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Offshore-Windpark: EnBW setzt mit Verzicht auf Förderung Maßstäbe

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Technisch nichts neues für EnBW: 2015 eröffnete das Energieunternehmen bei Stralsund schon einen Windpark im Wasser.
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Der Stromkonzern EnBW startet mit dem Bau des derzeit größten Offshore-Windparks – und er geht das Projekt ohne öffentliche Förderung an.

Windstrom satt – und das ohne öffentliche Förderung. Der baden-württembergische Stromkonzern EnBW packt dieses Projekt zusammen mit einem Konsortium aus drei Partnerunternehmen an. Am Pfingstsamstag hat er die Bauarbeiten für Deutschlands bisher größten Offshore-Windpark „He Dreiht“ in der Nordsee gestartet, der soviel Strom liefern wird, dass 1,1 Millionen Haushalte damit versorgt werden können. Die Bauzeit ist auf gut eineinhalb Jahre veranschlagt, Betriebsstart soll Ende 2025 sein. Investiert werden rund 2,4 Milliarden Euro. „He Dreiht“ ist Niederdeutsch und bedeutet „Er Dreht“.

Geht alles nach Plan, tritt die Offshore-Windkraft damit hierzulande in eine neue Phase ein. Die „Windernte“ zur Stromgewinnung in Nord- und Ostsee begann 2010 mit dem Offshore-Testfeld „Alpha Ventus“, das zwölf Windräder der Fünf-Megawatt-Klasse umfasst. Dieser und alle anderen nachfolgenden Windparks im Meer wurden nur gebaut, weil das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Betreibern eine erhöhte Einspeisevergütung für den produzierten Strom garantierte. Das war auch durchaus gerechtfertigt. Mit den Projekten wurde quasi „Neuland im Wasser“ betreten, was enorme Investitionen und Risiken bedeutete.

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„He Dreiht“ aber ist nun das erste Offshore-Projekt, das ohne EEG-Vergütung gebaut und betrieben wird. Es rechnet sich von selbst, ohne eine Umlage, die von den Stromkunden oder dem Staat gezahlt werden müsste. Der neue Windpark wird in einer 63 Quadratkilometer großen Zone in der Deutschen Bucht errichtet, gelegen etwa 85 Kilometer nordwestlich der ostfriesischen Insel Borkum und rund 110 Kilometer westlich von Helgoland. Er ist mit 64 Windkraftanlagen geplant, die zusammen maximal 960 Megawatt leisten. Die Leistung ist damit mit der von konventionellen Kraftwerken vergleichbar, sie beträgt mehr als das 15-fache von Alpha Ventus.

Der Bau des Windparks ist eine logistische Meisterleistung. Einer der größten Schwimmkräne der Welt, „Thialf“ genannt, installiert die Fundamente für die Windräder im Meeresboden. Eingesetzt wird dabei jeweils ein „Monopile“, ein 70 Meter langes Stahlfundament mit einem Durchmesser von 9,2 Metern und einem Gewicht von rund 1350 Tonnen. Auf dieses Fundament wird ein Verbindungsstück gesetzt, das den Turm der Windenergieanlage trägt. Ins Baufeld werden Monopiles und Verbindungsstücke auf schwimmenden Plattformen gebracht, die zuvor im niederländischen Eemshaven beladen wurden. Zu Hochzeiten werden mehr als 500 Mitarbeiter:innen auf dieser Großbaustelle mitten im Meer arbeiten. Über 60 Schiffe sind am Bau beteiligt. Koordiniert wird das Projekt vom Offshore-Büro der EnBW in Hamburg.

Der Stromkonzern EnBW hat sich bei „He Dreiht“ für die neueste Generation von Windrädern des dänischen Herstellers Vestas entschieden. Es sind wahrhaft riesige Anlagen. Sie haben eine Nabenhöhe von 142 Metern und einen Rotordurchmesser von 236 Metern, wobei die von der Turbine überstrichene Fläche 43 742 Quadratmeter beträgt – das entspricht in etwa der Größe von gut sechs Fußballfeldern. Eine einzige Rotorumdrehung einer solchen Turbine reicht raus, um vier Haushalte einen Tag lang mit Strom zu versorgen. Es ist ein Quantensprung gegenüber den Fünf-Megawatt-Anlagen, die im Pilotprojekt Alpha-Ventus genutzt werden. Deren Nabenhöhe beträgt 92 Meter, ihre Rotoren messen 126 Meter.

EnBW: Windpark liefert Strom an Großabnehmer

Der Plan ist, dass bis in den Sommer hinein alle Fundamente sitzen. Parallel läuft die Produktion der Windkraftanlagen sowie der Stromkabel, die später die Verbindung zum Elektrizitätsnetz an Land herstellen. Deren Installation und Verlegung soll im Frühjahr 2025 starten.

Die halbstaatliche EnBW hatte sich bei der ersten Offshore-Ausschreibung in Deutschland vor sieben Jahren um das Projekt beworben. Der Konzern bekam den Zuschlag, weil er komplett auf eine EEG-Förderung verzichtet hatte, während andere Mitbewerber Einspeisevergütungen von bis zu sechs Cent pro Kilowattstunde verlangt hatten. Konzernchef Georg Stamatelopoulos erinnerte daran, damals hätte viele gesagt, es handele sich um „politisches Angebot“. Heute sei man bei EnBW sicher, „dass wir das Projekt wirtschaftlich betreiben können“.

Ein wesentlicher Teil des Stroms aus dem Windpark wird an Großabnehmer fließen, unter anderem an Bosch, die Deutsche Bahn, Fraport, Evonik und die Stahl-Holding Saar. Der Konzern werde seinen Teil zur weiteren Beschleunigung der Energiewende in Deutschland beitragen, sagte Stamatelopoulos zum Baustart, man wolle deshalb bis 2030 insgesamt 40 Milliarden Euro in die Energiewende investieren, den Löwenanteil davon in Deutschland.

Rund 13 Milliarden Euro sind danach allein in den Bau von Wind- und Solarparks sowie von flexibel regelbaren und wasserstofffähigen Gaskraftwerken geplant, wobei letztere zur Sicherheit der Versorgung bei zu wenig Wind und Sonne betragen sollen. „Unser Ziel ist es, bis 2035 ein klimaneutrales Unternehmen zu sein.“ Für das Konzern mit Sitz in Karlsruhe, der ein klassischer Stromversorger mit besonders hohem Atomstromanteil war, bedeutet das einen rasanten Umbau.

Auch für die Entwicklung des Offshore-Wind-Sektors ist das Großprojekt „He Dreiht“ mit fast einem Gigawatt Leistung wichtig. Bisher haben die vorhandenen Windparks in Nord- und Ostsee eine Gesamtleitung von acht Gigawatt, bereits bis 2030 sollen es nach Plänen der Bundesregierung aber bereits 30 Gigawatt sein. Der Zubau war 2020 und 2021 praktisch zum Erliegen gekommen, läuft seither aber wieder hoch. Ob die Regierungsziele zu erreichen sind, ist trotzdem fraglich. Stamatelopoulos sagt dazu, die Ziele seien „sehr ambitioniert“, allerdings sei es noch möglich, sie zu erreichen. „Aber wenn das Priorität hat, dann muss man andere Dinge unterordnen, etwa mit Blick auf die Umweltverträglichkeitsprüfungen.“

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