein Ende in Sicht, die Angriffe des russischen Militärs dauern fort. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ergreift jetzt die Initiative und sperrt die Zufahrt durch den Bosporus für Kriegsschiffe. Während einige dies als friedenspolitischen Schachzug verstehen möchten, agiert die Türkei in anderen Regionen alles andere als gewaltfrei – und bombardiert einmal mehr die Kurden.
Die Türkei und der Ukraine-Krieg: Präsident Erdogan sperrt den Bosporus für russische Kriegsschiffe
Im Ukraine-Krieg hat die Türkei um Präsident Recep Tayyip Erdogan die Durchfahrt von Kriegsschiffen durch die Meerengen der Dardanellen sowie den Bosporus untersagt. Wichtig ist das vor allem, weil die Meerengen das Schwarze Meer mit dem Marmarameer und der Ägäis verbinden, für Russland ist das strategisch ein Problem. Erdogan, den auch der Sänger Tarkan in einem Lied kürzlich offensichtlich indirekt kritisierte, hatte die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland und Wladimir Putin in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut. Die Türkei erwarb in diesem Zuge auch ein russisches Flugabwehrraketensystem – zum Ärger der NATO.
Der türkische Präsident Erdogan hatte sich zuletzt gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine ausgesprochen und bekundet „Wir lehnen Russlands Militäreinsatz ab“, wie unter anderem die Tagesschau berichtete. Er ergänzte, der russische Angriff auf die Ukraine sei ein „schwerer Schlag für Frieden und die Stabilität in der Region“. Mit Frieden und Stabilität sieht es der türkische Regierungschef in anderen Regionen hingegen deutlich weniger eng.
Während der Ukraine-Krieg fortdauert, bombardiert die Türkei um Präsident Erdogan kurdische Gebiete in Syrien
In den letzten Tagen griff die Türkei wiederholt kurdische Gebiete in Syrien an, das berichtet das kurdische Medienportal ANF. Seit Sonntagmorgen bombardiert die türkische Armee gemeinsam mit islamistischen Milizen mehrere Dörfer in Nordsyrien, genauer die Dörfer Til Şenan, Um El-Xêr und Deşîşe. Etwas weiter westlich gab es darüber hinaus einen Drohnenangriff der Türkei. Bereits letzten Donnerstag gab es zudem Berichte über einen Drohnenangriff auf einen Kleinbus in der Nähe von Amûdê, der jedoch keine Todesopfer forderte. Es besteht die Sorge, dass sich die fortlaufenden Angriffe im Zuge des Ukraine-Kriegs verschärfen könnten.
Im Windschatten des Ukraine-Kriegs geht Präsident Erdogan gegen die kurdischen Gebiete in Syrien vor. Es sind nicht die ersten Berichte über Angriffe auf von Kurden verwaltete Gebiete in Nord- und Ostsyrien. Die Angriffe, die mit dem Einmarsch in Afrin 2018 begannen, erfolgen seitens türkischer Streitkräfte und verbündeten, oftmals islamistischen, Milizen. Das türkische Vorgehen in Afrin war seinerzeit von vielen Beobachter als völkerrechtswidrig eingestuft worden. Die NATO rief die Türkei und ihr Militär damals zu „mäßigem Verhalten“ auf, wie der Berliner Kurier berichtet. Verändert hat sich seither kaum etwas, ein glaubhafter Friedensstifter ist die türkische Regierungschef keineswegs.
Türkei: Präsident Erdogan steht unter Druck – für ihn spitzt sich die Lage zu
Mit der immer dramatischeren ökonomischen Notlage in seinem Land schwindet auch der gesellschaftliche Rückhalt für den türkischen Präsidenten Erdogan. Bisher gelang es dem Regierungschef wiederholt, durch äußere Konflikte von innenpolitischen Schieflagen abzulenken. Zu diesem Zwecke beschwor Erdogan immer wieder die „Einheit der Nation“, die schon der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk beanstrengte – dieses Mal scheint es, spitzt sich auch für den Präsidenten die Lage zu.
Zuletzt griff der türkische Regierungschef auch eine Sängerin verbal an, ein Schachzug, der nach hinten losging: Die Solidarität mit der betroffenen Musikerin war groß, der türkische Präsident musste zurückrudern. Erdogan steht kaum für konsequente Friedenspolitik oder Meinungsfreiheit, darüber kann auch sein Handeln im Ukraine-Krieg nicht hinwegtäuschen. Das Vorgehen der Türkei gegen die Kurden dauert an, von Verständigungsversuchen seitens Erdogan: Keine Spur. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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