Türkei

Nach dem Erdbeben: „Es fehlt noch immer an allem“

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Antakya in der türkischen Provinz Hatay in der Osterwoche: Noch immer sind die Gebäudetrümmer und Bagger überall.
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Zwei Monate nach der Naturkatastrophe in der Türkei warten viele Menschen auf Hilfe.

Mehr als 10 000 zerstörte Gebäude, weitere 30 000 sind schwer beschädigt und nicht bewohnbar – Hatay ist eine der am stärksten von dem Erdbeben betroffenen Städte im Süden der Türkei. Offiziell starben dort über 20 000 Menschen, inoffiziell aber sind es viel mehr – denn unter den Trümmern liegen noch zahlreiche Tote.

„Wir sehen Schilder an den eingestürzten Gebäuden, auf denen steht: ,Unter diesen Trümmern liegen Leichen, bitte rufen Sie an, wenn Sie die Trümmer wegräumen wollen’“, berichtet Mert Aslanyürek aus Hatay. Er arbeitet ehrenamtlich für die Initiative „Hatay Deprem Dayanismasi“ (Hatay Erdbeben Solidarität). Gegründet wurde die Initiative wenige Tage nach der Naturkatastrophe. Sie versuche, Hilfe für grundlegende humanitäre Bedürfnisse zu organisieren, an der es noch mangele, sagt Aslanyürek. Inzwischen seien sie etwa 50 Ehrenamtliche, anfangs seien sie bis zu 200 gewesen. Viele, die für die Initiative arbeiten, stammen aus Hatay und sind selbst Erdbebenopfer.

Der Rest der Türkei kehrt zwar langsam zurück zur Normalität, doch die Situation in Hatay, wie auch in anderen betroffenen Städten, hat nichts mit Normalität zu tun. Die Probleme mit der Grundversorgung bestehen weiterhin, unter anderem, weil „die monatlichen Hilfspakete in der Regel nur bis zu drei Wochen reichen und es immer wieder zu Engpässen im Grundbedarf kommt“, sagt Aslanyürek. Die andere Probleme mit fehlenden Toiletten, Duschen sowie mit dem Zugang zu Zelten habe man immer noch. Ein grundlegendes Problem sei der Zugang zu sauberem Wasser in Hatay, so dass die Initiative einen Aufruf in den sozialen Medien starten musste, um Wasserspenden zu sammeln.

„Viele Menschen haben hier ihre Verwandten verloren, weil es keine Hilfe vom Staat gab. Diese Menschen sind sehr wütend darüber, dass sie an den Trümmern gewartet und keine Unterstützung gefunden haben. Menschen, die ihr Leben nach dem Erdbeben fortsetzen wollen, können ihre Grundbedürfnisse nicht decken“, sagt Mert Aslanyürek. Ob der Staat in Hatay inzwischen in Erscheinung tritt? „Die meisten Zelte in Hatay wurden von internationalen Organisationen, Parteien und Gewerkschaften gespendet. Auch für alle anderen Hilfsgüter wie Lebensmittel, Kleidung und Hygienematerialien kann ich das sagen. Wir haben bisher so gut wie keine staatliche Unterstützung erhalten.“

Am 40. Tag nach dem Erdbeben organisierte die Initiative einen Umzug durch Hatay, begleitet von „Baxur“ – ein von arabischen Aleviten traditionell bei Gedenkfeiern verwendeter Duft. Sie wollten die „bestehende Kultur schützen und die Stadt wiederaufbauen“, sagt Aslanyürek. Zu diesem Zweck habe die Initiative nun traditionelle „Tandur“-Backöfen in den Vierteln gebaut, damit das traditionelle Brot weiterhin hergestellt werden könne.

