VonJohannes Dieterichschließen
Im Niger feiern vor allem die jungen Menschen den Putsch der Militärs. Doch die Erfahrung in den Nachbarländern Mali und Burkina Faso zeigt: Nichts wird besser.
Die Militärregierungen von Mali, Burkina Faso und Niger haben ein Verteidigungsbündnis unterzeichnet, um „gegen Terrorismus in den drei Ländern zu kämpfen“. Die sogenannte Liptako-Gourma-Charta sieht die Gründung der Allianz der Sahelstaaten (AES) vor, wie der malische Juntachef Assimi Goita am Wochenende mitteilte. Die Allianz soll eine „Kombination militärischer und wirtschaftlicher Bemühungen“ sein. Dem Kampf gegen den Terrorismus werde dabei Priorität eingeräumt.
Die Region Liptako-Gourma liegt im Dreiländereck Mali, Burkina Faso und Niger. Die Gegend ist in den vergangenen Jahren von Dschihadisten verwüstet worden. Ein dschihadistischer Aufruhr hat sich seit 2012 vom Norden Malis auf die beiden Nachbarländer ausgeweitet. Doch nicht nur aus diesem Grund hat sich die Sicherheitslage in allen drei Ländern drastisch verschlechtert.
Niger: In Niger hat sich die Lage noch einmal verschärft. So teilte die französische Regierung am Wochenende mit, dass sich der französische Botschafter faktisch in Geiselhaft befinde. Er könne seine Residenz nicht verlassen und sei zur unerwünschten Person erklärt worden, hieß es. Im Land hatte es Ende Juli einen Putsch des Militärs gegeben, das danach mehrere Abkommen mit Frankreich aufgekündigt hat.
Tausende junge Menschen jubelten den Junta-Offizieren in Nigers Hauptstadt Niamey zu. Das verblüfft, doch die nigrische Bevölkerung wird über soziale Netzwerke und Radiosender beeinflusst. Suggeriert wird, dass die ehemaligen Kolonialnationen, vor allem Frankreich, nicht an der Bekämpfung des islamistischen Extremismus interessiert sei, weil dieser die Abhängigkeit des Kontinents von westlicher Unterstützung aufrechterhalte.
Zudem weiß die Bevölkerung in Niger nicht viel über die Verhältnisse in den Nachbarländern. Die Wirklichkeit dort steht in krassem Gegensatz zu den Versprechungen der Putschisten.
Mali: Nach zwei Jahren Junta-Herrschaft ist der westafrikanische Unruhestaat wieder dort angelangt, wo er vor elf Jahren stand: vor einem Bürgerkrieg und der erneuten Teilung. Außer den sich immer weiter ausbreitenden Umtrieben der zahlreichen islamistischen Extremistengruppen flammt auch der Konflikt mit den sezessionistischen Tuaregs im Norden des Landes wieder auf: Nach mehreren blutigen Zusammenstößen mit den Truppen des Putschistenführers Assimi Goïta spricht die ehemalige Rebellengruppe „Koordination der Bewegungen Asawads“ (CMA) wieder von „Zeiten des Krieges“ und kündigte die Gründung der „Nationalen Streitkräfte Asawads“ (des Namens ihres erwünschten Staates) an. Das vor acht Jahren zwischen der CMA und der damaligen malischen Regierung geschlossene „Abkommen von Algier“ scheint nur noch Makulatur zu sein.
Die ersten Kämpfe brachen bereits Mitte August um das wenige Kilometer von Timbuktu entfernte Militärlager Ber aus, das von Soldaten der UN-Mission Minusma geräumt worden war. Die rund 13 000-köpfige Mission, der auch mehr als 1000 Soldaten der Bundeswehr angehören, muss auf Betreiben der Junta bis Ende dieses Jahres abgewickelt sein: Spätestens dann ist zu befürchten, dass der Bürgerkrieg wieder in vollem Umfang ausbricht.
CMA-Kämpfer drangen in der vergangenen Woche auch in das zwischen Timbuktu und Gao gelegene Städtchen Bourem ein, zogen sich nach einem Gegenangriff der Regierungstruppen allerdings gleich wieder zurück. „Unser Ziel ist es nicht, Städte zu halten“, sagte ein Sprecher der Bewegung. In die Kämpfe seien auch Söldner der russischen Wagner-Truppe verwickelt gewesen, hieß es weiter: In Mali sind derzeit rund 1500 der für ihre Rücksichtslosigkeit berüchtigten Kämpfer stationiert.
Auch die Angriffe extremistischer Islamisten nehmen zu. Vergangene Woche überfiel die mit Al Kaida verbündete Gruppe „Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin“ (JNIM) ein Passagierschiff auf dem Niger und tötete 49 Zivilisten. Am selben Tag attackierte JNIM auch ein Lager der Armee im Städtchen Bamba und tötete 15 Soldaten. Einen Tag später verübte die Gruppe schließlich auch einen Selbstmordanschlag auf eine Kaserne in Gao – auf dem Flughafen der Provinzhauptstadt sind noch immer Bundeswehrsoldaten stationiert. Die Extremisten gaben außerdem bekannt, einen Hubschrauber der Wagner-Truppe abgeschossen zu haben.
Beim Bürgerkrieg vor elf Jahren kämpften die Dschihadisten auf der Seite der Tuareg-Sezessionisten und waren an der Teilung des Landes zwischen dem von Rebellen und Extremisten gehaltenen Norden und dem Süden des Landes beteiligt. Sie wurde erst nach der Intervention von 1700 französischen Soldaten wieder aufgehoben, die sowohl die Extremisten wie auch die Sezessionisten in die Wüste abdrängten. Unter UN-Vermittlung schloss die malische Regierung zwei Jahre später mit den Tuareg-Gruppen das Friedensabkommen von Algier ab, das diesen eine weitreichende Autonomie im Norden des Landes einräumte. Dem Abkommen stehen Malis Militärs skeptisch gegenüber: Sie werfen sowohl Frankreich wie der UN vor, die Sezessionsbemühungen der Tuareg zu unterstützen.
Zu einer erneuten Verbrüderung zwischen den islamistischen Extremisten und Sezessionisten ist es bislang nicht gekommen. Ausgeschlossen wird das allerdings nicht. Generell hat sich die Sicherheitslage in Mali seit den zwei Staatsstreichen im August 2020 und Mai 2021 drastisch verschlechtert. Hält der Trend an, werden in diesem Jahr mehr als 1000 gewalttätige Zwischenfälle registriert werden – dreimal mehr als vor drei Jahren. Dabei hatten die Militärs die Macht mit der Begründung an sich gerissen, dass die zivile Regierung im Kampf gegen die Extremisten kläglich versagt habe.
Burkina Faso: Auch in Malis Nachbarstaat Burkina Faso ist die Bilanz der Junta alles andere als positiv. Dort kontrolliert die Militärregierung nur noch 60 Prozent der Landesfläche, mehr als 800 000 Menschen sind von der Außenwelt abgeschnitten, eine Million Jugendliche können nicht mehr zur Schule gehen. Nach Angaben des International Rescue Committees (NRC) sind 42 000 Menschen vom Hungertod bedroht. Die Hilfsorganisation nennt die Krise in Burkina Faso die „am meisten vernachlässigte der Welt“. mit afp
