Sajeed Wazed, Sohn der geschassten Premierministerin Sheikh Hasina, spricht im Interview über den Schutz der Demokratie in Bagladesch und wie der Westen dabei helfen kann.
Herr Wazed, bei den gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Studenten, Polizei und bewaffneten Anhängern Ihrer Mutter sind bis dato mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. Sheikh Hasina trat am 5. August zurück und floh nach Indien. Die Armee hat die Kontrolle übernommen. Wie konnte es so weit kommen?
Terroristen, nicht Studenten, steckten hinter der Gewalt. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wer diese Kriminellen waren, aber es waren schwer bewaffnete Militante. Sheikh Mujibur Rahman, mein Großvater, war der Gründer von Bangladesch, er gewann 1971 die Unabhängigkeit von Pakistan. Haben Sie gesehen, wie die Randalierer seine Statue verstümmelten und das Haus zerstörten, wo er und andere Familienmitglieder später ermordet wurden? Wer auch immer hinter diesen Unruhen steckt, ist offensichtlich gegen die Unabhängigkeit Bangladeschs.
Da würde der erste Verdacht auf Pakistan fallen, das 1971 durch die Unabhängigkeit Bangladeschs seine Exklave Ostpakistan verlor. Der pakistanische Geheimdienst ISI soll auch Beziehungen zu Islamisten im Land unterhalten, wie er das anderswo im Mittleren Osten auch schon getan hat.
Ja, wir verdächtigen den ISI, aber wir haben noch keine direkten Beweise.
Es gibt widersprüchliche Berichte über den Verbleib von Sheikh Hasina, seit sie am 5. August an Bord eines Armeehubschraubers aus dem Land floh.
Sie ist in Neu-Delhi. Entgegen allen Gerüchten hat sie keine Pläne, woanders hinzugehen. Auch hat sie weder im Vereinigten Königreich noch in den Vereinigten Staaten Asyl beantragt.
Die indische Armee zwang einst die pakistanischen Truppen zur Kapitulation und ermöglichte so die Gründung Bangladeschs. Zuvor sah Indien sich ja quasi ständig in die Zange genommen zwischen „zwei Pakistans“. Neu-Delhi hat daher auch gute Beziehungen zu Ihrer Mutter unterhalten, aber muss gute Beziehungen zu jeder Regierung aufbauen, die in Dhaka an die Macht kommt.
Das ist mir bewusst. Dennoch möchte ich der indischen Regierung für ihre schnelle Reaktion danken. Indien hat meiner Mutter das Leben gerettet, wir werden ihm ewig dankbar sein. Ich möchte Indien dringend auffordern, seinen globalen Einfluss zu nutzen, um die Rückkehr einer demokratischen Regierung nach Dhaka zu gewährleisten: eine, die sich Radikalismus und Militanz in Bangladesch widersetzt und die auch Indien daher mit Zuversicht unterstützen kann.
China hat massiv investiert in Bangladesch, Ihr Land ist Teil der chinesischen Belt-and-Road-Initiative (BRI), die nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung bringt. Der Westen macht darauf oft aufmerksam, dass China mit seinen Industrie- und Infrastrukturprojekten wie auch mit seiner erst mal großzügigen Kreditvergabe seine Macht im indopazifischen Raum ausdehnt.
Die westlichen Länder sollten die Rückkehr zur Demokratie in Bangladesch unterstützen, das ist alles, was ich verlange. Wenn diese Länder wirklich an die Demokratie glauben, dann müssen sie doch auch die guten Beziehungen Bangladeschs zu China akzeptieren. Nur weil wir Teil der chinesischen BRI sind, heißt das nicht, dass wir uns vom „Westen“ weg und in „östliche Kreise“ bewegen. Bangladesch ist unabhängig, blockfrei und kann gute Beziehungen sowohl zum Westen als auch zu China unterhalten.
Zur Person
Sajeed Ahmed Wazed (53) ist ein IT-Geschäftsmann und beriet die Regierung seiner Mutter in Sachen Kommunikationstechnik. Sein erklärtes Ziel ist es, Bangladesch zu einem führenden IT-Exporteur zu machen. FR
Es gibt Hinweise darauf, dass Sheikh Hasina im Juli ihren offiziellen Besuch in China abbrach, weil Peking einige seiner Verpflichtungen gegenüber Dhaka nicht erfüllt hat. Manche mutmaßen, China könnte die Proteste befeuert haben ...
Schauen Sie, diese Berichte sind falsch. Sheikh Hasina brach ihre Reise nicht wegen einiger Meinungsverschiedenheiten mit China ab, sondern just wegen des Ausbruchs dieser Proteste. Daher musste sie früher zurückkehren. Und ich sehe keine chinesische Hand hinter diesen Ausschreitungen. Die Beziehungen zu China sind in Ordnung.
Der Sozialökonom Mohammed Yunus soll nun eine Übergangsregierung für die nächsten drei Monate führen. Er erhielt den Nobelpreis für seine bahnbrechende Erfindung des Mikrobankwesens, sah sich während der Amtszeit Ihrer Mutter aber mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und wurde auch zu Gefängnis verurteilt. Sheikh Hasinas Awami-Liga ließ ihn auch aus seiner eigenen Bank entfernen. Nun werden Indien und der Westen aber auf seine demokratische Glaubwürdigkeit setzen. Können Sie damit leben?
Wir können Militanz und Gewalt nicht akzeptieren. Wir glauben an Demokratie und Dialog. Deshalb sind wir bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, der unsere Verfassung hochhält und die Demokratie wiederherstellt. Wir möchten die Vergangenheit ruhen lassen. Ja, wir werden mit Herrn Yunus zusammenarbeiten.
All die Wut hat sich auf Ihre Mutter entladen. Aber auch ihre eigenen Anhänger trugen Waffen, sie könnten für viele Todesfälle unschuldiger Menschen verantwortlich sein. Die Armee wurde nicht gerufen, um Recht und Ordnung wiederherzustellen. Hätte Sheikh Hasina es anders machen können?
Ja, auf jeden Fall. Es war eine schnelllebige Situation, eine fließende. Manchmal ist das „Richtige“ nicht immer klar. Auch wurden nicht alle Entscheidungen von ihr getroffen, sondern manchmal von anderen auf niedrigeren Ebenen. Es gab eine absichtliche Fehlinterpretation einiger Dinge, die sie gesagt hatte. Sie wurden zu aufrührerischen Parolen verdreht. Ich war an vielen Entscheidungen beteiligt, die in den letzten Monaten getroffen wurden, daher weiß ich, wovon ich spreche.
Sheikh Hasina ist 77 Jahre alt. Hat Ihre Mutter wirklich gesagt, dass sie jetzt in Rente gehen will? Oder ist es das, was Sie, ihr Sohn, von ihr wollen?
Sie wollte, dass dies ihre letzte Amtszeit ist. Sie wollte die zukünftige Führung vorbereiten. Aber jetzt werden unsere Parteiführer angegriffen und getötet, ihre Büros in Brand gesteckt. Wir können nicht tatenlos zusehen. Es gibt ein politisches Vakuum, darüber werden wir nachdenken müssen. Vielleicht kehrt sie zurück. Vielleicht auch ich. Wir werden alles tun, was nötig ist.
Interview: Padma Rao