Erdbeben in der Türkei: Jüdisches Viertel zerstört

Doch es gibt Traditionen, die nicht am Leben erhalten werden können. Die jüdische Gemeinde von Antakya, ein Stadtteil von Hatay, eine der ältesten bekannten jüdischen Gemeinden der Welt, hat eine Geschichte von mehr als 2200 Jahren. Saul Cenudioglu, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Antakya, bemühte sich um den Erhalt der jüdischen Gemeinde in der Stadt, die nur aus wenigen Mitgliedern bestand. Er und mehrere Gemeindemitglieder kamen jedoch bei dem Erdbeben ums Leben, auch die historische Synagoge wurde zerstört. Kurz nach dem Erdbeben verkündete die jüdische Gemeinde in der Türkei, dass „2500 Jahre jüdischen Lebens in Hatay damit zu Ende ging“.

Auch das letzte armenische Dorf Vakifli, das in Hatay liegt, wurde von dem Erdbeben schwer getroffen. Viele Häuser wurden zerstört. Die Bewohner:innen des Dorfes müssen nun in Zelten leben, doch sind sie noch dankbar -es gibt keine Todesopfer.

Unklar ist nun, wann es möglich sein wird, die Zelte zu verlassen und zur Normalität zurückzukehren. Erst am vergangenen Mittwoch wurde die vom Staat errichtete Zeltstadt im Bezirk Samandag bei starkem Regen und Sturm überflutet – und das nicht zum ersten Mal seit dem Erdbeben. Nach Angaben von Präsident Recep Tayyip Erdogan sollen die Städte und insgesamt 319 000 Häuser innerhalb eines Jahres wieder aufgebaut werden sowie bis zum nächsten Monat 100 000 Wohncontainer zur Verfugung gestellt werden.

Doch laut der türkischen Architektenkammer ist es nicht möglich, eine Stadt innerhalb eines Jahres aufzubauen, ohne das Gebiet wissenschaftlich zu analysieren und einen Planungsprozess durchzuführen. „Die Politiker, die die Warnungen der Fachkammern, der Wissenschaft und der Technik ignorieren und renditeorientierte Entscheidungen in den Bereichen Städtebau und Architektur treffen, sind dafür verantwortlich, dass das Erdbeben und die Unwetter zu Katastrophen werden. Diese Rücksichtslosigkeit ist die größte Katastrophe, die unser Land je getroffen hat“, so die Vorsitzende der Kammer in Ankara, Tezcan Karakus Candan. Präsident Erdogan widerspricht dieser Kritik: „Millionen von Menschen, die in diesen Städten leben, haben weder die Zeit noch die Geduld, auf das Vergnügen anderer zu warten.“

Auch Mert Aslanyürek zufolge ist ein solch schneller Wiederbau nicht realistisch. Fast zwei Monate nach dem Erdbeben müssten sich noch immer mehrere Familien jeweils ein Zelt teilen. Angesichts der bevorstehenden Hitzewellen sei dies auch aus gesundheitlicher Sicht gefährlich. „Es ist nicht mal möglich, Wohncontainer zu finden. Nur sehr wenige Familien sind in der Lage, das zu erreichen, und das aus eigenen finanziellen Mitteln“, so Aslanyürek. Auch die Initiative versuche nun etwas Normalität zu schaffen und baue „Schulen in Zelten“ mit ehrenamtlichen Lehrer:innen, denn vor allem Kinder bräuchten dringend so etwas wie annähernd geregelte Abläufe.

„Viele Menschen erzählen uns, dass sie in den ersten Tagen nach dem Erdbeben weggegangen sind und dass sie nun zurückkommen wollen, wenn sie in Hatay ein Zelt finden. Niemand will seine Stadt, seine Nachbarschaft verlassen“, sagt Aslanyürek. Doch die notwendigen Voraussetzungen, wie eben Unterkünfte, für eine solche Rückkehr seien nicht erfüllt. „Wir haben hier eine Situation, in der die Hilfe von normalen Menschen für normale Menschen organisiert wird“, so Aslanyürek. „Unsere Macht ist sehr begrenzt.“

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